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«The Farewell» - Der Film, der «Avengers: Endgame» in die Knie zwang

In den USA wurde Lulu Wangs The Farewell zu einem Indie-Überraschungshit. Nun traut sich die „auf einer wahren Lüge“ basierende Tragikomödie in Konkurrenz zu Star Wars in die Kinos und könnte hierzulande zu einem ähnlichen Siegeszug antreten.

In den Vereinigten Staaten war die US-chinesische Koproduktion The Farewell ein riesiger Überraschungshit. Und zwar so richtig. Seinen Siegeszug startete die von Lulu Wang (Die Kunst des Liebens) inszenierte Indie-Tragikomödie in gerade einmal vier Kinos an. Mit durchschnittlich knapp 90.000 Dollar Einnahmen pro Lichtspielhaus zwang The Farewell damit sogar den gleichzeitig gestarteten Über-Blockbuster Avengers: Endgame in die Knie und fuhr den Rekord für den „besten Kinostart pro Kino“ im Jahr 2019 ein. Zum Vergleich: Der Marvel-Hit brachte aus auf gerade mal 77.000 Dollar pro Kino. Mittlerweile hat die 3 Millionen US-Dollar teure Produktion knapp 20 Millionen eingenommen und wurde in seiner stärksten Woche in 816 US-Kinos gezeigt. In diese sich in Kinotickets widerspiegelnde Lobeshymne stimmten auch die Kritiker mit ein: Aktuell verzeichnet The Farewell auf der Review-Sammelplattform Rotten Tomatoes einen durchschnittlichen bis positiven Bewertungsschnitt von 99 Prozent bei den professionellen Reviewern, 87 Prozent positiv bei den Zuschauern.

Die auf einem wahren Schicksal basierende Geschichte über eine chinesische Familie, die zum Schutz der Familienmatriarchin ihre Krebserkrankung geheim hält, findet nachweisbar zielgruppenübergreifenden Anklang. Ob das auch hierzulande so sein wird, lässt sich allerdings nur schwer einschätzen.

Alles im Sinne der Krebskranken

Als die in New York aufgewachsene Billi (Awkwafina) von ihren Eltern erfährt, dass ihre geliebte Großmutter Nai Nai (Shuzhen Zhao) in China nur noch kurze Zeit zu leben hat, steht ihr Leben Kopf. Die Familie beschließt, Nai Nai im Ungewissen zu lassen und ihr die tödliche Krankheit zu verschweigen. Spontan wird eine Hochzeit für Billis Cousin Hao Hao (Han Chen) organisiert, die allein dem Zweck dient, die im Ausland verstreut lebende Familie ein letztes Mal zusammenkommen zu lassen. Während Billi versucht, die Familienlüge aufrecht zu erhalten und dabei durch das ständige Minenfeld familiärer Erwartungen steuert, stößt sie auf Dinge, die ihr eigenes Leben verändern. Dabei bietet sich die Chance, sowohl das Land ihrer Kindheit als auch den wundersamen Geist ihrer Großmutter wieder zu entdecken.

The Farewell beginnt mit der Texttafel „nach einer wahren Lüge“, was in seinem Widerspruch den Tonfall der folgenden 100 Minuten bereits sehr stimmig zusammenfasst. Lulu Wang erzählt im Kern eine tieftraurige Geschichte, bereitet sie allerdings in einer derart absurden Dimension vor dem Zuschauer aus, dass man bisweilen gar nicht anders kann als laut loszuprusten. In China ist es nämlich tatsächlich so üblich, dass man nahestehenden Angehörigen nichts von einer etwaigen Krebserkrankung erzählt, da man davon ausgeht, Patienten würden bei einer derartigen Diagnose nicht etwa an dem Tumor, sondern an der Angst vor dem nahenden Tod sterben. Und so greift die Familie der zur Protagonistin auserkorenen Billi zu drastischen Mitteln, um ihre in alle Winde verstreuten Mitglieder für einen heimlichen Abschied von Großmutter Nai Nai noch einmal an einem Tisch zu versammeln. Dafür wird sogar extra eine Hochzeitssituation fingiert (schließlich muss man das Familienzusammentreffen ja irgendwie rechtfertigen). Schon aus dieser Situation heraus ergeben sich einige herrlich skurrile Momente, da das vermeintliche Brautpaar eigentlich so gar nicht dafür bereit ist, sich an diesem Wochenende das Ja-Wort zu geben.

