Statement trifft Cop-Thriller: «Black and Blue»

Vom Jäger zum Gejagten – im Cop-Thriller Black and Blue wird aus einer toughen Polizistin eines Tages das lebendige Ziel ihrer Kollegen. Das Ergebnis ist ein geradliniger Genrereißer mit Schwächen.

Polizeiuniformen in den USA variieren zwar von Bundesstaat zu Bundesstaat sehr stark. In den meisten von ihnen hat sich allerdings die Farbe Blau durchgesetzt. So auch in New Orleans, wo Regisseur Deon Taylor (The Intruder) seinen politisch eingefärbten Cop-Thriller Black and Blue spielen lässt. Der Filmtitel lässt sich dabei nicht etwa (nur) davon ableiten, dass sich der Film gerade in Nachtszenen auf ein Farbschema verlässt, das aus Schwarz und Blau besteht. Drehbuchautor Peter A. Dowling (Flightplan – Ohne jede Spur) nutzt sein erst fünftes Skript für einen Langspielfilm in erster Linie für ein Statement gegen Polizeiwillkür und -Gewalt an schwarzen Mitbürgern. „Black“ steht hier vor allem für die Hautfarbe von Protagonistin Alicia, die sich im Verlauf der 108 Filmminuten mindestens einmal direkt (und mehrmals unterschwellig) der Frage stellen muss, was sie einst dazu bewegte, als Schwarze in eine blaue Polizeiuniform zu schlüpfen – Black and Blue eben. Deutlicher könnte ein Film sein Anliegen nicht vor der Brust tragen.

Das ist aber nicht der Hauptkritikpunkt an einer Produktion, die gerade durch die deutliche Ausformulierung ihrer Anklage eine ungeheure Wut in sich trägt. In erster Linie baut Taylor nämlich bloß auf gängige inszenatorische Versatzstücke des Thrillerkinos. Und die laufen sich leider mit der Zeit tot, was nicht bedeutet, dass Black and Blue nicht bis in die aller letzte Sekunde verdammt spannend ist.

Sie ist eine von den Blauen

Nachwuchspolizistin Alicia (Naomie Harris) ist neu in ihrem Job und wird von ihren vorwiegend männlichen und weißen Kollegen äußerst kritisch beäugt. Eines Tages nimmt sie mit ihrer Body-Cam versehentlich den Mord an einem jungen Drogendealer auf. Als sie erkennt, dass der Mord von korrupten Polizisten begangen wurde, schließt sie sich mit der einzigen Person aus ihrem Viertel zusammen, die bereit ist, ihr zu helfen: dem sympathischen, aber misstrauischen Supermarktbesitzer Milo (Tyrese Gibson), der selbst schon oft erleben musste, wie es ist, ohne Selbstverschulden in die Hände der Polizei zu gelangen. Jetzt muss Alicia nicht nur ihren Polizei-Kollegen entkommen, die mit allen Mitteln das belastende Material vernichten möchten, sondern auch den auf Rache sinnenden kriminellen Freunden des Drogendealers, denn die Cops haben der Unterwelt von Detroit gesteckt, dass nicht sie, sondern Alicia den Mord begangen hat…

Black and Blue beginnt direkt mit einer Szene, in der die ohne Uniform und in Kapuzenpulli joggende Alicia von zwei Streifenpolizisten angehalten und durchsucht wird – sie würde so ähnlich aussehen wie die Verdächtige in einem Kriminalfall. Besonders subtil ist das nicht und selbst mit dem noblen Anliegen, auf dem die Macher ihren Film aufbauen, hätte es diese eine Szene nun wirklich nicht gebraucht, um mit allem danach nicht schon genügend Aufmerksamkeit auf den gerade in Städten wie Detroit vorherrschenden Rassismus von Weißen gegen Schwarze und das daraus resultierende, zerstörte Vertrauensverhältnis in die Polizei zu ziehen. Aber Deon Taylor macht diesbezüglich keine Gefangenen. Mit Mittelpunkt seines Films steht von Anfang an Alicia, die sich als sogenannter „Rookie“ (also Neuling) erst an die mitunter sehr rauen Gepflogenheiten in den eigenen Reihen gewöhnen muss. So richtig ernst nimmt man sie nicht und gerade die älteren Kollegen stehen der Einstellung einer schwarzen Frau kritisch gegenüber, was Taylor immer wieder in kleinen Momentaufnahmen wie abfälligen Bemerkungen oder Blicken einfängt.

