Konjunktur

Wachstum auf Pump: Wirtschaft nimmt vorerst Fahrt auf

24. September 2026, 13:00 Uhr · Quelle: dpa
Gemeinschaftsdiagnose Herbst 2026
Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Trotz besserer Wachstumserwartungen blicken führende Ökonomen mit Sorge in die Zukunft.
Die deutsche Wirtschaft befindet sich im Aufschwung: Die führenden Wirtschaftsinstitute heben ihre Prognosen deutlich an – doch die Experten warnen: Das Ganze steht auf wackligen Beinen.

Berlin (dpa) - Die deutsche Wirtschaft droht mehr und mehr das Vertrauen in die Politik zu verlieren. Trotz deutlich besserer Wachstumserwartungen blicken die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute deshalb mit Sorgen in die Zukunft. «Die deutsche Wirtschaft ist seit Ende des vergangenen Jahres im Aufschwung», sagt der Konjunkturchef des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Oliver Holtemöller. Doch dieser Aufschwung stehe «auf einem schmalen Fundament».

Was die Institute für dieses Jahr erwarten

Für das laufende Jahr erwarten die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 1,3 Prozent. In ihrem Frühjahrsgutachten hatten sie noch mit 0,6 Prozent gerechnet. Die Gemeinschaftsdiagnose wird erstellt vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, dem Ifo-Institut, dem Kiel Institut für Weltwirtschaft, dem Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle und dem RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Essen.

Damals hatten der Iran-Krieg und die stark gestiegenen Energiepreise die Erwartungen deutlich gedämpft: Man rechnete mit einem «Energiepreisschock». Dieser fiel jedoch geringer aus als befürchtet. Die Weltwirtschaft entwickele sich «erstaunlich robust», sagt Ökonom Holtemöller. 

Davon profitiert vor allem die deutsche Exportwirtschaft. Dazu kommen der Boom rund um Künstliche Intelligenz (KI) und die von der Bundesregierung mit Schulden finanzierten Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung, die die Konjunktur ankurbeln. 

Zwar habe die Erholung in den vergangenen Wochen mit dem Niedrigwasser und den hohen Energiepreisen etwas an Schwung verloren, das sei aber nur «eine kurze Delle», sagt Holtemöller.

Wie die Institute auf die nächsten Jahre schauen

Die Institute korrigieren auch ihre Erwartung für das kommende Jahr nach oben. Der private Konsum dürfte anziehen, genauso wie der Wohnungsbau, sagen sie. Für 2027 rechnen sie deshalb mit einem BIP-Wachstum von 1,1 Prozent. 

Der Blick darüber hinaus fällt allerdings deutlich verhaltener aus. Für 2028 prognostizieren die Institute nur noch ein Wachstum von 0,4 Prozent. Dahinter stehen vor allem die strukturellen Probleme der deutschen Wirtschaft. Die Unternehmen dürften zunehmend an Kapazitätsgrenzen stoßen, während das Arbeitskräfteangebot schrumpft. Hinzu kommen hohe Energiepreise und steigende Sozialversicherungsbeiträge.

Hürden für den Aufschwung

Anders als bei früheren Wirtschaftsaufschwüngen bleiben der private Konsum und die Unternehmensinvestitionen hinter der Entwicklung zurück. «Trotz steigender Produktion herrscht bei vielen Unternehmen und privaten Haushalten weiterhin Skepsis», sagt Holtemöller. Hohe Energiekosten, steigende Sozialversicherungsbeiträge, Fachkräftemangel, Bürokratie und zunehmender internationaler Wettbewerb belasteten den Standort. 

Vor allem fehle das Vertrauen, warnen die Institute. Zwar verbesserte sich die Stimmung in der deutschen Wirtschaft im Ifo-Geschäftsklimaindex auf den höchsten Stand seit mehr als drei Jahren. Die Forscher sagen aber trotzdem: «Die Stimmung ist schlechter als die Lage.» Wer wieder an den Aufschwung glaube, investiere auch wieder mehr. 

Stefan Kooths, der das Prognosezentrum im Kieler Institut für Weltwirtschaft leitet, mahnt die Politik zu Verlässlichkeit bei den anstehenden Reformen: Einen Kurs einschlagen, den dann auch einhalten, «damit sich alle ökonomischen Akteure darauf einstellen können». Wenn stattdessen Reformpakete im Quartalsrhythmus angekündigt, dann aber wieder aufgeschnürt und verschoben würden, lasse das Investoren zögern. 

