Kriegsflüchtlinge

Schule für Kriegsflüchtlinge: «Wir müssen Kindern helfen»

19. März 2022, 07:20 Uhr · Quelle: dpa
Mehr als drei Millionen Menschen sind nach UN-Angaben schon vor dem Krieg aus der Ukraine geflohen. Eine Taskforce soll sich in Deutschland um die Schulbildung der geflüchteten Kinder kümmern.

Berlin (dpa) - Bildungspolitiker in den Ländern schätzen, dass etwa die Hälfte der in Deutschland ankommenden Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine Kinder und Jugendliche sind, die früher oder später in Schulen oder Kitas unterkommen.

Es gebe bisher keine verlässlichen Daten, sagte der Chef der neuen Taskforce der Kultusministerkonferenz (KMK) für das Thema, Hans Beckmann (SPD), der Deutschen Presse-Agentur. Beim ersten Treffen der Expertengruppe am Freitag hätten Ländervertreter aber eine solche Schätzung abgegeben. Er kündigte Abfragen in den Schulen an.

Neue Taskforce

Die Taskforce mit Vertretern aus allen 16 Bundesländern war von der KMK eingesetzt worden, um die Aufnahme und den Schulbesuch ukrainischer Kinder und Jugendlicher bundesweit abzustimmen. Nach Angaben Beckmanns müssten sie «schnell in feste Strukturen kommen». Es gehe beispielsweise darum, dass Jugendliche, die jetzt in der Ukraine vor der Abschlussprüfung stünden, diese Prüfung auch machen könnten, außerdem um Online-Lehrmaterial und die Gewinnung ukrainischer Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher. Die schleswig-holsteinische Bildungsministerin und KMK-Präsidentin Karin Prien (CDU) hatte auch von mehr Schulsozialarbeitern und Psychologen gesprochen.

Flüchtlinge und Bildungssystem

Seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine sind nach offiziellen Zahlen etwa 200.000 Kriegsflüchtlinge von dort nach Deutschland gekommen. Die meisten sind Frauen und Kinder. Erfasst werden allerdings nur diejenigen, die von der Bundespolizei angetroffen werden, etwa an Bahnhöfen oder in Zügen.

Beckmann zeigte sich optimistisch, dass das deutsche Bildungssystem die Aufgabe gut bewältigen wird. Es werde nicht alles reibungslos laufen. Aber alle Beteiligten hätten großes Interesse, im Sinne der Kinder gute Lösungen zu finden. «Wir müssen diesen Kindern helfen. Die haben teilweise so schreckliche Sachen erlebt und brauchen jetzt feste Strukturen. Sie brauchen die Möglichkeit, mit anderen Kindern zu spielen, sich auszutauschen.» Es seien auch traumatisierte Kinder dabei, die eine Zeit bräuchten, bis sie überhaupt in die Schule könnten. Denen müsse man vor Ort ebenfalls Angebote machen.

Die ukrainische Generalkonsulin Iryna Tybinka hatte kürzlich an die Kultusminister appelliert, auf eine Kontinuität der Bildungsprozesse und ein Aufrechterhalten der nationalen Identität ukrainischer Kinder zu achten. Es gehe um einen vorübergehenden Aufenthalt in Deutschland.

«Wir wünschen uns ja alle, dass dieser schreckliche Krieg bald vorbei ist. Und dass alle ukrainischen Familien, die das möchten, wieder zurückgehen können. Aber wie lange das dauert, weiß niemand», sagte Beckmann. Seinen Angaben zufolge geht es um beides: «Einerseits darum, dass die Kinder, wenn sie in unsere Schulen kommen, integriert werden.» Sie sollten mit anderen Kindern interagieren, sich wohl und willkommen fühlen, aber auch die Möglichkeit haben, ihre ukrainische Identität zu bewahren und verpassten Unterrichtsstoff aus der Ukraine nachzuholen.

