„Verbraucher trennen Abfall heute deutlich schlechter als früher“

Michael Brandl ist Geschäftsführer des FKN

Mehr als 220 Kilogramm Verpackungsmüll produzierte jeder Deutschen im Jahr 2016, teilte das Umweltbundesamt kürzlich mit. Damit ist Deutschland europäischer Verpackungsmüllmeister. Doch nicht erst seitdem diese Zahlen bekannt sind, machen sich viele Verbraucher Gedanken darüber, wie ihre Lebensmittel verpackt sind.

Bei Getränken stehen Getränkekartons, Glas- und Plastikflaschen zur Auswahl. Jedes Jahr werden allein circa sieben Milliarden Getränkekartons hergestellt. Obwohl diese Verpackung einige Vorteile hat, gibt es beispielsweise bei Säften nur selten die Option, diese in Karton verpackt zu kaufen.

Im Interview mit finanzen.de erklärt Michael Brandl, Geschäftsführer des Fachverbands für Getränkekartonverpackungen (FKN), nicht nur, warum dies so ist. Er weist auch die Kritik der Deutschen Umwelthilfe (DUH) entschieden zurück, dass sich die Ökobilanz der Kartons zuletzt verschlechtert hat.

Viele Verbraucher greifen beim Einkauf automatisch nach einem Milchkarton, weil er sich unter anderem praktisch verstauen lässt. Hat die Wahl weitere Vorteile gegenüber einer Glasflasche oder einem Milchbeutel aus Kunststoff?

Michael Brandl: Verpackungen sollen ja zu allererst das Produkt schützen. Gerade Milch ist sehr empfindlich gegen Licht. Es verändert den Vitamingehalt und den Geschmack. Steht eine klare Milchflasche - egal ob aus Glas oder Kunststoff - nur sechs Stunden im beleuchteten Kühlregal des Handels, sind bereits bis zu 35 Prozent der Vitamine verloren. Selbst braune Glasflaschen halten nur etwa die Hälfte der Lichteinstrahlung zurück.

Der Karton dagegen bietet optimalen Lichtschutz. Darüber hinaus gibt es für die Molkerei und den Handel eine Reihe wirtschaftlicher Vorteile in den Bereichen Logistik, Lagerhaltung und Warenmanipulation, was vor allem an der stapelbaren Form und am Gewicht der Verpackungen liegt.

Warum greifen Unternehmen trotz der Vorzüge eines Kartons zum Beispiel bei Fruchtsäften Ihrer Meinung nach vorwiegend auf PET-Flaschen zurück?

Michael Brandl: Bei Fruchtsäften decken acht Unternehmen mit einem Umsatz von jeweils über 100 Millionen Euro dreiviertel des Marktes ab. Dort dominiert inzwischen die PET-Einwegflasche. Investitionen in eine PET-Linie sind zwar deutlich teurer als beim Getränkekarton. Die Großen der Branche holen das jedoch über die Menge und entsprechende Skaleneffekte wieder rein. Darunter sind auch viele Unternehmen, die über die Form der Verpackungen den Wiedererkennungswert des Produktes steigern möchten und von Glas auf Plastik umgestiegen sind. Da hat der Packstoff PET natürlich Vorteile.

Aus welchen Stoffen besteht ein Karton und wo kommen diese her?

Michael Brandl: Der Getränkekarton ist die einzige Verpackung für Milch und Fruchtsäfte, die zum weit überwiegenden Anteil aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz hergestellt wird. Etwa 75 Prozent einer Verpackung bestehen aus Karton, den wir von vier skandinavischen Papierfabriken beziehen. Beschichtet wird der Rohkarton beidseitig mit dem Kunststoff Polyethylen. Wenn haltbare Produkte abgefüllt werden, beispielsweise H-Milch oder Säfte, kommt noch eine Alufolie dazu.

Ziel ist, ausschließlich Verpackungen anzubieten, die zu 100 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden. Erste Verpackungen, die Bio-Polymere als Beschichtung einsetzen und auf Aluminium verzichten, sind bereits auf dem Markt.

Was ist das Duale System?

