Watch Dogs: Legion im Test

Mit Watch Dogs: Legion hat sich Ubisoft etwas besonderes einfallen lassen: Alle Open-World-Charaktere sollen im dritten Ableger der Reihe spielbar sein. Ob die fehlende Bindung zu einem echten Helden, den man normalerweise auf seiner “Hero’s Journey” begleitet, durch die Abwechslung der unterschiedlichen Charaktere aufgewogen werden kann, habe ich nebst allem anderen einmal genauer überprüft.

Ich muss ehrlich zugeben: So richtig hat mich die erste Ankündigung zu Watch Dogs: Legion damals nicht überzeugt. Denn obwohl ich den Vorgänger Watch Dogs 2 noch richtig gut fand und mich auf einen etwaigen Nachfolger freute, ließ mich der erste Trailer überraschenderweise unbeeindruckt zurück. Irgendwie schien die Kreativität des zweiten Teils im Art Design verschwunden zu sein und an dessen Stelle trat etwas Generisches.

Auch das „Feature“ der unzähligen spielbaren Charaktere mit ihren generischen NPC-Looks anstelle ausgeklügelter Persönlichkeiten, die gerne gecosplayed werden wollen und die einem im Laufe der Story ans Herz wachsen, wirkte auf mich doch eher als Rückschritt. Zumal ich mir nicht ausmalen konnte, dass diese Masse an unterschiedlichen Charakteren entsprechend ausgefeilt in ihren Gameplay-Mechaniken werden würde.

Um es vorab aufzulösen: Ubisoft hat sich sichtlich Mühe gegeben meine Vorahnung in Luft aufzulösen und wirklich hart daran gearbeitet, dass auch Watch Dogs: Legion ein ehrwürdiger Nachfolger wird. Doch die Einschränkungen, die damit in der Geschichte und den Charakteren einhergehen, sind natürlich nicht zu 100% aus der Welt zu schaffen.

Willkommen in London

Um trotz fehlendem Protagonisten einem roten Faden folgen zu können, tritt an elementare Stelle die Hackerorganisation DedSec, die wir bereits aus den vorangegangenen Spielen kennen. Dieser werden, natürlich mit „Fakenews“, mehrere Terroranschläge angehängt um sie öffentlich zu diskreditieren. Wir, die wir es besser wissen, versuchen natürlich für die Wahrheit einzustehen und die am Boden zerstörte Truppe wieder auf die Beine zu helfen.

Da wir als DedSec-Mitglied nun offiziell als Terrorist gelten, müssen wir uns in guter alter „Staatsfeind Nr. 1“-Manier gegen das Gesetz stellen, um unsere Unschuld zu beweisen und den wahren Täter zu finden. Der Weg dahin ist jedoch steinig und mit jeder Menge gewaltbereiter Polizisten und schießwütiger Angestellter aus dem Sicherheitssektor gepflastert.

Der Kern von Watch Dogs: Legion

Während man bei Pokemon im hohen Gras wilde Pokemon einfängt, rekrutieren wir in den sogenannten Rekrutierungsmissionen NPCs und machen sie spielbar. So gehört das Beschaffen von Daten auf Sicherheitsservern wie der Personenschutz von Kameraden zu unseren Aufgaben. Manche wollen sich uns aber partout nicht anschließen, weshalb wir hier den Umweg über Dritte gehen müssen, indem wir einem nahestehenden Menschen dieser Person helfen. Eine Hand wäscht eben die andere.

Egal ob arbeitswütiger Handwerker, fleißiger Verkäufer oder Arm des Gesetzes: Bis hin zu euren Gegnern könnt ihr wirklich jeden von eurer Sache überzeugen. Und sie alle bringen ihre ganz persönlichen Fähigkeiten mit. So ist es uns möglich die Demokratie des Überwachungsstaates nach und nach wiederherzustellen und die Freiheit der londoner Bürger wiederzuerlangen.

Wie im echten Leben machen wir uns unterschiedliche Fähigkeiten unterschiedlicher Personen zu Eigen. In der Regel nutzen sie auch einfach ihren Arbeitgeber aus, um als Beamter auf Waffen zuzugreifen oder im Arbeiterhemd die gesperrte Bereiche zu betreten. Natürlich kann Ubisoft nicht für unzählige NPCs Millionen unterschiedliche Skills erfinden. Vielmehr werden diese Charaktere gruppiert (wie in Hacker oder Sicherheitsdienst) und ihnen mittels zufälliger Namen und Biografie Einzigartigkeit eingehaucht. Am Ende unterscheiden Sie sich untereinander weit weniger, als es einem das Marketing suggeriert.

