«Wer wird Millionär»-Moderator Günther Jauch: ‚Habe mich dafür eingesetzt, dass die Specialitis ...

Am Freitag moderiert Jauch bei RTL das neue Live-Event «Bin ich schlauer als Günther Jauch?». Was mit ihm im Vorfeld passierte, ist ebenso Teil des Gesprächs wie eine Bestandsaufnahme beim Klassiker «Wer wird Millionär?». Wir wecken bei ihm nostalgische Gefühle in Sachen Sport und «500» und entlocken ihm, was ihm am Verhalten des ein oder anderes Bundesministers nicht passt.

Herr Jauch, wie viel lernt man denn in den rund 20 Jahren als Quizmoderator? A) Nix. B) Bissl was. C) Einiges. D) Viel, aber genauso viel vergisst man auch wieder.

Die Antwort dürfte eine Mischung aus B und D sein. Manches lernt und behält man, anderes geht wiederum den Weg alles Irdischen... Dennoch ist es ein Riesenprivileg, sich jede Woche mit zuweilen hochinteressanten bis hin zu gelegentlichen Nonsens-Fragen zu beschäftigen. Bemerkenswert ist auch, dass viele Kandidaten automatisch davon ausgehen, dass ich jede Frage beantworten kann. Das ist natürlich Unsinn. Trotzdem schauen mich manche wie ein waidwunder Beagle an und erwarten Erste bzw. Letzte Hilfe. Das ist für mich schwierig, weil ich natürlich niemanden in die Irre führen möchte, weil ich mich selbst bei der richtigen Antwort schwertue .

Sie moderieren jetzt am Freitagabend eine Show namens «Bin ich schlauer als Günther Jauch?» – für die Produktion wurde Ihr Gehirn exakt untersucht und davon sogar ein 3D-Modell hergestellt…

Zu Beginn hatte das für mich etwas Frankensteinhaftes. Mein Gehirn wurde in einer Art MRT exakt ausgemessen und abgescannt. Da wurde mein Kopf tatsächlich in Scheiben zerlegt. Das war schon interessant. Aber das war erst der Anfang. Im Max Planck-Institut haben mich die Wissenschaftler während diverser Messungen mit Fragen unter Stress gesetzt. Ich war am Kopf total verkabelt, damit sichtbar werden kann, was in meinem Gehirn in dem Moment passiert. In der Live-Show müssen Prominente dieselben Fragen wie ich bearbeiten. 1000 repräsentativ ausgesuchte Deutsche haben den Test auch schon gemacht und an dem Abend können alle Zuschauer zuhause auch mitmachen. So werden wir sehen, wie ich im Vergleich zu den Prominenten und zu allen Deutschen und zu jedem Zuschauer vor dem Fernseher abschneide. Liege ich da im oberen Bereich, bin ich Durchschnitt oder geht es mit mir so langsam dahin ?

Das lastet schon Druck auf Ihnen.

Das stimmt. Ich habe den Test unter Laborbedingungen bereits gemacht. Da hat es mir schon den Schwitz auf die Stirn getrieben. Man gerät ordentlich unter Druck.

Das Live-Fernsehen wird wieder populärer. «Bin ich schlauer als Günther Jauch?» ist ebenso eine Live-Produktion wie auch Ihre Sendung mit Thomas Gottschalk und Barbara Schöneberger. Das spielt Ihnen als ehemaliger Radiomann sicher in die Karten…

Mir ist live immer viel lieber. Es gab eine Zeit, auch bei RTL, da waren Aufzeichnungen zur Regel geworden. Natürlich konnte im Schnitt dann einiges passend und glatt gemacht werden. Aber es führte auch dazu, dass ewig lang aufgezeichnet wurde. Nach dem Motto: Viel hilft viel und die Auswahl wird größer. Manchmal gewann ich den Eindruck, dass im Schnitt die Spannung erzeugt werden sollte, die es in der Sendung selbst durch die ewige Länge in Wirklichkeit nicht gab. Mir gefallen Live-Produktionen deshalb besser. Klar, sie sind dann manchmal nicht mehr das absolut perfekte Hochglanzfernsehen. Aber davon gibt es eh genug – und der Trend geht im Bereich Show eben weg davon.

Können Sie uns denn Mut machen für ein Live-Special von «Wer wird Millionär?»?

Das ist wirklich die einzige Sendung, bei der ich verstehe, dass live nicht geht. Wissen Sie warum?

