Innere Sicherheit

Sprengstoff-Drohne in Leipzig: Semtex im Spiel

06. August 2026, 19:54 Uhr · Quelle: dpa
Nach Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig/Halle
Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Zahlreiche Einsatzwagen der Polizei sind an der «Nordpiste» des Flughafens Leipzig/Halle im Einsatz.
Nach dem Drohnenfund am Flughafen Leipzig/Halle laufen die Ermittlungen auf Hochtouren. Noch ist vieles unklar. Klar ist hingegen: Der Mann, der die Drohne entdeckte, hatte großes Glück.

Leipzig (dpa) - Nach dem Fund einer Sprengstoff-Drohne auf dem Flughafen Leipzig/Halle laufen die Ermittlungen auf Hochtouren. Viele Fragen sind nach wie vor offen, bei ihrer Aufklärung hat der Generalbundesanwalt die Federführung übernommen. Aus den Ländern kommen Forderungen nach einem besseren Schutz der Flughäfen. Zugleich werden immer mehr Details des Vorfalls bekannt. 

So hat der Mitarbeiter des Flughafens, der die Drohne in der Nacht zum Mittwoch entdeckt hatte, großes Glück gehabt. Er holte das mit einer Sprengstoffvorrichtung bestückte Fluggerät nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur aus Sicherheitskreisen mit einem Fußtritt aus der Luft und brachte es zu Boden. 

Nach Angaben des Landeskriminalamts Sachsen hatte er die Drohne auf der Start- und Landebahn «Südpiste» bemerkt. Sie befand sich nach Angaben aus Sicherheitskreisen nahe einer ukrainischen Transportmaschine vom Typ Antonow AN-124 Condor. Spezialisten der Bundespolizei entschärften die Sprengvorrichtung.

Nach dpa-Informationen aus Sicherheitskreisen ist inzwischen bestätigt, dass für den Sprengsatz die Explosivstoffe Semtex und PETN verwendet wurden. Der Plastiksprengstoff Semtex wird bei kommerziellen Sprengungen eingesetzt. Er gelangte im Kalten Krieg mehrmals in die Hände von Terroristen - so wurde er 1988 beim Lockerbie-Bombenanschlag eingesetzt, der ein Verkehrsflugzeug über Schottland zum Absturz brachte.

Flugverkehr läuft über «Südpiste»

Der Flugverkehr auf der nördlichen Landebahn des Airports stand am Donnerstag weiter weitgehend still. In direkter Nähe der «Nordpiste» war die Polizei mit etwa 20 Wagen im Einsatz, wie ein dpa-Reporter beobachtete. Dass die Polizeikräfte nach dem zweiten, bisher unbekannten Flugobjekt suchen, mit dem in der Nacht zu Mittwoch eine DHL-Maschine kollidierte, bestätigte die Generalstaatsanwaltschaft Dresden nicht. Dass die Suche am Donnerstag aber fortgesetzt werden sollte, hatte das Landeskriminalamt bereits mitgeteilt.

Seit dem Morgen starteten und landeten Flugzeuge den Beobachtungen zufolge wieder auf der «Südpiste». Sie war gesperrt gewesen, nachdem dort in der Nacht zum Mittwoch die Drohne mit der Sprengvorrichtung entdeckt worden war. Diese befand sich nahe einer ukrainischen Transportmaschine vom Typ Antonow AN-124 Condor. Spezialisten der Bundespolizei entschärften die Sprengvorrichtung mit Zünder.

Spekulationen, die ukrainischen Transporter könnten Munition geladen haben, wurden dementiert. «Die betreffenden Antonow-Flugzeuge waren zum Zeitpunkt des Vorfalls leer und damit ohne Fracht», sagte die Kommunikationschefin der Mitteldeutschen Flughafen AG, Maret Montavon, der «Leipziger Volkszeitung». 

Nach dem Drohnenfund war auf dem Flughafen ein mutmaßlich zweites unbekanntes Flugobjekt mit einem Frachtflugzeug zusammengestoßen, das wegen der Sperrung der Landebahn wieder durchgestartet war. Bei der Maschine seien nach der Landung in Hannover leichte Beschädigungen festgestellt worden, hieß es.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach dann am Mittwochabend von einer «neuen Gefahrenqualität» und einem «hybriden Anschlagsszenario».

