Tagesschau-Chef Bornheim: ,Derzeit ist einfach eine außergewöhnliche Zeit'

Die Corona-Krise stellt auch für TV-Nachrichten eine besondere Situation dar. Marcus Bornheim ist als erster Chefredakteur von "ARD aktuell" für die Tagesschau zuständig. Im Interview erklärt er, welche Maßnahmen in der Redaktion umgesetzt werden und ob er die Gefahr sieht, wichtige Meldungen abseits von Corona in diesen Tagen zu übersehen...

Herr Bornheim, wann wurde Ihnen bewusst, dass unsere Gesellschaft die Wucht, mit der uns das Coronavirus dieser Tage trifft, unterschätzt hat?

Das wurde mir Ende der ersten März-Woche klar. Viele meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befanden sich in den Hamburger Ferien und riefen an: Wir sind in Süd-Tirol, Schweiz oder in Spanien. Wir haben zwar keine Symptome, aber können wir am Montag ins Büro? Und dann mussten wir einigen sagen: Sorry, nein, Du bleibst zu Hause.

Wie wirkt sich Corona auf Ihren persönlichen Arbeitsalltag aus? Sind Sie im Homeoffice? Wie viel Arbeit findet am Telefon oder per Videochat statt?

Wir teilen uns das in der Chefredaktion auf zwischen mobilem Arbeiten von zu Hause und Büro. Die meiste Zeit verbringe ich allerdings derzeit damit, den Schutz der Mitarbeitenden zu organisieren. Das sind auch Menschen, die Angst haben, die teilweise Vorerkrankungen haben und auch älter sind. Die brauchen Schutz, den wir versuchen zu organisieren und zugleich unseren Auftrag in vertrauter Qualität zu erfüllen.

Das ZDF und die Mediengruppe RTL haben allen Mitarbeitern, denen dies möglich ist, Homeoffice verordnet. Wie viele Mitarbeiter kann eine Nachrichtenredaktion, die ein tägliche Sendungen auf die Beine stellen muss, überhaupt nach Hause schicken?

Wir haben die Zahl der Anwesenden um über 50 Prozent reduziert. Unsere Homepage, unsere Social-Kanäle und unsere Themenplanung kann man gut im mobilen Arbeiten machen. Schwierig ist das klassisch lineare Fernsehen. Dafür braucht man immer eine Mannschaft im Newsroom und eine Sprecherin und Sprecher vor der Kamera. Die Tagesthemen haben sich sehr intelligent aufgestellt: Viele Redakteursaufgaben werden zu Hause erledigt, zwei CvDs (Chefs vom Dienst, Anmerkung der Redaktion) sind zur Sendeabwicklung hier und die Moderatorinnen und Moderatoren halten sich getrennt von der Redaktion auf.

Die 20-Uhr-Ausgabe der Tagesschau ist für viele Bürger besonders in diesen Tagen die erste Anlaufstelle für Informationen. Wie schwer ist es aktuell, die 15-minütige Sendung passgenau zu planen?

Das unterscheidet sich nicht von anderen Breaking-News-Situationen. Nur, dass sie jetzt täglich vorkommen. Das Team kann bis kurz vor der Sendung alles umwerfen und auch während der Sendung auf die Aktualität reagieren.

Ihre Reporter, Korrespondenten und Kamerateams müssen vor die Haustür gehen und reisen, um mit Menschen zu sprechen und zu drehen. Sind Ihre Kollegen, die draußen arbeiten, dieser Tage zu zusätzlichen Maßnahmen angehalten?

Darum kümmern sich die jeweiligen Landesrundfunkanstalten, deren Reporterteams für uns im Einsatz sind. Das Sichtbarste ist der Mikrofonschutz mit Plastiküberzug.

Haben Sie Sorge, dass zu viele Mitarbeiter bei Ihnen erkranken könnten und die Arbeit von „ARD aktuell“ damit gefährdet wäre?

Genau das versuchen wir, zu verhindern. Wir teilen die Teams. Noch vor wenigen Monaten haben wir begonnen, die Teams stärker crossmedial zu verzahnen, jetzt geht es darum, die Teams wieder auseinanderzuziehen. Als Beispiel: Unsere Frühschicht und unsere Spätschicht dürfen nicht mehr gleichzeitig im Newsroom sein. Aber auch die Bewegungsfreiheit in den Pausenräumen ist eingeschränkt: Nur noch vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dürfen gleichzeitig in diesem Raum sein.

Sehen Sie die Gefahr, dass wir in den kommenden Tagen und Wochen wichtige Meldungen übersehen könnten, weil alle „nur“ auf Corona schauen?

Ja, habe ich. Wir sind immer unglücklich, wenn wir eine Tagesschau-Ausgabe haben, die monothematisch zu Corona ist. Besser ist unser Gefühl, wenn wir zwei bis drei zusätzliche Meldungen noch in der Sendung unterbekommen. Tagesschau.de schafft das zum Beispiel sehr gut, neben der Corona-Krise die ganze Nachrichtenwelt abzudecken.

Die Tagesschau verzeichnet dieser Tage extrem hohe Reichweiten und Quoten bei Alt und Jung. Bestätigen Sie die Zuschauerzahlen in Ihrer Arbeit oder bleibt für den Blick auf die Quote in diesen Tagen gar keine Zeit?

Der Zuspruch und das Vertrauen der Menschen in unsere Informationsangebote freut uns natürlich und ist Ansporn. Aber uns beschäftigt in erster Linie, wie wir die Menschen auch in diesen Zeiten mit Nachrichten verlässlich und in der von uns bekannten Qualität versorgen können. Es gibt dafür viel zu organisieren, redaktionelle Leitlinien abzustecken und Schwerpunkte zu setzen.

Bei Ihnen auf der Arbeit ist Corona derzeit das beherrschende Thema, auch im privaten Umfeld dominieren Diskussionen über das Virus. Wie schwierig fällt es Ihnen persönlich gerade abzuschalten?

Das bereitet mir keine Probleme. Das gehört zum Job dazu, dass ich rund um die Uhr erreichbar sein muss sein, auch mal nachts angerufen zu werden. Derzeit ist es einfach eine außergewöhnliche Zeit.

Herr Bornheim, wir danken Ihnen für das Gespräch.


Wie die Redaktion des ZDF-heute-journal und der Nachrichtensender ntv mit der Corona-Krise umgehen, lesen Sie am Sonntagmittag bei Quotenmeter.de.
Magazin / Interview
21.03.2020 · 22:34 Uhr
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