Siemens meldet Rekordgewinn – doch die Börse bleibt skeptisch
Siemens startet mit einem historischen Ergebnis in seine digitale Zukunft. Vorstandschef Roland Busch verkündete am Donnerstag einen Rekordgewinn von 10,4 Milliarden Euro – bereits das dritte Rekordjahr in Folge. Umsatz, Ergebnis und Cashflow stimmen, und doch ist die Reaktion der Märkte gedämpft. Die Aktie verliert am Morgen zeitweise vier Prozent und fällt auf rund 240 Euro, nachdem sie kurz vor den Zahlen ein Rekordhoch von 250 Euro markiert hatte.
Strategiewechsel mit Signalwirkung
Im Mittelpunkt des Kapitalmarkttags stand der Umbau zur „One Tech Company“. Siemens will künftig enger integriert arbeiten, Software zentral entwickeln und stärker bereichsübergreifend verkaufen. Digitalisierung, KI und Industrie-Software sollen die neuen Wachstumsmotoren werden. Die Digitalumsätze sollen bis 2030 von 9,4 Milliarden Euro auf rund 19 Milliarden Euro steigen – ein jährliches Wachstum von etwa 15 Prozent.
Erstmals nennt Busch auch harte Ziele: Der Konzern will beim Umsatz jährlich um sechs bis neun Prozent zulegen (bisher fünf bis sieben Prozent). Das Ergebnis je Aktie soll im hohen einstelligen Bereich wachsen. Für Investoren ein klares Bekenntnis zu Innovation und margenstarken Softwaremodellen.
Der historische Schnitt: Siemens trennt sich von Healthineers
Ein Paukenschlag kam bereits am Vorabend: Der Aufsichtsrat beschloss, die Mehrheit an Siemens Healthineers abzugeben. 30 Prozent der Anteile gehen direkt an Siemens-Aktionäre, der Rest wird mittelfristig verkauft. Damit trennt sich Siemens von einem traditionsreichen Kerngeschäft – ein Schritt, den viele Investoren seit Jahren fordern. Die Entscheidung soll Komplexität verringern und Kapital freisetzen.
Analysten begrüßen den Schritt. Fondsmanagerin Maria Mihaylova (Union Investment) betont, Siemens könne sich nun voll auf Digital Industries und Smart Infrastructure konzentrieren. Beide Bereiche gelten als zentrale Treiber für die industrielle Transformation.
Warum der Markt trotzdem enttäuscht ist
Trotz überzeugender Zahlen wirkt der neue Kurs weniger radikal als manche Investoren erwartet hatten. Kein großer Spin-off, keine Aufspaltung, kein revolutionärer Umbau – vieles passiert „unter der Oberfläche“. Busch setzt auf Kooperationen etwa mit AWS und Nvidia, beschleunigte Softwareentwicklung und modernisierte Vertriebsstrukturen. Alles sinnvoll, aber eben nicht spektakulär.
Zudem bleibt eine Schwachstelle: die kriselnde Sparte Digital Industries. Die Automatisierungsdivision hat mit asiatischer Konkurrenz, Investitionszurückhaltung und Innovationslücken zu kämpfen. 2024/25 sanken die Erlöse um vier Prozent auf 17,8 Milliarden Euro, die Marge fiel von 18,9 auf 14,9 Prozent. Lediglich die Auftragseingänge – plus 29 Prozent im vierten Quartal – stimmen optimistisch. Besonders China zeigt mit einem Plus von 80 Prozent überraschende Stärke.
Zum Vergleich: Der US-Konkurrent Rockwell Automation wächst wieder deutlich zweistellig – ein Warnsignal für den Münchner Konzern.
Was jetzt auf Siemens zukommt
Mit der Entkonsolidierung von Healthineers rücken Digitalisierung, KI-Anwendungen, Halbleiterindustrie und industrielle Cloud-Lösungen noch stärker in den Fokus. Siemens nennt Zugverkehr, Rüstung, Luft- und Raumfahrt sowie Rechenzentren als strategische Zukunftsbereiche, in denen man schneller als der Markt wachsen will.
Der Konzern steht finanziell hervorragend da. Umsatz stieg auf 78,9 Milliarden Euro, das operative Industrieergebnis auf 11,8 Milliarden Euro. Doch der Markt verlangt Antworten auf die große Frage: Gelingt es Siemens, die Digital-Sparte schnell genug zu modernisieren – und den Vorsprung im globalen Technologiesektor auszubauen?