Bundesanwaltschaft: Schwerwiegender Angriff

Die Bundesanwaltschaft übernahm die Ermittlungen wegen der Bedeutung des Falls: «Es handelt sich um einen schwerwiegenden Angriff auf die Transport- und Logistikinfrastruktur in Deutschland», erklärte sie in Karlsruhe. «Damit ist die Tat geeignet, die äußere und innere Sicherheit der Bundesrepublik zu beeinträchtigen.»

Beim Bundesamt für Verfassungsschutz beschäftigt sich eine Sondereinheit mit dem Vorfall, wie ein Sprecher mitteilte. «Das Bundesamt für Verfassungsschutz, das Bundeskriminalamt, die Bundespolizei und die Landessicherheitsbehörden stimmen sich aktuell im gemeinsamen Zentrum zur Abwehr Hybrider Bedrohungen (GAZ-Hybrid) ab und analysieren den Sachverhalt gemeinsam», hieß es.

Experte: Bedrohung für kritische Infrastruktur

Der Dresdner Luftverkehrsexperte Hartmut Fricke stufte den Vorfall als neue Dimension der Bedrohung für kritische Infrastruktur ein. Anders als bei bisherigen Drohnenvorfällen gehe es nicht mehr allein um die Gefahr einer Kollision mit einem Flugzeug oder Schäden durch die Drohne selbst. Eine Sprengvorrichtung erhöhe das Gefahrenpotenzial erheblich, sagte der Professor für Technologie und Logistik des Luftverkehrs an der TU Dresden der Deutschen Presse-Agentur. 

Sollte sich ein gezielter Anschlagsversuch bestätigen, zeige der Vorfall, «dass wir in der Entdeckung derart kleiner Objekte an kritischen Infrastrukturen noch nicht gut sind», sagte Fricke. Das gelte sowohl für die verfügbaren Technologien als auch für die Geschwindigkeit, mit der diese in der Praxis eingeführt würden.

Mehr Drohnensichtungen an deutschen Flughäfen

Die Zahl der Drohnensichtungen an deutschen Flughäfen ist im ersten Halbjahr 2026 deutlich gestiegen. Bundesweit wurden an den 15 internationalen Verkehrsflughäfen in den ersten sechs Monaten 166 der Flugobjekte gemeldet, wie aus Zahlen der Deutschen Flugsicherung (DSF) hervorgeht. Die meisten Vorfälle gab es am Berliner Hauptstadtflughafen BER (28) und am größten deutschen Flughafen in Frankfurt am Main (27). In Leipzig/Halle wurden 18 unerlaubte Fluggeräte gesichtet.

Sachsens Innenminister Armin Schuster (CDU) hatte am Mittwochabend jedoch betont, dass es sich meist um Fälle unsachgemäßer Anwendung durch private Piloten handle. «Das war es diesmal nicht», fügte er hinzu.

Brandenburg und Nordrhein-Westfalen für besseren Schutz

Mehrere Innenminister forderten einen besseren Schutz für die Flughäfen und mehr Befugnisse für die Betreiber kritischer Infrastruktur. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) verlangte eine schnelle Festlegung darauf, wer bei ähnlichen Fällen wann genau zuständig ist: «Wir können nicht mehr länger warten: Wir müssen klären, wer für die deutsche Luftsicherheit zuständig ist. Länderpolizeien, Bundespolizei, Luftverkehrsbehörden und Bundeswehr müssen wissen, wann wer eingreifen darf, kann und muss.»

Grüne fordern Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates

Die Grünen im Bundestag forderten Beratungen des Nationalen Sicherheitsrates. Fraktionschefin Katharina Dröge sagte der Deutschen Presse-Agentur, der Sicherheitsrat müsse umgehend zusammenkommen, um über die Lage und die notwendigen Konsequenzen daraus zu beraten. In einer solch ernsten Situation dürften auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) nicht fehlen.

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06.08.2026 · 19:54 Uhr
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