Streit um Neustart-Pläne zwingt Bundesliga zu Reform-Debatte

Thomas Röttgermann
Foto: Federico Gambarini/dpa
Spricht sich für Gehaltsobergrenzen im Fußball aus: Thomas Röttgermann, Vorstandsvorsitzender von Fortuna Düsseldorf.

Berlin (dpa) - Der deutsche Profifußball kämpft um den Neustart der Bundesliga und will mit Demut und mehr wirtschaftlicher Vernunft auch die heikle Moral-Debatte gewinnen.

«Es braucht Regeln, um die Entwicklung der Vereine und des Fußballs insgesamt nicht zu gefährden. Darüber sollten wir jetzt dringend nachdenken und diskutieren», mahnte Fortuna Düsseldorfs Vorstandschef Thomas Röttgermann via «Frankfurter Allgemeine Zeitung» an. Die Kritik von Fangruppen und Gesundheitsexperten an einer Fortsetzung der Saison mit Geisterspielen und einer vermeintlichen Sonderrolle des Fußballs hat die Branche schwer ins Grübeln gebracht.

«Natürlich ist dem Fußball angeraten, mal über sein Wertegerüst, über seine Organisation an sich, nachzudenken», sagte Präsident Dirk Zingler von Union Berlin. Er fügte hinzu: «Auch der Fußball hat die Aufgabe, alles zu tun, um in der gesellschaftlichen Akzeptanz zu bleiben.» Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Zwangspause bis hin zu Insolvenz-Ängsten gepaart mit dem spürbaren Liebes-Entzug der Stammkundschaft forciert nun Rufe aus der Liga nach einer Gehaltsobergrenze und fairerer Geldverteilung.

«Niemand wird leugnen können, dass sich der Profifußball immer mehr - nennen wir es - überhitzt hat. Von Saison zu Saison ist immer noch mehr Geld geflossen, und vielleicht ist der einzelne Mensch dabei bisweilen auf der Strecke geblieben», sagte Nationalspieler Matthias Ginter von Borussia Mönchengladbach dem Internetportal «Sportbuzzer».

Zuletzt hatten mehrere Fan-Organisationen die Pläne der Deutschen Fußball Liga für eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs vor leeren Rängen attackiert. «Dass diese Diskussion überhaupt geführt wird, ist ein Ausdruck der völlig falschen Entwicklung im Fußball, die seit Langem von aktiven Fans kritisiert wird», teilte das Bündnis «Pro Fans» mit. «Wichtiger ist der Blick in die Zukunft. Sind Verbände und Vereine fähig, aus der heutigen absurden Situation zu lernen?», hieß es in der Reaktion auf das DFL-Konzept für Geisterspiele weiter.

Eine Mehrheit der Bundesbürger sieht die DFL-Pläne ebenfalls skeptisch. 90 Prozent der Deutschen sind laut einer Umfrage von infratest dimap im Auftrag der ARD-«Sportschau» dafür, bei Coronavirus-Infektionen von Profis die gesamte Mannschaft für 14 Tage in Quarantäne zu schicken. Im DFL-Konzept ist hingegen vorgesehen, bei möglichen Infektionen nur die jeweiligen Spieler in Quarantäne zu schicken, nicht aber das ganze Team.

Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach übt seit Tagen heftige Kritik an dem Vorhaben der Bundesliga. «Dieses Konzept ist nicht wasserdicht. Dass es einen unabhängigen Epidemiologen überzeugt, halte ich für ausgeschlossen», sagte Lauterbach dem «Spiegel».

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte der Bundesliga zwar zuletzt gemeinsam mit seinem nordrhein-westfälischen Amtskollegen Armin Laschet (CDU) Hoffnungen auf einen Wiederbeginn schon am 9. Mai gemacht. Aber nun warnte er bei «Focus online»: «Es müssen zwingend maximale Hygiene-Anforderungen erfüllt sein: Darüber muss das Robert-Koch-Institut entscheiden. Dann könnte man auf Bewährung starten. Aber es müssen eben auch die kleineren Vereine stemmen können - nicht nur der FC Bayern oder Dortmund.»

Offen ist weiter, wann und von wem die DFL und die Clubs mit einer verbindliche Entscheidung über eine Saison-Fortsetzung rechnen können. Von der Schaltkonferenz der Ministerpräsidenten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Donnerstag sollten die Menschen «nicht allzu viel erwarten», sagte Söder.

Die akute Not der Proficlubs ist zwar durch die erzielte Vereinbarung mit fast allen Medienpartnern rund um den wichtigsten Geldgeber Sky zur Zahlung der noch offenen Millionen für diese Saison gelindert. Dennoch sind die Sorgen weiter gewaltig. «Wir befinden uns in einer Nussschale bei Gewitter auf hoher See», sagte Oke Göttlich, der Präsident des Zweitligisten FC St. Pauli, dem NDR. «Wir müssen den Betrieb irgendwie am Laufen halten, weil wir sonst einen Trümmerhaufen hinterlassen. Die Liga wird es so nicht mehr geben können, wenn wir nicht ins Spielen kommen», fügte er hinzu.

Auch Göttlich machte sich für eine Reform des Geschäftsmodells stark. «Wir brauchen mehr Regeln. Es geht nicht mehr um Einzelschicksale», sagte der Pauli-Clubchef. Düsseldorf-Boss Röttgermann hat konkret eine Gehaltsobergrenze vorgeschlagen. «Spielergehälter stellen einen Großteil der Ausgaben dar, und man befindet sich in einem immerwährenden Rattenrennen mit Vereinen aus derselben Liga und internationalen Clubs», sagte der Fortuna-Vorstandsvorsitzende und verwies auf solche Modelle im US-Sport.

Für den früheren Bundesliga-Manager Reiner Calmund sind solche Schritte selbstverständlich. Hochbezahlten Spielern müsse klar sein, «jetzt geht es euch an die Kohle, ob es euch passt oder nicht», sagte der 71-Jährige bei Sky. Wirtschaftliche Einschnitte müssten auch die treffen, die am meisten im Fußball verdienen, sagte Calmund. «Das ist doch so klar wie das Amen in der Kirche.»

Fußball / Bundesliga / Fortuna Düsseldorf / Coronavirus / Deutschland / Nordrhein-Westfalen
25.04.2020 · 15:06 Uhr
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