Gesellschaft

Wie ein deutscher Bettler in Rom zum Heiligen wurde

17. November 2025, 06:30 Uhr · Quelle: dpa
Ein deutscher Obdachloser lebte jahrelang in Rom und starb an der Kälte. Nun hängt sein Porträt als Apostel Petrus auf einem berühmten Altarbild, umgeben von modernen Figuren.

Rom (dpa) - In den Nächten ist es jetzt auch in Rom schon wieder kalt. So kalt, dass die Obdachlosen, die jeden Abend rund um den Petersplatz ihr Nachtquartier aufschlagen, einige Extralagen Zeitungen und Karton mitbringen. Wenn auch nicht so bitterkalt wie im November vor drei Jahren, als einer von ihnen hier erfror, ein Deutscher. Jetzt ist Burkhard Scheffler - so hieß der Mann, den bislang kaum jemand mit Namen kannte - zurück: als Petrus auf einem Altarbild einer Nebenkirche des Petersdoms. Heiliger geht kaum.

Die Geschichte, warum ein toter deutscher Bettler nun im Zentrum der katholischen Kirche als Apostel mit dem Schlüssel zum Himmelreich auf einem Heiligengemälde zu sehen ist, ist einigermaßen kompliziert. Es gab dafür keinen großen Plan. Abgesehen von vielen Zufällen waren beteiligt: der inzwischen ebenfalls verstorbene Papst Franziskus, ein italienischer Popstar, ein bekannter deutscher Maler und die Vereinten Nationen.

10.000 Obdachlose in Rom und im Vatikan

Aber der Reihe nach. Scheffler gehörte zu den mehreren Dutzend Obdachlosen, die das ganze Jahr hindurch unter den Kolonnaden des Petersplatzes übernachten. Der Vatikan erlaubt das. Die überdachten Säulengänge bieten Schutz vor Wind und Regen. Außerdem sind die Touristen hier eher bereit, Geld zu geben als anderswo in der Stadt. Im Sommer reichen Decke oder Schlafsack. Im Winter bauen die meisten ein Zelt auf.

Scheffler, geboren 1961, lebte so mehrere Jahre lang. In Obdachlosenheimen wollte er nicht übernachten. Er kam aus dem Ruhrgebiet, war früher Ingenieur. Alleinstehend, Kinder hatte er keine. Meist war er mit dem Rucksack unterwegs, Basecap auf dem Kopf und dazu eine Flasche Bier. Mit der Zeit hatte er einen gewaltigen Bart. So tauchte er 2017 in einem Video des Rockmusikers Jovanotti auf, einer Art italienischem Herbert Grönemeyer, in den Sekunden 19 bis 21. Das Lied heißt «Oh, vita!». Ach, das Leben! Zehn Euro bekam er dafür.

«Der sieht aus wie Petrus»

Mit seinem Bart fiel der Bettler auch Michael Triegel auf. Der Maler aus Leipzig, der auch den früheren deutschen Papst Benedikt XVI. porträtiert hat, ist oft in Rom. Im Winter 2018 sah er Scheffler im Stadtteil Trastevere auf der Schwelle einer Kirche sitzen. «Ich habe sofort gedacht: Der sieht aus wie Petrus. Wenn du irgendwann einen Petrus für ein Bild brauchst - das ist dein Petrus.» 

Scheffler willigte ein, sich malen zu lassen. Triegel brauchte eine halbe Stunde nur. Die beiden redeten nicht groß miteinander. «Ich habe nicht einmal mitbekommen, dass er Deutscher war», erinnert sich der Maler im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Am Ende gab er 70 Euro. Aus der Skizze wurde ein Porträt «Römischer Bettler», das inzwischen in Leipzig hängt. 

Wegen Streits um Standort zwei Jahre in Rom

Das Porträt nutzte Triegel auch, als er den Auftrag bekam, für ein im 16. Jahrhundert schwer beschädigtes Altargemälde von Lucas Cranach dem Älteren (1472-1553) aus dem Dom von Naumburg (Sachsen-Anhalt) einen neuen Mittelteil zu malen. Dort ist der Obdachlose aus Rom nun inmitten anderer moderner Figuren auf goldenem Grund als Petrus mit rotem Basecap zu sehen, der Zweite von rechts. 

Nur wusste bis vor kurzem niemand, dass das Vorbild für den Apostel Burkhard Scheffler hieß und nicht mehr am Leben ist. Der Bettler wurde an einem Novembermorgen 2022 unter den Kolonnaden tot aufgefunden. Er war über Nacht erfroren, 61 Jahre alt. Die Nachricht erreichte auch den damaligen Papst. Franziskus nahm den Deutschen in sein nächstes Sonntagsgebet auf. Zudem sorgte dafür, dass Scheffler auf dem Campo Santo Teutonico ein Grab erhielt, dem deutschen Friedhof neben dem Petersdom.

Erst Fotos brachten Gewissheit

Und nur so bekam der Petrus auf dem Gemälde auch einen Namen und eine Geschichte: Seit einiger Zeit gibt es Streit darüber, wo der umgestaltete Cranach-Altar im Naumburger Dom stehen soll. Inzwischen beschäftigen sich damit sogar die Denkmalschützer der UN-Kulturorganisation Unesco. Befürchtet wird, dass dem Dom der Status als Welterbestätte entzogen wird. Deshalb wurde das Altargemälde jetzt vorübergehend nach Rom ausgelagert. 

In der Kirche des Campo Santo Teutonico steht es nun, wenige Schritte entfernt von Schefflers Grab. Erst hier fiel auf, dass der Petrus auf dem Gemälde und Scheffler identisch sind. Gewissheit gab es erst durch die wenigen Fotos, die es von dem Bettler gibt. Auch Triegel erfuhr erst so, wie das Vorbild für seinen Petrus hieß und was aus ihm wurde. «Wenn er jetzt einen Namen bekommen hat und wieder an ihn gedacht wird, dann hat sich das gelohnt», sagt er. «Der liebe Gott wird sich dabei etwas gedacht haben.» 

Das Altargemälde wird nun die nächsten zwei Jahre in Rom zu sehen sein. Bis dahin, so hoffen sie in Naumburg, ist im Streit um den Standort eine Lösung gefunden. Unter den Obdachlosen auf dem Petersplatz hat sich allerdings noch nicht herumgesprochen, dass einer von ihnen jetzt nur einige Meter weiter als Petrus hängt. An einen Deutschen, der hier erfroren ist, kann sich von den Leuten, die sich an diesem Novemberabend in ihre Decken einwickeln, keiner erinnern.

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17.11.2025 · 06:30 Uhr
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