Spielt deine Nationalelf überhaupt noch zu Hause? Bei der WM 2026 stehen drei von vier Stars im Ausland unter Vertrag
1994 war es eine Sensation: Fußballzwerg Bulgarien warf den Titelverteidiger Deutschland im WM-Viertelfinale aus dem Turnier. Mehr als 30 Jahre später kehrt die Weltmeisterschaft in die USA zurück, und der Fußball ist kaum wiederzuerkennen. Sein Arbeitsmarkt ist global geworden: Bei der WM 1990 spielten nur 26 Prozent der Nationalspieler in einer ausländischen Liga, bei der WM 2026 sind es 72 Prozent. Anders gesagt: Drei von vier WM-Stars verdienen ihr Geld heute außerhalb ihres Heimatlandes. Das zeigt eine neue Untersuchung, die das Finanzportal Finalarm gemeinsam mit DataPulse Research vorgelegt hat. Die Analyse zeichnet nach, wie die Öffnung des europäischen Fußballmarktes die Zusammensetzung von Kadern und ganzen Ligen verändert hat.

Der Auslöser hieß Bosman
Bis Mitte der 90er-Jahre war ein Wechsel ins Ausland keine Selbstverständlichkeit. In den nationalen Ligen und den UEFA-Wettbewerben galten Ausländerbeschränkungen: Pro Mannschaft durften nicht mehr als drei ausländische Spieler auf dem Platz stehen. Das Bosman-Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom 15. Dezember 1995 beendete dieses System und stellte Profi-Sportler arbeitsrechtlich anderen Arbeitnehmern gleich. Seitdem könnte ein Klub wie der Hamburger SV theoretisch elf bulgarische oder brasilianische Spieler aufbieten. Die Folgen lassen sich an den Zahlen ablesen. Den größten Schub gab es laut der Studie direkt nach dem Urteil: Zwischen 1995 und 1997 stieg der Anteil der Spieler aus dem Ausland oder mit Migrationshintergrund in den fünf europäischen Top-Ligen um 16 Prozentpunkte. Insgesamt kletterte dieser Wert seit 1990 von 23 auf heute 71 Prozent.
Englands und Spaniens Stars bleiben lieber zu Hause
Der Trend zur Internationalisierung zeigt sich in allen Ländern, aber unterschiedlich stark. Bei der WM 1998 standen noch sämtliche Spieler Englands und Spaniens bei Klubs der heimischen Liga unter Vertrag. Bei der WM 2026 ist dieser Anteil zwar gesunken, doch beide Nationen bleiben vergleichsweise national geprägt: 78 Prozent der englischen und 61 Prozent der spanischen Spieler kicken weiter daheim.
Die Erklärung liefert die Stärke der Ligen. England stellt laut UEFA-Fünfjahreswertung die stärkste Liga der Welt, Spanien folgt knapp hinter Italien auf Rang drei. Die besten Vereine der besten Ligen halten ihre eigenen Talente also in hohem Maße im Land.

Bei Frankreich, Argentinien und Brasilien zieht es fast alle ins Ausland
Am anderen Ende der Skala steht Frankreich. Die Heimat der fünftstärksten Liga der Welt schickt 2026 mit 83 Prozent Legionären einen Rekordwert für Les Bleus ins Turnier, und das offenbar erfolgreich: 2018 holten die Franzosen den Titel, 2022 scheiterten sie erst im Elfmeterschießen. In Argentinien und Brasilien, wo schon vor Bosman viele Topspieler ins Ausland gingen, liegt der Legionärsanteil heute nahe 100 Prozent.
Besonders deutlich macht den Wandel Südkorea, das einzige asiatische Team, das sich für alle der letzten zehn Weltmeisterschaften qualifiziert hat. 1990 bestand sein Aufgebot zu 100 Prozent aus heimischen Spielern, in diesem Jahr sind es nur noch rund 20 Prozent.
Deutschland: erst rein national, jetzt wieder international
Die deutsche Nationalmannschaft zeigt einen eigenen Verlauf. Nach dem überraschenden Viertelfinal-Aus von 1994 sank der Legionärsanteil stetig, bei der WM 2010 in Südafrika spielten sogar alle Nationalspieler für deutsche Klubs. Seitdem hat sich das Team wieder internationalisiert: Spieler wie Antonio Rüdiger von Real Madrid oder Florian Wirtz vom FC Liverpool stehen heute im Ausland unter Vertrag. Im Vergleich zu allen WM-Teilnehmern bleibt der deutsche Anteil aber relativ niedrig.

Die fünf Top-Ligen im Vergleich
Auch zwischen den großen Ligen gibt es klare Unterschiede. Die englische Premier League verzeichnet seit 1990 das stärkste Wachstum bei Spielern aus dem Ausland oder mit Migrationshintergrund und zählt bis heute zu den offensten Ligen Europas. Die Spitzenposition hält aktuell jedoch die französische Ligue 1 mit 88 Prozent. Italiens Serie A und die deutsche Bundesliga liegen mit jeweils rund 73 Prozent praktisch gleichauf.
Am stärksten national bleibt die spanische La Liga: Hier erreichte der Anteil zuletzt 45 Prozent, nur vier Prozentpunkte mehr als im Nach-Bosman-Jahr 1997. Die Bundesliga überschritt die 60-Prozent-Marke dagegen schon 2002, während Italiens Serie A zu diesem Zeitpunkt erst bei 35 Prozent lag und ihren Wachstumsschub erst 2007 begann.
Mehr Legionäre, aber kein Garant für den Titel
Der Blick in die Fußballgeschichte zeigt eines klar: Seit der deutschen Blamage von 1994 ist der Sport spürbar internationaler geworden. Der europäische Arbeitsmarkt wurde liberalisiert, und die besten Fußballfachkräfte gingen dorthin, wo sie die besten Jobs fanden. Übrig bleiben als Ausnahmen vor allem die Länder mit den stärksten Ligen, die einen größeren Teil ihrer Talente vor Ort halten können.
Ob sich daraus ein WM-Sieger ableiten lässt? Eher nicht, denn zuletzt waren mal Teams mit vielen Legionären erfolgreich, davor aber auch die heimattreuen Spanier und Italiener.

