Was die Corona-Krise für deutsche Krankenhäuser bedeutet

15. März 2020, 11:22 Uhr · Quelle: dpa

Berlin (dpa) - «Irre», «desaströs», «katastrophal»: Uwe Janssens fallen drastische Adjektive ein, wenn er die derzeitige Situation in italienischen Krankenhäusern beschreibt.

«Kollegen berichten, es ist wie Krieg», sagt der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin. Die Kliniken ächzen unter der Last der vielen Infizierten. Aber auch in Deutschland stellt das Coronavirus einen Stresstest für die Krankenhäuser dar - inklusive Personal.

Janssens selbst arbeitet in einer Klinik in Eschweiler, nur wenige Kilometer entfernt von Gangelt im besonders betroffenen Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen. «Hochgradig kontaminiert, Mitarbeiter wie Patienten», so Janssens. «Ich nenne es ein Risikogebiet.» Warum das Robert Koch-Institut (RKI) hier nur den Begriff «besonders betroffene Region» benutzt, erschließe sich ihm nicht.

Auf die bange Frage, ob das deutsche Gesundheitssystem dem Druck standhalten könne, wiederholen Experten gebetsmühlenartig, dass dies besonders von der Geschwindigkeit der Ausbreitung abhängt. «Wir haben eine Krankheit, für die wir noch ein Gefühl entwickeln müssen», sagt Uta Merle. Die Ärztin vom Universitätsklinikum Heidelberg betreut die Intensivstation mit den aktuellen Covid-19-Patienten. «Die Patienten dürfen nur nicht alle auf einmal kommen.»

In Deutschland könnten sich nach RKI-Einschätzung in einem Zeitraum von ein bis zwei Jahren 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung mit dem neuen Coronavirus infizieren. Hierzulande gibt es etwa 28 000 Betten für Intensivpatienten. «Wenn wir Italien wären, hätten wir 11 000 Betten übertragen auf unsere Größe. Da sieht man das Reservepotenzial», rechnet Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen von der Technischen Universität Berlin, vor.

Deutschland habe eine der größten Bettendichten der Welt, sagt auch Jörn Wegner von der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Nach bisherigen Erkenntnissen sei das entscheidend bei der Höhe der Todesrate durch Covid-19. Intensivbetten sind mit komplexen Überwachungsgeräten ausgestattet und werden von mehr Pflegekräften betreut. Das RKI will ein Werkzeug entwickeln, mit dessen Hilfe im Fall einer Überlastung eines bestimmten Krankenhauses ersichtlich ist, wo in der Nähe noch freie Betten sind.

In Italien sind neben Intensivbetten auch Beatmungsgeräte knapp. Rund fünf Prozent aller in China registrierten Betroffenen erkrankten laut RKI bisher so schwer an der Lungenentzündung Covid-19, dass sie auf Intensivstationen an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden mussten.

Muss ein Covid-19-Patient beatmet werden, dann in der Regel lange, erklärt Michael Pfeifer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin. Für einen Patient könne das mehrere Wochen dauern. «Wenn Neuzugänge kommen, ist der Platz belegt.»

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagt, dass es bei 25 000 Betten Beatmungsmöglichkeiten gebe - weitere Geräte sollten angeschafft werden. Der Medizintechnikhersteller Drägerwerk etwa hat einen Auftrag über 10 000 Beatmungsgeräte von der Bundesregierung erhalten. Wie eine Firmensprecherin erläutert, ist die wöchentliche Produktion eines Gerätetyps, der bei Corona-Patienten oft eingesetzt werde, zuletzt deutlich gestiegen. Diese Geräte würden in Deutschland hergestellt - Engpässe aufgrund der globalen Lieferketten und reduzierten Transportkapazitäten seien aber nicht völlig auszuschließen.

Die Bundesregierung hat unter Federführung des Beschaffungsamtes der Bundeswehr zudem Medizingüter im Wert von 163 Millionen Euro zur Bewältigung der Corona-Krise eingekauft. «Uns würden auch die italienischen Verhältnisse noch längst nicht überlasten», sagte der Berliner TU-Experte Busse. «Immer vorausgesetzt, wir können das Personal schützen und es würde uns nicht fehlen.»

Genau dies treibt auch Michael Pfeifer um. «Was uns mehr Sorgen macht als die apparative Ausstattung, ist das Personal.» Die Ressource Mensch in den Intensivstationen sei knapp. Personal, das nicht intensivmedizinisch ausgebildet sei, müsse frühzeitig geschult werden, damit es in Krisensituationen zusätzlich eingesetzt werden könne.

Die Mitarbeiter in den Krankenhäusern stehen unter großem Druck: Zusätzlich zu einer hohen Arbeitsbelastung hätten viele Angst, selbst zu erkranken oder andere unbewusst mit dem Virus zu infizieren, sagt Ärztefunktionär Janssens. «Was die leisten, ist gigantisch.»

Das RKI empfiehlt häusliche Quarantäne für medizinisches Personal, das engen ungeschützten Kontakt zu einem bestätigten Fall im Rahmen der Pflege oder medizinischen Untersuchung hatte und dabei keine Schutzausrüstung trug. Janssens hält das für «schlichtweg nicht praktikabel», wenn man das Gesundheitssystem nicht zum Einsturz bringen wolle.

In Eschweiler etwa sei eine Krankenschwester erkrankt. Wäre man der Empfehlung des RKI gefolgt, hätten knapp 70 Mitarbeiter in Quarantäne gemusst. Janssens: «Dann hätten wir die Notfallversorgung abschalten müssen.» Überhaupt seien im Gangelter Raum fast alle Mitarbeiter in den Kliniken kontaminiert. In Eschweiler lässt sich das betroffene Personal darum regelmäßig testen.

Hier zeige sich ein weiteres Nadelöhr, sagt Janssens. Die Finanzierung der regelmäßigen Wiedertestungen sei weitgehend ungeklärt. 150 Tests stünden der Klinik am Tag zur Verfügung - wenn überhaupt. Bereits jetzt seien die Labore überlastet. Die Zusammenarbeit mit den Gesundheitsämtern funktioniere im Einzelfall. Dennoch gebe es immer wieder differierende Angaben, «die zum Teil dann auch von den Empfehlungen des RKI abweichen». Das schaffe viele Unsicherheiten.

Irgendwann werde der Punkt erreicht, an dem das Gesundheitssystem seine Ressourcen konzentrieren müsse, sagte Minister Spahn kürzlich. Zusatzkapazitäten sollen dadurch entstehen, dass - soweit medizinisch vertretbar - alle planbaren stationären Behandlungen und Operationen auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Darauf hatten sich Bund und Länder am Donnerstag geeinigt. Die dadurch entstehenden wirtschaftlichen Folgen für die Krankenhäuser werden seitens der gesetzlichen Krankenkassen ausgeglichen. Zudem gibt es einen Bonus für jedes Intensivbett, das zusätzlich vorgehalten wird.

Um glimpflich durch die Epidemie zu kommen, müsse die Bevölkerung mitdenken, sagt Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin in München. Er hat dort die ersten deutschen Covid-19-Patienten behandelt. Die stationären Kapazitäten seien prinzipiell in Deutschland verfügbar. «Wir müssen nur die Ressourcen sehr vernünftig nutzen und uns nicht gegenseitig blockieren.»

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15.03.2020 · 11:22 Uhr
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