Warten und Hoffen am Kolle-Kiez: «GZSZ» in der Formkrise?

Bild: Quotenmeter
Tägliche Serien bringen es mit sich, dass Storys und Figuren stetigem Wandel unterliegen. Das ist gut, wenn der Wandel stimmig ist. Doch manchmal führen Entwicklungen auch in die Sackgasse.

Glück gehabt: Als die Produktion des Daily-Dramas Gute Zeiten, schlechte Zeiten Ende Februar die 7000. Episode aufzeichnete und dafür rund zwei Wochen lang auf Fuerteventura drehte, war von Coronabeschränkungen und Reisewarnungen noch nichts zu hören. Alles fand wie geplant statt, mit Recht konnte UFA Serial Drama stolz sein auf 28 Jahre «GZSZ» in 7000 Episoden – nach kurzen Anlaufschwierigkeiten in den 90ern liefen die allermeisten Episoden großartig und bringen RTL Vorabend für Vorabend gutes Geld. Auch auf Abruf, bei TV Now, sind die Geschichten vom Kollekiez angesagt, ein Spin-Off rund um die Figur Sunny ist angekündigt. Nun geht die Serie ihrem nächsten Jubiläum entgegen – im Mai 2022 wird das Format 30 Jahre alt.

Bis dahin erwarten die Fans noch viele Intrigen, Trennungen, Glück und Unglück. Den meisten Soap-Figuren passiert binnen 500 Folgen schließlich mehr als dem Otto-Normal-Bürger in einem ganzen Leben. Zwei Mal pro Jahr treffen sich die Autoren zu so genannten Future-Wochen(enden). Dann werden die groben Handlungsstränge für die nächsten Monate erdacht. Für «GZSZ» wird dieses Treffen wichtig werden, denn die Serie befindet sich nach sehr starken Jahren 2017 und 2018 in einer kleinen Schwächephase.

Einige Konstellationen passen nicht mehr so recht, es fehlen wichtige Säulen für Geschichten. Längst ist es in täglichen Serien usus keine klassischen Antagonisten, also nicht mehr das personifizierte Böse zu erzählen. Jo Gerner, der deutsche JR, ist längst handzahm geworden – noch mehr, seitdem er mit der liebevollen Physiotherapeuthin Yvonne verheiratet ist. Deshalb entfernt er sich auch mehr und von mehr von Katrin Flemming. Auch wenn nicht zu erwarten ist, dass sich dieses kongeniale Duo noch weiter voneinander entfernt, eine Stärkung des Gerner-Clans würde den Fallhöhen der Geschichten mehr als gut tun.

Gleiches gilt auch für die Situation rund um Felix Lehmann. Die Figur sorgte einst dafür, dass der eigene Bruder Chris unverschuldet in die Klapse kam. Bevor Felix sich im Spätwinter in eine mehrmonatige Pause verabschiedete, schwor er immerhin Katrin noch die nötige Rache für deren Intrigen gegen ihn. Doch um Felix ist es ebenfalls einsam geworden. Dass sich seine Ehefrau Laura, beide zusammen agierten als Fieslinge ganz wunderbar, von ihm trennte und dem eher unspektakulären Dr. Phil zuwandte, fanden nicht wenige Fans in den vergangenen Monaten als krasse Story-Fehlentscheidung. Laura wird im Spätsommer zurückkommen in die Serie; und es steht zu befürchten, dass die Schreiber auch ihren Charakter verwässern.

So wie es zuletzt auch bei Nina der Fall war. Die Haltung, ihre Handlungen und ihre Gefühlen laufen eigentlich konträr zu denen der Nina aus der Anfangszeit. Nina war eigentlich nie aufbrausend, sie war sie liebende Mutter, das nette Mädchen von nebenan. Die Autoren haben sie nun vor die Wahl von zwei Männern gestellt; eine klassische Soap-Geschichte, die Nina aber kalt und unüberlegt handeln ließ. Nina entfernte sich dadurch nicht nur von ihrem Serienehemann Robert, sondern auch von einigen Fans.