Das ist vermutlich aber auch gut so: Denn die Spielmechaniken müssen am Ende ja auch ausgereift genug sein, um langfristig Spaß zu machen. Und taktische Finesse bieten sie auf alle Fälle. Denn je nachdem, wie man eine Mission angeht und allem voran mit wem, kann der Schwierigkeitsgrad und die Möglichkeiten zur Erfüllung auch stark schwanken. Fair und machbar bleiben sie dabei aber immer.

Was wäre ein Open World-Spiel ohne stetigen Fortschritt? Natürlich schnell ermüdend. Deshalb lassen sich eure DedSec-Kumpanen auch mit Hilfe von Tech-Punkten upgraden, die ihr im Laufe des Spiels verdient oder auch findet. Damit schaltet ihr neue Fähigkeiten (wie Unsichtbarkeit) und Utensilien (wie Drohnen) frei, die für alle eure Mitglieder gelten und die sich dann auch nochmal verbessern lassen.

Natürlich kann auch wieder gehackt werden. Egal ob ihr elektrische Geräte in hinterhältige Fallen verwandelt oder die staatlichen Überwachungskameras gegen die Obrigkeit selbst einsetzt. Auch Fahrzeuge können wieder ferngelenkt werden, um Verfolgern zu entkommen und Chaos zu stiften.

Hierbei liegt auch die große Stärke des Spiels. Wer auf digitale Kriegsführung keine Lust hat und lieber rohe Gewalt einsetzt, wird schnell bemerken, dass diese nicht zu den Stärken von Watch Dogs: Legion gehört. Denn weder Nahkampf noch Schusswechsel fühlen sich befriedigend genug an, um den Konfrontationskurs der verdeckten Infiltration vorzuziehen.

Ernüchternde Weiterentwicklung

Grafisch wie technisch bin ich ebenso zwiegespalten. Die spielbaren Stadtbewohner sehen halt aus wie NPCs, die ein Algorithmus via Zufall erstellt hat, anstelle eines kreativen Modellierers. Da war der düstere Erstling oder hippe zweite Teil doch etwas charmanter im Charakterdesign. London dagegen wurde mit viel Liebe zum Detail erstellt und ist auch eine willkommene Abwechslung zu den Schachbrett-Amerikas anderer Spiele, die mit seinen Glasfront-Towern und Rechtsverkehr kaum noch spannend auf den ersten Blick wirken. Patrouillierende Soldaten und Dauerüberwachung fangen zudem die Dystopie unserer Umwelt eindrucksvoll ein. Leider fehlt es dem Spiel an Leben und dem Gefühl, in einer pulsierenden Großstadt unterwegs zu sein. Denn selbst Klamottengeschäfte zur Individualisierung können nur von außen via Menüs bedient werden können anstelle sie zu betreten. Würden die Bürger jetzt noch Atemschutzmasken tragen, würde es sich sogar realistisch und wie ein Spiegelbild unserer heruntergefahrenen Wirtschaft anfühlen. Auch scheint das Spiel noch einige Updates zu benötigen. Denn der Day-1-Patch konnte nicht verhindern, dass ich innerhalb der ersten Spielstunde bereits drei Abstürze hatte.

Storytechnisch wird uns verständlicherweise keine persönliche Heldenreise geboten, da es schlicht zu viele “Helden” im Spiel gibt und sie alle dem großen Ganzen dienen. Klar, dass auch die Autoren wenig Spielraum hatten und die Geschichte so schreiben mussten, dass sie von jedem Charakter erzählt werden kann. Egal ob wir in der Haut einer Hausfrau oder eines Handwerkers stecken. So ist sie Mittel zum Zweck und wird in dem Moment vergessen, an dem wir das Spiel ausgeschaltet haben.

Da Ubisoft auch keine 100 Synchronsprecher bezahlen kann, teilen sich die unzähligen Charaktere mitunter auch die gleichen. Der Trend, immer mehr Influencer zu benutzen, um die Verkäufe zu steigern, kann ich an dieser Stelle auch nicht gutheißen. Weder im Sonic-Kinofilm mit „Julien Bam“ noch hier mit Youtube-Star „Gronkh“ als aufgesetzter Bösewicht.