Wegen der Telefonjoker, die sonst zu Hause vor dem Fernseher und vor Google warten könnten.

Exakt. Für eine Livesendung müssten wir dieses zentrale Element aus der Sendung herauslösen.

Oder den Telefonjoker in einen abgetrennten Raum neben dem Studio setzen.

Ich glaube, das machen die nicht mit. Einen ganzen Tag dafür frei räumen, dass man dann vielleicht doch nicht drankommt. Das lohnt sich nicht. Netto dauert «Wer wird Millionär?» aktuell um die 90 Minuten, die Aufzeichnungen sind vielleicht fünf Minuten länger. Da wird nur geschnitten, wenn mal ein Mikro neu justiert werden muss oder vielleicht ein Scheinwerfer ausfällt. Sonst ist das quasi Live-on-tape.

Und «Wer wird Millionär?» hat sich nach einer quotentechnischen Schwäche recht gut erholt. Das hätte wohl auch niemand gedacht, dass es nochmal auf dieses Niveau kommt.

Auf die lange Strecke gesehen sind Aufs und Abs völlig normal. Momentan ist alles stabil, die Quoten sind besonders bei den Jungen gestiegen. Ich denke, dass wir angesichts der Quoten total zufrieden sein können. Die Flughöhe der Sendung ist noch immer deutlich über den Wolken. Es ist zudem immer die Frage, welchen Anteil am Erfolg auch die Programmierung hat. Wir wissen, dass die Zuschauer die Doppelfolgen sehr mögen. Jetzt ist nicht mehr nach einer Stunde Schluss, wir haben die doppelte Länge. Specials zu machen, hat sich teilweise bewährt. Ich denke, es ist eine gute Dosierung, wenn wir zwischendurch mal auf das eine oder andere Special setzen. Man darf es damit aber nicht übertreiben. Daher habe ich mich auch dafür eingesetzt, dass die „Specialitis" zuletzt wieder zurückgefahren wurde. So wurde der Markenkern wieder erkennbarer. Was sehr gut ankommt, sind die Zocker-Specials, in denen es um zwei Millionen Euro geht, die Kandidaten aber bis zur 32.000-Euro-Frage keinen Joker verwenden dürfen – und wenn doch, alle weiteren Joker verlieren. Aber die Seele der Sendung wird dadurch eben nicht verändert und ist nicht davon abhängig, dass zum Nikolaus alle Studiozuschauer eine wahnsinnig lustige Mütze auf dem Kopf haben.

Sie haben für RTL auch etliche weitere Quizsendungen gemacht. Etwa die «SKL-Show», in der Kandidaten gar nicht selbst antworten durften oder aber auch «500». Welches Format würden Sie gerne nochmals präsentieren?

Das weiß ich nicht. Es kommt immer auch drauf an, ob uns interessante Wendungen einfallen. Einfache Me-Too-Sendungen finde ich wenig spannend. «500» ist eine Saison lang gut gelaufen, eine Saison lang weniger gut. Dann gab es eine Pause wegen der Fußball EM und aktuell hat sich das Format erledigt. Die Sendung tanzte zwei Sommer lang – das war in Ordnung.

Sie haben ja eine neue Sendung, «Denn sie wissen nicht, was passiert». Der Name ist Programm und reißt Sie vor der Kamera ganz schön aus der Komfortzone.

Das ist sicher so. In der Sendung werden zwei nicht mehr ganz jugendliche Moderatoren ordentlich unter Dampf gesetzt. Wir wissen nicht einmal, wer spielt und wer moderiert. Ich muss sagen, dass mir inzwischen der Part als Nicht-Moderator fast schon besser gefällt. Wer was machen muss, wird übrigens wirklich immer ausgelost und wir haben vorab keine Ahnung. Die Sendung war ganz zu Beginn sicherlich nicht das geliebteste Kind bei RTL, aber der Sender hat das Potential mittlerweile erkannt und die bestellte Stückzahl für 2020 um 50 Prozent angehoben. Darüber freuen wir uns alle.

2019 liefen vier Folgen, dann erwarten uns jetzt also sechs Stück. Wer hätte das also gedacht, dass der ehemalige Sportmoderator Jauch nun quasi zum Sportler vor der Kamera wird…

Wir bewegen uns da im Rahmen der Möglichkeiten, aber dass ich meinem Freund Thomas mal so ins Gesicht schlage, dass das Blut aus der Lippe schießt, hätte ich auch nicht gedacht...

