Besonderer Förderbedarf

Studie: Viele Kitas können Auftrag nicht voll erfüllen

28. Januar 2026, 12:22 Uhr · Quelle: dpa
Kindertagesstätte (Kita)
Foto: Maximilian von Klenze/dpa
Nur in wenigen Kitas ist die Personalausstattung laut einer Studie optimal. (Archivbild)
Viele Kinder haben besonderen Förderbedarf. Die Aufgaben der Kitas werden komplexer. Die meisten sind dafür laut Studie nicht optimal ausgerüstet. Nur eine Minderheit verfüge über das nötige Personal.

Gütersloh (dpa) - Nur eine Minderheit der Kitas in Deutschland ist einer Studie zufolge mit der optimalen Personalstärke ausgestattet, um für alle Kinder in den oft heterogenen Gruppen gute Bildung und Betreuung zu gewährleisten. Gerade einmal gut jede siebte Einrichtung verfüge über die wissenschaftlich empfohlene volle Personalausstattung, berichteten die Bertelsmann-Stiftung und das Österreichische Institut für Familienforschung (ÖiF) an der Uni Wien. 

Die Lage ist in den Bundesländern sehr unterschiedlich 

Laut Analyse für 2024 arbeiten bundesweit lediglich 13,7 Prozent der Kitas mit einer 100-Prozent-Personalausstattung. Auffällig dabei: In Westdeutschland sind es im Schnitt 16,3 Prozent, im Ostdeutschland mit Berlin dagegen nur 2 Prozent. Mit einer schwachen Personaldecke - 60 Prozent und weniger als wissenschaftlich empfohlen - arbeitet demnach deutschlandweit etwa jede fünfte Kita (21,2 Prozent), wobei es im Westen nur rund 11 Prozent, aber in den ostdeutschen Ländern mit Berlin zwei Drittel (65,3 Prozent) seien. 

Die Untersuchung sieht bei der Ausstattung mit pädagogisch tätigem Personal in allen Bundesländern Handlungsbedarf - zugleich aber große Unterschiede. Vorn liegen Baden-Württemberg und Bremen, wo zum Stichtag 1. März 2024 rund ein Drittel der Kitas über die bestmöglichen Personalressourcen verfügen. Es folgen Niedersachsen (20 Prozent) und Schleswig-Holstein (17 Prozent). Mit maximal 60 Prozent der benötigten Fachkräfte müssten besonders viele Kitas in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen - rund 84 Prozent - auskommen. 

Berechnung mit neuer Messlatte 

Die Analyse arbeitet mit einer sogenannten Personalausstattungsquote, die Stiftung und ÖiF entwickelt haben, um mehrere zentrale Faktoren in den heterogenen Gruppen differenziert zu berücksichtigen und in einer einzigen Kennziffer zusammenzufassen, wie es hieß. Der neue Indikator berücksichtige neben Kita-Größe und Alters-Zusammensetzung auch den Anteil der daheim nicht Deutsch sprechenden Kinder sowie die Zahl der Jungen und Mädchen mit Eingliederungshilfe - die etwa geistig oder körperlich behindert sind. 

Zur Einordnung: Von mehr als 3,55 Millionen Kita-Kindern in Deutschland (2024) kommen laut Stiftung rund 820.640 (etwa 23 Prozent) aus einer Familie, in der vorrangig nicht Deutsch gesprochen wird. Und rund 96.365 Jungen und Mädchen in Kitas erhalten Eingliederungshilfe wegen einer Beeinträchtigung. 

Klar sei: Für eine hochwertige Förderung von Kindern mit besonderen pädagogischen Anforderungen brauche es zusätzliche Personalstunden. 

Komplexe Anforderungen an Kitas 

Bildungsexpertin Kathrin Bock-Famulla wies darauf hin, dass Kitas einen zunehmend komplexen Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsauftrag haben. Ausreichend viele und gut qualifizierte Fachkräfte wie Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen seien umso wichtiger. Nur ein «Bruchteil» der Einrichtungen komme auf die erforderliche volle Personalausstattung, monierte die Forscherin aus Gütersloh. Die Mehrheit der Kinder werde nicht unter den Bedingungen betreut, die nach wissenschaftlichen Standards erforderlich seien. 

Positiv zeigt sich in der Studie: In der Mehrheit der Länder steigt die Personalausstattungsquote, je höher der Anteil der Kinder mit einer Behinderung ist, wie Andreas Baierl vom ÖiF schilderte. 

Startchancen-Programm für Kitas könnte Situation verbessern

Alle Kinder mit ihren unterschiedlichen Ausgangslagen müssten gefördert werden, mahnte die Stiftung. Viele Kitas seien für ihren gesetzlichen Auftrag als Bildungseinrichtung nicht angemessen ausgestattet, bilanzierte Bock-Famulla. Das laut Koalitionsvertrag von Union und SPD geplante Startchancen-Programm für Kitas könne Verbesserungen bringen. Wann eine solche Förderung vom Bund kommt, ist aber offen. Eine Sprecherin des Bundesfamilienministeriums sagte auf Anfrage, seit Juli 2025 werde in einer Arbeitsgruppe auch über Startchancen-Kitas beraten. Den Ergebnissen könne man nicht vorgreifen.

Mögliche Folgen für die Jüngsten bei starker Unterbesetzung 

Erheblicher Personalmangel könne zu «pädagogisch unangemessenem Handeln der Fachkräfte» aufgrund von Überlastung führen, warnte Bock-Famulla. Sogar viele Fachkräfte selbst sagten, dass sie wegen anhaltender Unterbesetzung nicht in der Lage seien, ihren Bildungsauftrag zu erfüllen. Negative Folgen könne das zum Beispiel auf die wichtige Sprachbildung der Jüngsten haben.

Aus Sicht des DGB leiden vor allem sozial benachteiligte Kinder, die besonders auf qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung angewiesen sind, unter den Defiziten. Die «prekäre Personalsituation» gefährde zudem die Gesundheit der Fachkräfte und führe zu höheren Krankenständen. 

In den ostdeutschen Bundesländern bietet sich laut Bertelsmann Stiftung angesichts sinkender Geburtenzahlen eine «historische» Chance für optimale Personalquoten. Dafür müssten Fachkräfte im Job gehalten werden statt Gruppen zu schließen. Aus dem Sozialministerium in München hieß es, Bayern habe schon 2005 den Rahmen für eine bedürfnisorientierte Förderung auch mit Blick auf Kinder mit Behinderung und Migrationshintergrund geschaffen und werde bis 2027 den Fachpersonal-Bedarf wohl decken können.

Bildung / Kindergärten / Gesellschaft / Deutschland / Kita-Personal / Studie
28.01.2026 · 12:22 Uhr
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