Da spricht der ungläubige Blick des angeblichen Bräutigams Hao Hao jedes Mal Bände, wenn er sich schon wieder vor versammelter Mannschaft für die schnelle Hochzeit mit seiner gerade erst kennengelernten Freundin rechtfertigen muss. Ein sehr sympathischer da glaubhaft in der Realität verwurzelter Running Gag.

Eine Großfamilie im Ausnahmezustand

Der Humor findet sich in The Farewell vorwiegend im Detail. Im Großen und Ganzen fußt der Film allerdings auf stillem Drama, das insbesondere von der für ihre Rolle für einen Golden Globe nominierten Awkwafina glaubhaft vorgetragen wird. Wir erleben die Geschichte vor allem aus ihrer Perspektive – und damit vor allem das Hadern mit der Situation. Damit hinterfragt Regisseurin und Autorin Lulu Wang auch ganz gezielt die (chinesische) Tradition und auch, inwiefern man das Wohl der Gemeinschaft über das Wohl des Einzelnen stellen kann oder andersherum. Auch sonst eröffnet Wang am Rande ihres Films immer wieder einzelne Diskussionsebenen über China und die chinesische Politik, weitet diese aber nie so sehr aus, dass die eigentliche (Familien-)Geschichte darüber in den Hintergrund gerät. Eine verständliche Entscheidung, schließlich erzählt Wang hier von ihrem eigenen Schicksal, wenngleich sie ihrer Story dadurch natürlich auch die Möglichkeit nimmt, in größere Erzähldimensionen vorzudringen.

Insbesondere in der zweiten Hälfte pendelt sich The Farewell auf einer weitestgehend ecken- und kantenlosen Feelgood-Ebene ein, wozu auch die Einblendungen über das echte Schicksal Nai Nais ihren Teil zu beitragen. Vielleicht ist das mit ein Grund für den grandiosen Erfolg des Films in den USA.

Die aktuell einen ähnlichen Siegeszug wie der Film selbst feiernde Protagonistin Awkwafina (Ocean’s 8) hat hier nach diversen kleineren Nebenrollen endlich die Gelegenheit, ganz groß aufzuspielen. Ihre emotionale Zerrissenheit bringt die gebürtige New Yorkerin mit viel Fingerspitzengefühl und ohne große Gesten hervorragend zum Ausdruck. In ihr vereinen sich beide Genreeinflüsse, wenn sie im selben Moment grandios komisch aufspielt und für Eingeweihte doch durchscheinen lässt, dass sie eigentlich zutiefst traurig ist. Insbesondere im Zusammenspiel mit der hier ihr Debüt gebenden Shuzhen Zhao als Großmutter trumpft Awkwafina so richtig auf und schafft es, in einem Film mit riesigem Ensemble permanent aus der Masse herauszustechen, ohne sich gezielt in den Vordergrund zu spielen. Das passt zur sehr zurückgenommenen Regieführung die – insbesondere für einen chinesischen Film – durch das konsequente Weglassen von Kitsch oder anderweitiger Überdramatisierung besticht.

Genau dadurch droht The Farewell hier und da aber auch, in eine gewisse Eintönigkeit abzudriften. Lulu Wang konzentriert sich bei ihrer Regieführung vorwiegend auf stille Betrachtung. Oftmals lässt sie Dialogszenen einfach minutenlang stehen, selbst wenn der Inhalt des Gesagten gerade kaum von Bedeutung für die eigentliche Handlung ist. Das verschafft dem Zuschauer zwar einen unverfälschten Einblick in eine im Ausnahmezustand befindliche, chinesische Großfamilie, doch es lässt sich einem kaum verübeln, wem das dann doch zu wenig ist.

Fazit

Der Publikumsliebling The Farewell besticht durch eine fein aufeinander abgestimmte Mischung aus Komödie und Drama, in der vor allem Hauptdarstellerin Awkwafina auftrumpfen kann. Mit ihrer stets eher beobachtenden denn das Geschehen aktiv vorantreibenden Regieführung muss man sich als Zuschauer allerdings anfreunden. Sonst plätschert das Geschehen eineinhalb Stunden lang einfach vor sich hin.

The Farewell ist ab dem 19. Dezember in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.
Kino / Die Kino-Kritiker
16.12.2019 · 09:00 Uhr
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