Apropos Sport: Das Feld reizt Sie nicht mehr?

Ich mag Sport wirklich gerne und ich habe mit und durch den Sport eine wunderschöne Zeit gehabt. Aber ich denke, dass es keine gute Idee wäre, mich zum Jupp Heynckes von RTL zu machen. Es war schön, ich habe es gerne gemacht, aber das soll es dann auch gewesen sein.

Uns erwartet ein spannendes politisches Jahr. Es sind ohnehin spannende politische Zeiten. Wann auch immer in Deutschland ein neuer Bundestag gewählt wird, spätestens 2021, dürfte die Politisierung unseres Landes vorangehen. Reizt Sie da ein entsprechendes Format nicht noch einmal?

Ich pflege auch für den Bereich der politischen Sendung keine nostalgischen Sehnsüchte.. Ich habe jahrelang solche Sendungen am Sonntagabend für die ARD gemacht. 21 Jahre «stern TV», rund ein Jahrzehnt lang Fußball, zehn Jahre das «Sportstudio» – «Wer wird Millionär?» mache ich mehr als 20 Jahre. Den Jahresrückblick moderiere ich in diesem Jahr zum 32. Mal. Ich mache es gern, aber ich habe vor 10 Jahren mit dem Weingut aus meiner Familie noch einmal etwas ganz Neues angefangen. Die letzten Jahre habe ich mich dann stark mit dem Projekt eines neuen Restaurants in Potsdam beschäftigt. Ich bin also wirklich ausgelastet.

Rezo, einer, der dieses Jahr Schlagezeilen gemacht hat, wäre doch etwas für Ihren kommenden RTL-Jahresrückblick am 8. Dezember.

Grundsätzlich ja, aber er nimmt sich gerade eine Auszeit. Ich habe lange mit ihm gesprochen und er hat mir erklärt, warum er momentan für Gespräche zu diesem Thema nicht zur Verfügung steht.Das muss man akzeptieren.

Aber was Rezo da gelungen ist, ist schon ein dickes Ding.

Das ist eine Geschichte, die gut skizziert, dass in der Politik noch nicht alle den Gong gehört haben. Die CDU – und nicht nur die – so vor sich herzutreiben, dass sie so massiv fehlreagiert, ist schon eine besondere Leistung und gleichzeitig auch die gerechte Strafe für die Arroganz, die seitens der Politik gegenüber zahlreichen Medien vorherrscht. Ich kenne Minister*innen, die man heute noch darauf aufmerksam machen muss, dass es doch z.B. sinnvoll wäre, auch von Journalisten kommerzieller Sender auf ihren Auslandsreisen begleitet zu werden. Von selbst laden sie nämlich nur öffentlich-rechtliche ein. Dabei würde die Politik bei RTL genau das Publikum erreichen, auf das die Politiker künftig ganz besonders angewiesen sein werden.

Welche Rolle spielen neue Medien denn für die Politik?

Die Geschichte mit Rezo war da eine für die Parteien schmerzhafte Lehre. Es sind fast alle Parteien betroffen, wobei die AfD im Bereich „Social Media“ insofern einen Vorsprung herausgearbeitet hat, als sich das Netz für Hass und Pöbeleien natürlich deutlich besser eignet als die sogenannten klassischen Medien. Ich glaube, dass in der heutigen Zeit Journalisten, die einordnen und Hintergründe beleuchten können, wichtiger denn je sind. Sonst steht man irgendwann vor einer informationellen Müllhalde, die den Menschen schlecht oder gar falsch informiert und damit am Ende unmündig zurücklässt.

Sehen Sie da auch die Privaten in der Verantwortung, sich mehr zu engagieren?

RTL kann man da wahrlich wenig vorwerfen. Was der Sender im Bereich News macht, angefangen von «RTL Aktuell» bis hin zum «Nachtjournal», das immer um Mitternacht läuft, ist im kommerziellen Fernsehen beispiellos. Das «Nachtjournal» war außerdem absoluter Vorreiter in seinem Bereich. Die neue RTL-Führung fährt zudem den Kurs, auch sehr aktuell auf Ereignisse zu reagieren und Sondersendungen ins Programm zu nehmen. Das ist für einen Sender, der eigentlich zu festen Zeiten und Inhalten Werbeplätze verkauft, nun wirklich nicht selbstverständlich.

Danke, Herr Jauch, für das Gespräch.

Magazin / Interview
12.11.2019 · 12:27 Uhr
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