Was die Ökonomen der Bundesregierung raten

Die Institute sehen durchaus Möglichkeiten, die Wachstumsaussichten zu verbessern. Holtemöller verwies auf einen vor Monaten vorgelegten Reformkatalog. Zu den Vorschlägen gehören unter anderem eine Begrenzung der Sozialversicherungsbeiträge und stärkere Arbeitsanreize für Ältere. Bei der Energiewende setzen die Institute stärker auf Preissignale und plädieren dafür, nationale Alleingänge beim Klimaschutz zu vermeiden.

Weitere Vorschläge betreffen die Digitalisierung der Verwaltung und den Bundeshaushalt. Angesichts der absehbaren Finanzierungslücken sprechen sich die Institute gegen Steuererhöhungen und stattdessen für Kürzungen bei Staatsausgaben aus.

Das Handwerk warnt: «Wer jetzt glaubt, die Reformarbeit sei mit den ersten besseren Konjunkturdaten erledigt, betreibt Augenwischerei.» Die strukturellen Belastungen gerade für mittelständische Betriebe seien weiter viel zu groß.

Kritik am Tankrabatt

Noch mehr schuldenfinanziertes Geld sollte der Staat nach Einschätzung der Experten aktuell nicht in die Hand nehmen. Schon jetzt macht das steigende Defizit ihnen Sorgen. 

«Der Staat tut mehr als genug, um zu stimulieren», sagt Kooths. Die Zuwächse, die man seit 2019 beobachtet habe, kämen fast ausschließlich aus staatlich geprägten Wirtschaftsbereichen. Auch DIW-Konjunkturchefin Geraldine Dany-Knedlik betonte, das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität und die Kreditmöglichkeiten für die Verteidigung setzten erhebliche Impulse.

Handlungsbedarf sehen die Experten trotzdem: Kooths fordert «eine Politik, die auch dem privaten Sektor wieder mehr Dynamik ermöglicht». Sobald die politischen Rahmenbedingungen wieder klarer seien, gebe es auch aus der Wirtschaft heraus wieder mehr belebende Kräfte. «Konjunktur ist keine Billardkugel, die sich nur dann bewegt, wenn sie von außen angestoßen wird.»

Dany-Knedlik mahnt, die Investitionen aus dem Sondervermögen müssten nun schnell anlaufen und an den richtigen Stellen ansetzen. Den von der Bundesregierung geplanten Tankrabatt dagegen sehen die Institute skeptisch. Er sei eine Entlastung mit der Gießkanne, für die es keinen finanzpolitischen Spielraum gebe. 

Wie andere den Trend einschätzen

Auch andere Konjunkturexperten hatten ihre Prognosen für die deutsche Wirtschaft zuletzt erhöht. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) rechnet für dieses Jahr mit 1,1 Prozent Wachstum. Und der Industrieverband BDI erwartet ein Plus von einem Prozent. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sieht Anzeichen für eine Erholung. «Wir sind raus aus diesem Tal einer schrumpfenden oder stagnierenden Volkswirtschaft», sagte er vergangene Woche. Das mache Reformen aber nicht überflüssig.