Gerade in seiner Anfangsphase ist Black and Blue weniger Actionthriller als Drama über Alicias Polizeialltag. Erst ab dem Moment, in dem die junge Frau durch Zufall einen Mord mitansieht und dabei von ihren (korrupten) Kollegen entdeckt wird, beginnt sich nicht nur die Schlinge um ihren Hals zuzuziehen, sondern auch das Tempo des Films zu ändern.

Ein paar Klischees zu viel

Damit einher geht auch der sich sukzessive öffnende Erzählfokus; zunächst noch sehr intim und immer ganz nah dran an Alicia, nehmen wir nach und nach die sich um sie herum abspielenden Verstrickungen war. Zunächst sind da nur ihre gewaltbereiten Kollegen. Aus dem einen, der abdrückt, werden immer mehr, bis schließlich die gesamte Polizei Detroits von korrupten Cops durchzogen scheint. In der zweiten Hälfte bezieht die Handlung auch noch die aus Drogendealern und Gewaltverbrechern bestehende Detroiter Unterwelt mit ein, die die Jagd auf Alicia eröffnen. Besonders spannend ist vor allem die erste Stunde, in der sich der Film darauf konzentriert, dass ein ganzes Stadtviertel eine einzelne Frau in die Enge drängt und diese nicht nur nicht weiß, wo sie sich verstecken soll, da man ihr mit Uniform nirgendwo Obdach gewährt (eine sehr smarte Begründung, weshalb sich Alicia nicht einfach in irgendeinem Haus versteckt und von dort aus Hilfe holt!). Sie weiß auch ganz einfach nicht, wem sie in dieser Situation trauen kann und schließt sich dadurch mit einem weiteren Opfer von Polizeiwillkür zusammen.

Auch in diesem sehr symbolischen Akt fährt Deon Taylor nicht gerade in subtilen Bahnen. Aber es funktioniert sowohl inhaltlich als auch in der Aussage: Denn je öfter die Macher hier Szenen wahlloser Machtausübung an Schwarzen wiederholen und ebenjene ihre Erfahrungen mit der Obrigkeit schildern dürfen, desto mehr werden einem die Ausmaße derartiger realer Probleme bewusst – und Erinnerungen an den tonal vollkommen anders verortbaren aber inhaltlich nicht minder deutlichen The Hate U Give werden wach.

Was sich Taylor vermutlich ebenfalls als „funktionierend“ erhoffte, sind die vielen inszenatorischen Klischees, die Black and Blue gerade in der zweiten Hälfte auffährt. Der übermäßige Einsatz von Zeitlupen, das Motiv vom „plötzlich jemanden im letzten Moment vor einem Schusswechsel retten“ oder das Auftreten der prolligen Drogenbosse nehmen ein wenig den Fokus von all den Dingen, die ansonsten einen deutlich besseren Eindruck hinterlassen. Das gilt vor allem für Naomie Harris (Moonlight), die gerade in der ersten Hälfte von Black and Blue dazu gezwungen ist, den Film vollständig auf ihren Schultern zu tragen. Sie macht aus ihrer Rolle nicht einfach bloß eine gegen alle Widerstände kämpfende Idealistin, sondern gibt der Verkörperung des unsicheren Rookies genauso viel Raum zur Entfaltung. Das macht Alicia West zu einer absolut nahbaren Protagonistin, die immer wieder die Frage zulässt, was man als Zuschauer in ihrer Situation tun würde.

Einige ihrer Entscheidungen sollen zwar sichtbar den Plot antreiben und bauen nur bedingt auf Logik, in anderen Momenten wiederum liefert das Skript einige clevere Begründungen dafür, weshalb die Figuren gerade nicht so handeln, wie es vielleicht auf den ersten Blick angebracht wäre. Für den monotonen Schlussakt gilt das leider nicht, in dem aber immerhin nochmal eine Szene mit Tyrese Gibson (Fast & Furious 8) besonders heraussticht. Wenn der sich nämlich in einer Polizeiuniform davonstiehlt und von seinen eigenen „Kollegen“ nicht erkannt wird, ist das ein bemerkenswert subtiler Kommentar darauf, dass die ihn vermutlich einfach nur deshalb nicht erkennen, weil Schwarze in dessen Augen alle gleich aussehen…

Fazit

Rassismusanklage trifft Cop-Thriller – und das funktioniert die meiste Zeit erstaunlich gut. Erst wenn in der zweiten Hälfte von Black and Blue die Genreklischees Überhand nehmen, verliert der Film an Glaubwürdigkeit und Spannung.

Black and Blue ist ab dem 14. November in den deutschen Kinos zu sehen.
Kino / Die Kino-Kritiker
12.11.2019 · 14:30 Uhr
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