Bei der Fülle an spielbaren Mitstreitern können deren Hintergrundgeschichten natürlich nur grob ersonnen sein. Viele von euch hielten ja schon Aiden Pearce in Watch Dogs oder die quirligen Punks in Watch Dogs 2 nicht für das Gelbe vom Ei, doch blieben sich diese zumindest treu und fühlten sich nicht wie leblose Seelen an, die wir mittels transparenter Schnüre durch ein Puppentheater dirigieren.

Spannender wird es dann, wenn Storyschnipsel scheinbar reale Ereignisse unseres Lebens aufgreifen und unsere Moral und Gehorsam, selbst wenn sie sich gegen den unkontrolliert zugewucherten „Rechtsstaat“ richten, hinterfragen. Themen wie der Brexit, Migrantenaufnahmelager, Regimekritik und die gläserne Gesellschaft werden hier und da durch die Blüte offensichtlich. Auch Dialoge unter den Mitgliedern laden zum Nachdenken ein. So behauptet einer unserer Kollegen, dass geschürte Angst in der Bevölkerung dafür sorgt, dass sich diese gegenseitig überwacht. Dass das stimmt, sehen wir aktuell an den Zurechtweisungen im Alltag, wenn wieder mal jemand seine Maske nicht trägt und von Mitmenschen zurechtgewiesen wird.

Fazit

Meine Kritik liest sich an einigen Stellen vielleicht etwas negativer, als es das Spiel mitunter verdient. Was dem Umstand geschuldet ist, dass ein wenig Enttäuschung mitschwingt. Bei einem dritten Teil einer von Anfang an qualitativ gut gestarteten Spieleserie, hätte ich im Jahre 2020 einfach etwas mehr erwartet. Mehr Mut, mehr Feintuning, mehr Spaß. Erhalten habe ich aber einen grundsoliden Open-World-Titel, der mir zwischenzeitlich auch viel Spaß bereitet, dem aber noch jede Menge Polishing fehlt, um meinen und sicher auch dem Anspruch der Entwickler vollends gerecht zu werden. Nach vielen Jahren Entwicklung über mehrere Spiele hinweg sollte sich die Action einfach auf dem Punkt anfühlen – das gilt auch für die KI. Auch wirklich kreative Einsatzmöglichkeiten unserer Hackingtools habe ich vermisst. Gefühlt können wir nicht viel mehr als schon in den Vorgängern tun. Und der Einsatz von Drohnen und anderen Spielereien wirken heutzutage auch nicht mehr sonderlich überraschend, da genügend Spiele auch von Ubisoft derlei Mechaniken bis zum Erbrechen bereits nutzen.

Und wer auf die zentrale Idee kam, ein Spiel auf ein Feature aufzubauen, in dem man unzählige Charaktere spielen kann, anstelle das gesamte Spiel selbst zu evolutionieren, gehört meiner Meinung nach der Posten geräumt. Denn das ist vermutlich das letzten, was sich die Spieler gewünscht hätten, hätte man sie gefragt. Die Rekrutierungsmechanik macht auf ihre Art dennoch Spaß, wurde aber in Spielen wie Metal Gear Solid V: The Phantom Pain beispielsweise weitaus besser umgesetzt, ohne auf Fähigkeiten einzelner Charaktere und eine echte Heldenreise verzichten zu müssen. Nehmen wir als Vergleich GTA, dann sehen wir, wie man die Formel stetig weiterentwickeln kann, um die Grundmechaniken des Spiels zu perfektionieren. Dafür benötigt es keine aufgesetzt wirkenden Features wie unzählige Alter Egos. aus denen man auswählen kann.

Anfang des Jahres verkündete Ubisoft noch, dass man sich der Kritik der „Ubisoft-Formel“ annehmen würde, die viele Spieler seit Jahren bemängeln. Dabei handelt es sich um repetitive Open-World-Mechaniken, die sich bei Ubisoft spieleübergreifend wiederfinden und Kreativität vermissen lassen. Zu meinem Bedauern scheint die Formel bei Watch Dogs: Legion noch immer zum Einsatz zu kommen. Denn viel hat sich seit den Vorgängern nicht getan oder erinnert an Elemente aus anderen Spielen wie The Division oder Ghost Recon.

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Gaming
[next-gamer.de] · 31.10.2020 · 14:46 Uhr
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