Warum steigen DAX und Dow Jones weiter, Robert Halver?

von Benjamin Summa

Herr Halver, derzeit haben wir Brexit-Sorgen, Handelskriege, globale Rezessionsängste und eine Reihe geopolitischer Spannungen. Dennoch eilen die Aktienmärkte in den USA von Allzeithoch zu Allzeithoch, auch der DAX klettert weiter. Welche Erklärung haben Sie dafür?
Robert Halver: Die Probleme sind da, aber sie bröckeln. Der Brexit wird schlimmstenfalls mit einem Deal enden. Das ist zwar absolut nicht positiv, ohne Deal wäre es aber relativ gesehen noch schlimmer gekommen. Und solange im Handelsstreit zwischen den USA und China gesprochen wird, wird nicht geschossen. D. h., zu einer Verschärfung über neue Zölle wird es nicht kommen. Zwar wird es ein umfängliches Handelsabkommen nicht vor der US-Präsidentschaftswahl im November 2020 geben. Aber immerhin ist ein Teilabkommen bis Anfang 2020 zu erwarten, das der Stimmung in der Weltwirtschaft mindestens eine stabile Seitenlage verpasst. Und zur Konjunkturstützung wird die internationale Geldpolitik auf der Überholspur bleiben. Mit billigen Zinsen versuchen ja aktuell alle Notenbanken ihre Währung zum Zwecke der Exportförderung zu schwächen. Die Liquiditätshausse lebt.

Eine bayerische Volksbank hat jetzt als erste Bank Negativzinsen für alle neuen Tagesgeld-Sparer eingeführt, unabhängig vom Guthaben. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch Girokonten betroffen sind. Was müssen Privatanleger tun, um ihr Geld zu schützen?
Bei der Diskussion rund um Negativzinsen sollte man nicht vergessen, dass der Realzins, also nach Inflation, längst negativ ist. Um keinen Vermögensverlust zu erleiden, ist das Motto ist klar: Mehr Aktien wagen. Gerne auch mittels regelmäßiger Ansparpläne, die schon für kleines Geld pro Monat angeboten werden. Eine echte Zinswende ist mit Blick auf die dramatische Weltverschuldung schon aus mathematischen Gründen nicht möglich. Und genau diese Zinslosigkeit wirkt wie Backhefe auf den Aktien-Kuchen. Übrigens stellen Dividenden, die in Amerika sogar quartalsmäßig ausgeschüttet werden, eine gute Ersatzbefriedigung dar: Dividenden-Lust statt Zins-Frust.

Nach der Finanzkrise war die EZB der handelnde Hauptakteur, auf den sich die Politik blind verlassen konnte. Nun stellt sich heraus, dass diese Geldpolitik mit vielen Risiken verbunden ist, auch nutzen sich die Mittel der EZB ab. Kann die Notenbank noch helfen, wenn wir beispielsweise einen stärkeren wirtschaftlichen Abschwung erleben?
Das übergeordnete Ziel der EZB-Politik war, die Eurozone politisch zu stabilisieren. Das ist ihr auch gelungen. Aber die Nebenwirkungen sind dramatisch. Wir haben gewaltige Überbewertungen im Zinsbereich und bei Immobilien zu beklagen. Wenn der Zins als Steuerungsinstrument ausfällt, geht es dem Esel zu wohl und er geht aufs Eis. Zur Realität gehört aber leider festzustellen, dass die EZB aus ihrer geldpolitischen Rettungsnummer nicht herauskommt, sozusagen den Vierbeiner nicht einbrechen lässt. Restriktive Geldpolitik würde einen Zinsschock auslösen, der im Extremfall den Zinsmarkt und damit unsere Finanzwelt final crashen lassen würde. Im Bedarfsfall wird die EZB neue Medikamente verabreichen, beispielsweise die flächendeckende Einführung von Negativzinsen. Zudem gibt es die Helikopterdebatte, wonach es direkte Geldinjektionen der EZB z. B. für Konsumenten geben könnte. Angesichts des geplanten grünen Umbaus der Eurozone hat die EZB zudem ein gewaltiges Alibi, auch "Klimaschutz-Anleihen" möglichst zinslos zu finanzieren. Ist das alles unvorstellbar? Gegenfrage: Hätten Sie 2008 gedacht, dass wir 2019 einen Kapitalismus ohne Zins haben? Darüber kann man sich zu Recht ärgern. Aber man fragt uns nicht. Machen wir das Beste daraus: Mehr Aktien wagen!

Nicht wenige glauben, dass Bargeld, mit dem man ja Negativzinsen umgehen kann, in den kommenden Jahren seine Bedeutung verlieren und Stück für Stück aus dem öffentlichen Raum verschwinden wird. Wie ist Ihre Lesart hier?
Theoretisch können Anleger Negativzinsen mit Bargeld entgehen. Deswegen wird es zunehmend abgeschafft und im Zahlungsverkehr wird es zu Einschränkungen kommen. Der Zins-Notausgang "Bargeld" wird aus meiner Sicht mittelfristig zugemauert.

Der Euro scheint gegenüber dem Dollar einen Boden gefunden zu haben. Kommt jetzt ein länger anhaltender Euro-Aufschwung? Wenn ja, was könnten Gründe dafür sein?
Nach langer Schwäche findet der Euro allmählich gegenüber dem US-Dollar Halt. An einen merklichen Euro-Aufschwung glaube ich aber nicht. Zunächst haben die USA höhere Zinsen als Europa. Und die "Eurosklerose" ist sicher auch kein Aufwertungsgrund. Überhaupt muss die Eurozone heutzutage über hohe Zinsen keine starke Währung mehr bieten, um Auslandskapital anzulocken. Die Finanzierung der Euro-Länder übernimmt heute die EZB.

Das laufende Jahr war für Gold-Anleger sehr gut. Der Preis des Edelmetalls ist um gut 15 Prozent gestiegen. In den vergangenen Wochen bröckelte der Goldpreis aber ein wenig. Sehen Sie hier eine stärkere Korrektur?
Gold ist in den vergangenen Monaten aus seinem jahrelangen Seitwärtslauf ausgebrochen. Auf die Zinswende warten die Anleger vergeblich, deswegen wurde Gold als Anlageform grundsätzlich wieder attraktiver. Dennoch halte ich das Kurspotenzial beim gelben Edelmetall für begrenzt, da Aktienmärkte eine Konkurrenz darstellen. Weiterhin sollte man nicht unterschätzen, dass weder Politiker noch Notenbanken Interesse an einer Alternativwährung "Gold" haben. Diese würde die Finanzierung der Schuldenwelt mit beliebig vermehrbarem "Geld" erheblich erschweren, eher sogar unmöglich machen. Dennoch bleibe ich ein großer Fan von einem gewissen Goldanteil im Portfolio. Allein die Werterhaltungsfunktion ist ein starkes Argument. Bei Gold zählt der langfristige Besitz, nicht die kurzfristige Rendite. Finanzsysteme vergehen, Gold bleibt.

Disclaimer: Der Autor, Benjamin Summa, ist freier Mitarbeiter bei finanzen.net. Er interviewt regelmäßig Finanzexperten zu aktuellen Themen.

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Aktie im Fokus
[finanzen.net] · 29.11.2019 · 16:37 Uhr
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