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«Tatort – Die harte Kern»: Notstand für den Weimar-«Tatort»

Eine starke Regisseurin, zwei Drehbuchautoren, die nicht existieren, und ein Humor-Krimi mit angezogener Spaßbremse. Ohje, ohje.

Schluss mit lustig in Weimar: Lessing (Christian Ulmen) landet in Untersuchungshaft. Er steht unter Verdacht, den Schrottplatzbesitzer Harald Knopp (Heiko Pinkowski) erschossen zu haben. Die Tat wurde mit Lessings Dienstwaffe begangen,sein Alibi ist dünn, andere Verdächtige gibt es derzeit nicht. Das passt Lessings Kollegin und besserer Hälfte natürlich nicht – und dann wird Kira Dorn (Nora Tschirner) zudem von den Ermittlungen abgezogen. Befangenheit und so. Also ermitteln Dorn und Lessing unerlaubterweise auf eigene Faust weiter. Und schon gerät Dorn unter Verdacht, einen Mordanschlag in die Wege geleitet zu haben. Der duckmäuserische Chef Kurt Stich (Thorsten Merten) wird von seiner ans Kommissariat zurückgekehrten Ex, Eva Kern (Nina Proll) schnell in eine Ecke gedrängt – die Sonderermittlerin ist meinungsstark und superstreng. Hat Lessing da überhaupt eine Chance, seinen Kopf aus der sprichwörtlichen Schlinge zu ziehen?

Der mittlerweile neunte Tatort mit Ulmen und Tschirner in den Hauptrollen tanzt aus dem Weimar-Takt: Zwar waren manche der Neunzigminüter mit dem perfekt eingespielten Duo etwas trockener und andere dafür deutlich parodistischer oder wenigstens ironischer, so blieb die Spaßquote durchweg weit über dem Tatort-Standard. «Tatort – Die harte Kern» dagegen ist ernster, ohne aber an Substanz zu gewinnen, sowie erzählerisch und tonal über weite Strecken dröge bis konfus – und so vermisst man schnell die süffisante, unterschwellig-alberne Attitüde, die der Weimar-Tatort-Note sonst mitbringt.

Dem Drehbuch von Sebastian Kutscher und Deniz Yildizr mangelt es an den nebensächlichen Skurrilitäten, die diese Tatort-Unterreihe ausmachen. Und dadurch, dass Lessing und Dorn nur sehr wenige Szenen miteinander durchstehen, wird auch der für diese Krimis so essentielle, spröde-sarkastische Verbalschlagabtausch ausgebremst. Nun ist es nicht automatisch ein Vergehen, wenn ein Tatort-Team mal aus dem ihm üblichen Rahmen fällt – aber es enttäuscht dann halt doch, wenn die Markenzeichen gedrosselt werden, und nichts an ihre Stelle tritt.

Statt durch augenzwinkernd-plakative Situationen zu schreiten, irren die gewohnt (und gewollt) übertrieben skizzierten Weimar-Nebenfiguren durch Versatzstücke stringent durchgezogener "Wenn der Chef mit der Ex liebäugelt"-, "Die strenge Sonderermittlerin zerstört den Crew-Frieden"- und "Ein Unschuldiger unter Verdacht"-Plots. Trotz einer verschachtelten Erzählweise gibt es keine nennenswerten Geheimnisse für das Publikum. Spannung kommt so kaum auf, nicht zuletzt auch deshalb, weil die Erzählstruktur schwammig ist und der Handlungsverlauf wiederholt stockt. Dabei schimmert mehrmals das durch, was diese Figuren auf Skriptebene benötigen: Wann immer «Tatort – Die harte Kern» zu typischen Weimar-Dialogalbereien und trocken vermittelter Situationskomik zurückkehrt, sitzen die Pointen. Etwa direkt zu Beginn, wenn Lessing und Dorn einen langsam fliegenden Verdächtigen auf den Arm nehmen.

Die titelgebende Rolle der Eva Kern wirkt allerdings erzwungen: Sie ist biestig, blond und spricht in gespreizten Sätzen, denen aber der komödiantische Feinschliff fehlt, den Weimar-Titelfiguren sonst mit sich bringen. Dadurch wird Kern eher zur ungewollten Witzfigur, denn zur unterhaltenden Lachnummer, selbst wenn sich Nina Proll in dem Part bemüht. Dass das Skript so lasch ist, dürfte für aufmerksame Tatort-Fans und Branchenbeobachter leider auch keine Überraschung darstellen: Sebastian Kutscher und Deniz Yildizr sind Pseudonyme. Laut der Produktionsfirma wurden die Stammautoren Murmel Clausen und Andreas Pflüger jedoch als Dialogdoktoren rangeholt, um das Skript an den üblichen Tonfall anzupassen. Das Skurrile daran: Zum Drehstart wurden Clausen und Pflüger noch als alleinige Skriptverantwortliche kommuniziert.

Offenbar lag also bei «Tatort – Die harte Kern» hinter den Kulissen so manches im Argen. Wie viel von Clausen und Pflüger noch in diesem Fall steckt, und was zur Erfindung von Sebastian Kutscher und Deniz Yildizr führte, ist aktuell leider unbekannt. Fest steht aber, wie verdammt schade es ist, dass ausgerechnet Helena Hufnagels Tatort-Debüt solch ein lahmes Drehbuch hat, für das keine Seele offiziell Verantwortung nehmen möchte. So einen Einstand in die größte fiktionale TV-Reihe Deutschlands (und solch einen ersten Eindruck beim breiten Fernsehpublikum) hat diese Regisseurin nämlich nicht verdient:

Helena Hufnagel ist die begnadete Regisseurin hinter dem fantastischen Einmal bitte alles!, einem beeindruckenden Mix aus Teilgenerationenporträt, Coming-of-Age-Drama und Sinnsuchkomödie. Und selbst in «Tatort – Die harte Kern» scheint wiederholt Hufnagels inszenatorisches Händchen durch. Sei es ihr Talent, einem Schrottplatz eine rau-romantische Atmosphäre einzuhauchen, seien es die stimmungsvollen Nachtszenen oder das visuell ansprechende, nuancierte Farbspektrum, in das Kamerafrau Aline Laszlo den Löwenanteil der Szenen taucht. Weimar-Fans seien daher starke Nerven gewünscht. Und Helena Hufnagel, dass dieser Tatort keine Schäden an ihrer Karriere hinterlässt und ihr noch viele, viele Türen offen stehen, so dass sie wieder so etwas wie Einmal bitte alles! abliefern kann – und vielleicht auch mal dem Tatort-Publikum zeigt, was sie drauf hat, wenn die Produktion glatt läuft.

Fazit: «Tatort – Die harte Kern» sieht gut aus und hat ein paar nette Gags. Ansonsten dürfte die Hintergrundgeschichte des Films deutlich spannender sein als der Krimi selbst.

«Tatort – Die harte Kern» ist am 22. September 2019 ab 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.
Meinungen / TV-Kritik / Die Kritiker
21.09.2019 · 09:04 Uhr
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