A pro pos Robert: Die Figur verlässt die Serie jetzt nach rund 15 Monaten; 15 Monate, in denen das volle Potential des Star-Architekten nie ausgeschöpft wurde – Monate, in denen die Figur teils sogar unglaubwürdig wurde. Architekt Klee wurde immer als Frauenheld angepriesen, agierte letztlich aber nie so. Auch seine Serientochter Brenda, die nach einer Gastrolle fest in den Cast integriert wurde, barg viel mehr Potential, als die Autoren letztlich hoben. Ihre Affäre mit Felix war durchaus ein Lichtblick; dass sie nun ebenfalls geht, wo Felix wieder zurück ist, ist schade und ebenfalls eine gute Geschichte, die wömöglich liegen bleibt.

Die Geschichten, die erzählt werden, unterscheiden sich von der Stimmung zudem vom bisher bekannten. «GZSZ» war eigentlich selten eine Serie, die die bewusst auf Klassenkämpfe gesetzt hat - dass der Zuschauer das nicht annimmt, zeigte sich vor eineinhalb Jahren obendrein im Sat.1-Soapversuch «Alles oder Nichts», jener Daily, die Menschen aus sozial schwächeren Schichten per Erbe plötzlich in die Upper-Class einer Immobilienfirma beförderte. Einige Autoren der Serie schreiben inzwischen nun für «GZSZ». Die (nie wirklich zu Ende) erzählte Geschichte der "bösen" Lehmann-Bank, die der Durchschnitts-Patchwork-Familie Seefeld/Cöster letztlich ihre Wohnung wegnahm (inklusive der Protestaktion, bei der die Mieter die Wände besprühten und somit Grüße an den neuen Eigentümer hinterließen), wirkte wie ein deutlicher Fremdkörper innerhalb des «GZSZ»-Universums. Ist das nun das neue «GZSZ»?

Man sagt, die besten Geschichten würden sich immer aus den Figuren heraus entwickeln. Schlechte Geschichten erkenne man daran, dass Storys wie aufgestülpt wirken. Von Zweiterem gab es zuletzt mehrere innerhalb der Serie. Das begann wohl mit der seltsamen Amnesiegeschichte rund um Dr. Phil Höfer (er fiel mit dem Kopf auf eine Gehsteigkante und konnte sich in Folge an nichts mehr erinnern), ging weiter über die Handverletzung von Paul (der exzellente Handwerker, der sich so blöd schneidet, dass er vor der Berufsunfähigkeit steht, treibt er nicht das Geld für eine aufwändige OP in den USA auf) und wird nun fortgesetzt mit der noch etwas undurchsichtigen Geschichte rund um Shirins Familie.

Hinzu kommt, dass immer öfter wirkliche Impulse für Geschichten von schnell wieder verschwindenden Gastfiguren gesetzt werden. Neonazi Lars wirbelte die Serie für einige Wochen auf, Stalkerin Karla kam, wütete und ging wieder. Aaron, der schmierige Geschäftsmann, der Emily an die Wäsche ging, war schnell wieder weg. Dabei schlummert so viel Potential in den Figuren und in ihrer Vita. Beispiele: Wie reagiert Ninas Ex-Mann Martin darauf, dass die Frau, die er früher immer kontrollieren wollte, nun in Leons Armen glücklich ist? Hat er inzwischen vielleicht selbst eine neue Liebe, zeigt er in dieser Beziehung neue oder alte Eigenschaften?

Was ist eigentlich aus Pauls verschollener Schwester geworden? Wie steht es eigentlich um die undurchsichtige Vergangenheit von Katrin? Was ist aus Leons Geschwistern geworden? Jede einzelne Figur der Serie bietet eine Fülle an Geschichten. Bis zum 30. Geburtstag kommt man damit locker. Neben den guten Storys ist auch ein Gleichgewicht innerhalb der Serienwelt wichtig. Auch wenn sich «GZSZ» stets als das drei Generationen ansprechende Familiendrama verstand, ist es gut, dass mit Moritz nun ein Darsteller zum Cast gestoßen ist, der der jungen Generation zuzuordnen ist. Die Spielwelten rund um Familie Gerner und Lehmann müssen gestärkt werden – und ein Showdown zwischen den beiden Dynastien würde der Serie alles andere als schaden.

Ob die Autoren sich in Zukunft wieder trauen, mehr aus den Figuren herauszuholen, wird sich zeigen. Wirklichem Druck unterliegen sie nicht. Die Quoten sind weiterhin fantastisch. «GZSZ» ist so erfolgreich, dass auch Folge 10000 in erreichbare Nähe rückt. Diese liefe übrigens, sofern alles klappt, im Jahr 2032.
Magazin / Reihen / Soap-Check
30.06.2020 · 08:33 Uhr
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