Das System besteht seit 1990. Es ist dafür verantwortlich, dass Verkaufsverpackungen eingesammelt, sortiert und verwertet werden. Dazu müssen Verbraucher ihren Verpackungen nach Abfallart getrennt wegwerfen.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) kritisiert, dass Getränkekartons zunehmend mehr Plastik enthalten und somit ihre Ökobilanz immer schlechter ausfällt. Stimmt es, dass die Kartons mittlerweile ein Drittel schwerer sind als vor zehn Jahren und der Anteil nicht nachwachsender Rohstoffe wie Aluminium zugenommen hat?

Michael Brandl: Diese Behauptung ist in mehrfacher Hinsicht falsch: Der Anteil der Alufolie am Gesamtgewicht einer Verpackung hat sich in den letzten 20 Jahren nicht geändert. Die Packungen sind im Schnitt etwas schwerer geworden, was daran liegt, dass damals noch keine Verschlüsse eingesetzt wurden. Alleine im 1-Liter-Format gibt es hunderte verschiedene Packungen, die sich nach Gewicht, Form und Materialzusammensetzung teilweise deutlich unterscheiden. Bezogen auf den Gesamtmarkt dürfte der gewichtete Mittelwert des Kunststoffanteils (inklusive Verschluss) bei circa 25 Prozent liegen.

Was die DUH macht, ist von einzelnen Verpackungen, die einen höheren Kunststoffanteil haben, auf den Gesamtmarkt zu schließen. Das ist grob irreführend. Die Schlussfolgerung, der Getränkekarton habe eine schlechte Ökobilanz, ist durch nichts belegt. Alle Ökobilanzen der letzten 20 Jahre kommen zum gegenteiligen Ergebnis. Das Bundesumweltministerium hat dies im Jahr 2017 nochmals bekräftigt. Zur Versachlichung der Diskussion hat der FKN eine neue Ökobilanz unter Beteiligung des Umweltbundesamtes (UBA) in Auftrag gegeben, die im Laufe des Jahres 2018 vorliegen wird.

Umweltfreundliche Getränkekartons nützen wenig, wenn diese in der Umwelt landen. Ein Pfand auf Kartons könnte helfen, dass sie nicht weggeworfen werden. Wie stehen Sie zu dieser Idee?

Michael Brandl: Milch und Säfte werden in aller Regel zu Hause konsumiert. Daher landen unsere Packungen - von Ausnahmen abgesehen - nicht in der Landschaft. Ein Pfand würde nur dazu beitragen, den Anteil von Mehrwegflaschen und Getränkekartons zugunsten von Plastikflaschen weiter zu reduzieren.

Genau das ist bei Mineralwasser und Erfrischungsgetränken seit Einführung des Pfandes passiert. Der Anteil ökologisch vorteilhafter Verpackungen ist drastisch zurückgegangen. Der Grund: Das Pfand ist vor allem für den Handel attraktiv. Man spart die Gebühren für das Duale System, profitiert von den einbehaltenen Pfandbeträgen nicht zurückgebrachter Packungen und erzielt auch noch Rohstofferlöse aus dem Verkauf der Plastikflaschen.

Der FKN schaut bereits auf eine mehr als 35-jährige Verbandsgeschichte zurück. Wie hat sich der Recyclingverhalten der Verbraucher in Ihren Augen in den letzten zehn Jahren geändert?

Michael Brandl: Die Verbraucher trennen ihren Abfall heute deutlich schlechter als in den Anfangsjahren des Dualen Systems. Die Tonnen sind zwar voll, aber es liegt allerhand drin, was dort nicht hineingehört und was später beim Recycling große Probleme macht.

Um das zu ändern, muss vor allem wieder mehr informiert werden. Die Verbraucher müssen nicht nur wissen, wo was hineinkommt, sondern auch, warum Recycling wichtig ist. Dies ist zunächst eine Aufgabe der Dualen Systeme und der Wirtschaft. Gefordert sind aber auch Kommunen, Schulen und die Familien.

Vielen Dank für das Interview, Herr Brandl.

[finanzen.de] · 21.08.2018 · 13:25 Uhr
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