Europas größter Autobauer

Überraschende Einigung bei VW - aber Fragen bleiben

04. September 2026, 12:53 Uhr · Quelle: dpa
Volkswagen
Foto: Moritz Frankenberg/dpa
Noch sind nicht alle Fragen bei Volkswagen geklärt.
Der Aufsichtsrat vermeidet die befürchtete Eskalation, Arbeitgeber und Arbeitnehmer betonen demonstrativ Gemeinsamkeiten. Doch in der Fläche sieht es anders aus.

Wolfsburg (dpa) - Die überraschende Einigung im VW-Aufsichtsrat auf ein umfassendes Sparpaket mit dem Aus für Zehntausende Stellen stößt an den betroffenen Standorten auf Skepsis und Kritik. Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay zeigte sich «extrem frustriert» und sprach von einem Rückschlag. Für Emden betonte Oberbürgermeister Tim Kruithoff: «Die Unsicherheit für die Beschäftigten bleibt, und die kommenden Wochen werden schwierig.» Hingegen zeigte sich Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer mit Blick auf das Werk in Zwickau zuversichtlich.

Auch nach den Beschlüssen des Aufsichtsrats am Donnerstagabend gibt es für vier Werke keine Entwarnung. Was mit den Standorten in Hannover, Emden und Zwickau sowie dem Werk der VW-Tochter Audi in Neckarsulm geschehen soll, ist bislang unklar. Klar ist nur: An den vier Standorten könne «aktuell keine wettbewerbsfähige Folgebelegung gestaffelt ab den Jahren 2031 bis 2034 gewährleistet werden». Ergänzend zu einem Konzept für die europäischen Werke, das Ende Juni 2027 vorliegen soll, werden für die vier angezählten Standorte «alternative Verwendungsmöglichkeiten geprüft».

An der Börse kam die Einigung sehr gut an. Um fast 10 Prozent ging es für die VW-Vorzugsaktien an der Spitze im Dax nach oben.

VW will 50.000 weitere Stellen streichen

VW-Konzernchef Oliver Blume will Europas größten Autobauer effizienter und sparsamer aufstellen, auch um der günstigeren Konkurrenz aus China die Stirn bieten zu können. Damit das gelingen kann, streicht VW erneut kräftig beim Personal. Hatten sich Vorstand und Arbeitnehmer bereits 2024 auf ein Aus für 50.000 Stellen bis 2030 geeinigt, beschloss der Aufsichtsrat nun den Abbau von etwa 50.000 weiteren. 

Nach Angaben des niedersächsischen Ministerpräsidenten Olaf Lies, der auch im VW-Aufsichtsrat sitzt, dürften etwa 25.000 davon in Deutschland wegfallen. Das ist ein erheblicher Einschnitt für einen der wichtigsten deutschen Konzerne, der Ende 2025 in seinem Heimatland etwa 284.000 Menschen beschäftigte. 

Mit der Zustimmung zum Zukunftsplan 2030 des Vorstandes stelle Volkswagen die Weichen für einen nachhaltigen und langfristigen Erfolg des Unternehmens, betonte der Konzern. «Der Zukunftsplan 2030 schafft die Voraussetzungen, um die Volkswagen Group und ihre Marken leistungsfähiger, wettbewerbsstärker und zukunftsorientierter aufzustellen.»

Eskalation drohte

Vorausgegangen war ein wochenlanger Streit, bei dem die Arbeitnehmervertreter dem Vorstand um Blume eine schlechte Kommunikation vorwarfen. Groß war die Angst vor einer Eskalation. Von einer Ausgliederung der Kernmarke Volkswagen Pkw war sogar die Rede. Damit hätte der Vorstand die Mitbestimmung auch des Landes Niedersachsen, das als Großaktionär 20 Prozent der Stimmanteile hält, umgehen können. Auch eine außerordentliche Hauptversammlung, mit deren Hilfe der Aufsichtsrat überstimmt werden könnte, hatte im Raum gestanden.

Nun aber übten die Kapitalseite und die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat demonstrativ den Schulterschluss. Konzernchef Blume sprach von einem starken Signal für die Zukunft. Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch sagte, das Gremium sei überzeugt davon, «dass mit dessen Umsetzung die dauerhafte Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit des Volkswagen-Konzerns gesichert wird». Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies betonte, man wolle «jetzt einen gemeinsamen Weg für die notwendige Transformation gehen». 

Die stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende und Erste Vorsitzende der IG Metall, Christiane Benner, sagte: «Mit dem nun verabschiedeten Zukunftsplan stellen wir uns gemeinsam mit Vorstand und Anteilseignern den riesigen Herausforderungen.» Nach den Worten von Konzern-Betriebsratschefin Daniela Cavallo ist der Zukunftsplan «eine Notwendigkeit, um unseren Konzern erfolgreich ins nächste Jahrzehnt zu führen, ohne dass die damit verbundenen Vorhaben einseitig auf Kosten der Beschäftigten gehen». 

Längst nicht alle Fragen geklärt

Aber Fragen bleiben - vor allem zur Zukunft der vier betroffenen Standorte. Gerade Zwickau und Emden waren von VW erst in den vergangenen Jahren mit Milliardeninvestitionen mit klarem Fokus auf die Elektromobilität umgerüstet worden. «Wir werden jetzt alles daran setzen, dass das effizienteste deutsche Werk erhalten bleibt und die Arbeitsplätze in Zwickau sicher sind», sagte Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter. Er stellte sich hinter die Idee, in Zwickau sollten VW-Modelle produziert werden, die bisher in China gebaut und in Deutschland nicht verfügbar sind.

Auch die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser, pochte auf eine rasche Zukunftslösung. «Es darf zu keiner weiteren Hängepartie kommen, bei der die Beschäftigten und damit eine ganze Region weiter im Unklaren gelassen wird, was nun konkret passiert», sagte Kaiser.

Automobilindustrie / Industrie / Gewerkschaft / Arbeit / Volkswagen / Deutschland / Niedersachsen / Sachsen / Baden-Württemberg
04.09.2026 · 12:53 Uhr
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