The Pier: Ein Erfolg wie Haus des Geldes?

Die Serie aus der Feder des Haus-des-Geldes-Schöpfers um einen Mann mit Doppelleben mag sich mit dem Bechdel-Test schwer tun, gerät aber trotzdem angenehm feministisch – und ist noch dazu stringent erzählt.

Da denkt man, man hat alles erreicht: Gerade hat Alejandra Leyva (Verónica Sánchez) einen Multimillionendeal für ihr Architekturbüro in Valencia an Land gezogen und feiert diesen Umstand ausgiebig mit ihrer Kollegin und besten Freundin, als auch noch das Privatleben freudige Fortschritte macht: Denn als Ehemann Óscar (Álvaro Morte) zum Gratulieren aus dem fernen Frankfurt anruft, wünscht er sich herrlich sentimental Nachwuchs. Kann das Leben schöner sein?

Ein weiterer Anruf mitten in der Nacht schockiert dann umso mehr: Die Guardia Civil bittet Alejandra raus in die Provinz, um die Leiche ihres Mannes zu identifizieren, der an einem Pier Selbstmord gemacht habe. Óscar am Strand in Valencia – nee, kann nicht sein. Der ist doch beim Bankerjob in Deutschland. Aber da geht er nicht ans Telefon, und während Alejandra immer verzweifeltere Rufe nach Mainhatten absetzt, donnert sie auf der Autobahn der rustikalen Polizeistation auf dem platten Land entgegen. Wo in der Gerichtsmedizin die Leiche ihres Mannes liegt – mit türkis lakiertem Fußnagel.

Als lächerliche Leiche nach einem Suizid in einer ärmlichen Kaschemme verwesen – das passt nicht zu ihm, der ansonsten eher adrett und akkurat drauf war. Aber der dicke Hammer kommt erst noch, als Alejandra von der Polizei sein Zweithandy übergeben wird. Darauf zu sehen: Allerhand Bilder und Videos, die Óscar mit seiner Zweitfrau in seinem Zweithaus am Strand und seinem traumhaften Zweitleben abseits der Ehefrau zeigen, eine reizende Tochter inklusive.

Alejandra will nun – nach einer manischen Phase, in der sie auf Koffeintabletten und Schlafentzug das Doppelleben ihres Mannes rekonstruiert hat – dieses Doppelleben auch emotional nachempfinden, und freundet sich unter falschem Namen mit dem liebenswerten Freigeist an, mit dem sie acht Jahre lang betrogen wurde. An dieser Stelle verlässt The Pier nun endgültig seine melodramatische Schnulzen-Prämisse, mit der das Format in einem Nebenhandlungsstrang um Alejandras Kitschromane verfassende Mutter munter kokettiert, und begibt sich auf den Pfad einer ehrlichen Begegnung mit den ganz großen emotionalen Fragen um zwei völlig verschiedene Lebensentwürfe. Denn trotz aller Enttäuschung und Wut müssen die beiden Frauen irgendwann anerkennen, dass sie von diesem charmanten Betrüger und Hintergeher doch aufrichtig geliebt worden sind.

Mit dieser oft leiseren, eher betrachtenden Serie hat Álex Pina das Terrain, das ihn berühmt gemacht hat, ein wenig verlassen und sich von der schier manischen Crash-Boom-Bang-Dramaturgie des betont zügig erzählten Haus des Geldes verabschiedet. Um trotzdem genug narrativen Vorwärtsdrang zu erzeugen, bleiben die Todesumstände des doppellebenden Ehemannes natürlich betont mysteriös. Damit findet das Format zu einer recht angenehmen Balance aus Rätseldramaturgie und psychologischer Betrachtung, wobei letzterer Aspekt inhaltlich der wesentlich interessantere ist. Denn obwohl sich The Pier mit dem Bechdel-Test ziemlich schwer tun dürfte, funktioniert die Serie doch als feinsinnige Betrachtung über die Vielgestaltung weiblicher Lebensentwürfe, bei der die Enttarnung des betrügenden Mannes schlicht den Anstoß der tiefgreifenden Reflexion darstellt.

«The Pier» ist in Deutschland bei Joyn Plus+ abrufbar. Die Serie erscheint am 5. Dezember auch auf DVD.
Meinungen / TV-Kritik / Serientäter
04.12.2019 · 11:13 Uhr
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