Konjunktur / Deutschland / BIP-Prognose / Wirtschaftsforschungsinstitute / Reformen / Energiepreise / Exportwirtschaft
24.09.2026 · 13:00 Uhr
[1 Kommentar]
Frankfurter Börse
Frankfurt/Main - Am Dienstag hat der Dax zugelegt. Zum Xetra-Handelsschluss wurde der Index mit 25.449 Punkten berechnet, ein Plus in Höhe von 0,8 Prozent im Vergleich zum Vortagesschluss. Nach einem freundlichen Start konnte der Dax im Tagesverlauf seine Zugewinne halten. Auch wenn der Dax heute ein Plus verzeichnen konnte, schalteten die Anleger vor […] (00)
vor 8 Minuten
Miranda Lambert
(BANG) - Miranda Lambert freut sich darüber, dass derzeit so viele Frauen in der Country-Musik erfolgreich sind. Die 42-Jährige sieht darin eine Entwicklung hin zu einer Branche, in der Künstler stärker nach dem beurteilt werden, was beim Publikum ankommt. In ihren frühen Jahren in der Country-Szene wurde Lambert selbst zum Aushängeschild für kritischen […] (00)
vor 4 Stunden
Ein leises Klicken bestätigt eine Eingabe, Schritte hallen durch einen virtuellen Raum, ein anschwellender Ton kündigt eine Wendung an: Digitale Erlebnisse werden nicht allein durch Bilder geprägt. Auch der Klang entscheidet im Zusammenspiel mit der visuellen Gestaltung darüber, wie verständlich, glaubwürdig und emotional eine Anwendung wirkt. Zwischen […] (00)
vor 1 Stunde
JRPG-Klassiker soll trotz Kickstarter-Debakel wiederkommen
Vor rund vier Jahren wurden mit Penny Blood und Armed Fantasia gleich zwei spirituelle Nachfolger von JRPG-Klassikern der PS1- und PS2-Ära angekündigt. Bei den Spielen sollte es sich um inoffizielle Comebacks von Shadow Hearts und Wild Arms handeln. Auf Kickstarter sammelten dafür mehrere der alten Entwickler Spenden, und tatsächlich erreichte die […] (00)
vor 36 Minuten
Frischer Krimi-Stoff im Zweiten: Nächster «Friesland»-Fall steht an
So weit sein wird es im November 2026 – dann muss sich die Polizei Leer mit einem toten Reeder befassen. Demnächst weht wieder frischer Krimi-Wind durchs Zweite Deutsche Fernsehen. Denn mit Friesland - Friesische Verhältnisse steht eine neue Ausstrahlung der bekannten Ermittlungsreihe an. Erfolgen wird diese konkret am Samstag, 14. November 2026, 20: 15 Uhr. Bereits mit einigem Vorlauf wird […] (00)
vor 3 Stunden
US Open
Berlin (dpa) - Für Tennisstar Alexander Zverev wird mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nach dem Grand-Slam-Triumph auch der zweite große Karrieretraum in Erfüllung gehen. Der Hamburger ist auf dem Weg, noch in diesem Jahr die Nummer eins der Tennis-Welt zu werden, weil der aktuell führende Jannik Sinner wegen anhaltender Knieprobleme für den Rest der […] (02)
vor 42 Minuten
goldene bitcoin-münze auf euro-banknoten platziert, symbolisiert digitale währung und moderne finanzen.
Trade Nation hat eine Vereinbarung zur Übernahme des britischen Kundenstamms von Stratos Markets Limited, das unter den Marken FXCM und Tradu im Vereinigten Königreich tätig ist, getroffen. Der auf Spread Betting und CFDs spezialisierte Anbieter, der von der FCA reguliert wird, will damit seine Position auf dem heimischen Markt stärken. Der Abschluss […] (00)
vor 33 Minuten
Gesunde Innenraumluft – Gesunde Atemluft für jedes Kind
Hoya, 06.10.2026 (lifePR) - Unsere Kinder verbringen bis zu 90 % ihres Tages in Innenräumen – in Schulen, Kitas, zu Hause und an Orten, an denen sie lernen, spielen und ihre Zukunft gestalten. Doch ist die Luft, die sie dort atmen, wirklich sicher? Diese Frage dürfen wir nicht länger aufschieben. Wir haben Gebäude jahrzehntelang effizienter gemacht. Jetzt müssen wir sie auch gesünder und […] (00)
vor 2 Stunden
 
Bekanntgabe von Physik-Nobelpreis (Archiv)
Stockholm - Der Nobelpreis für Physik geht in diesem Jahr an den belgischen […] (00)
Moritz Hennemann am 06.10.2026
Berlin - Der neue Bundesdatenschutzbeauftragte Moritz Hennemann warnt vor […] (00)
Vergewaltigungsprozess gegen Polizistin
Traunstein (dpa) - Das Landgericht Traunstein hat eine Polizistin wegen der […] (01)
Auspuff (Archiv)
Brüssel - Deutschland und Frankreich wollen mit einem gemeinsamen Vorstoß das Aus des […] (00)
Prime Video erweitert «Things We Never Got Over»-Cast um sechs Darsteller
⁠Die Serienadaption von Lucy Scores Bestseller nimmt weiter Gestalt an. Unter anderem stoßen […] (00)
Amazon Prime Deals Day 2026: Cricut lockt mit Rabatten auf Maschinen und Material
Ob neue Kreativprojekte oder Nachschub für den Bastelvorrat: Die Amazon Prime Deal […] (00)
John Cena glaubt, dass seine Wohltätigkeitsarbeit darunter leiden würde, wenn er Kinder hätte.
(BANG) - John Cena glaubt, dass seine Wohltätigkeitsarbeit darunter leiden würde, […] (00)
Battlefield kommt ins Kino und Sony will daraus offenbar einen echten Blockbuster machen
Update vom 04. Oktober 2026:   Sony steht offenbar kurz davor, sich den Battlefield- […] (00)
 
 
Suchbegriff