Ukrainische Lehrkräfte

Viel wird davon abhängen, wie lange der Krieg dauert und auch, wo und wie die Kinder unterkommen. Beckmann verwies auf ein Beispiel aus Rheinland-Pfalz, wo zwei Kinder in die erste Klasse einer kleinen Schule gekommen seien. «Die lernen so schnell Deutsch, das kann man sich kaum vorstellen.» Anderswo, etwa in großen Städten, würden reine ukrainische Lerngruppen oder Willkommensklassen gebildet, weil es viele Kinder seien.

Bei der Gewinnung ukrainischer Lehrkräfte müssten alle Möglichkeiten, die es gebe, genutzt werden: Soziale Medien, Instagram, Facebook, ukrainische Vereine. «Die ukrainische Community ist sehr gut vernetzt. Ich bin zuversichtlich, dass wir, wenn wir die unterschiedlichen Kanäle nutzen, auch Personal gewinnen können.»

CSU-Generalsekretär: Herausforderung durch Flüchtlinge

Angesichts des Krieges rechnet CSU-Generalsekretär Stephan Mayer mit weiter stark steigenden Flüchtlingszahlen und sehr langfristigen Herausforderungen für Deutschland. «Der Zustrom an ukrainischen Kriegsflüchtlingen wird noch deutlich zunehmen», sagte Mayer der Deutschen Presse-Agentur in München. «Ich befürchte, dass uns der Ukraine-Krieg mit all seinen Folgen längerfristig beschäftigen wird.»

Viele Ukrainer würden in der Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende jetzt noch in der Nähe ihres Heimatlandes bleiben. «Aber je länger der Krieg dauert, desto größer wird aufgrund der Aussichtslosigkeit auf eine Rückkehr in die Heimat auch der Druck, doch weiterzureisen. Und viele davon werden dann auch zu uns kommen», sagte Mayer.

Der CSU-Politiker forderte: «Umso wichtiger ist es, dass das Bundesinnenministerium gewährleistet, dass alle Flüchtlinge lückenlos registriert und anschließend gerecht auf alle Bundesländer verteilt werden.» Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) müsse sich für eine faire Verteilung innerhalb der EU einsetzen.

Bei der Finanzierung der Flüchtlingshilfe sieht Mayer jetzt vor allem die Bundesregierung in der Pflicht: «Der Bund muss hier natürlich den weit überwiegenden Anteil beitragen, wie damals in der Flüchtlings- und Migrationskrise», sagte der CSU-Politiker. «Wir hatten damals erwirkt, dass der Bund im Monat 670 Euro pro Asylbewerber zur Verfügung gestellt hat. Ich gehe davon aus, dass wir jetzt auch eine Unterstützung des Bundes in ähnlicher Größenordnung benötigen, was die Aufnahme von ukrainischen Flüchtlingen anbelangt.»

Mayer betonte: «Ich habe sehr viel Verständnis für die deutliche Forderung der Kommunen, dass hier Klarheit hergestellt werden muss, in welcher Form der Bund die Kommunen unterstützt.» Die bisher große Solidarität der deutschen Bevölkerung sei sehr erfreulich, sagte der CSU-Politiker. «Die Hilfsbereitschaft ist wirklich gigantisch. Ich hoffe, dass sie auf diesem Niveau bleibt.»Unicef appelliert an Putin

Unicef appelliert an Putin

Die Direktorin des UN-Kinderhilfswerks Unicef, Catherine Russell, appelliert angesichts der humanitären Notlage in der Ukraine an den russischen Präsidenten Wladimir Putin, die Angriffe seiner Armee sofort zu beenden. «Sie müssen diesen Krieg stoppen! Er ist furchtbar. Seine Auswirkungen auf Kinder sind inakzeptabel und abscheulich», sagte Russell der Deutschen Presse-Agentur. Die Menschen vor Ort und die fliehenden Frauen und Kinder seien «vollkommen unschuldig» und hätten mit dem Konflikt nichts zu tun, sagte Russell. «Sie haben das nicht verdient.»

«Es handelt sich um den schnellsten Flüchtlingszustrom seit dem Zweiten Weltkrieg. Das ist eine große Herausforderung für die aufnehmenden Länder», sagte Russell. Auch in Deutschland müsse man sich etwa die Frage stellen, wie und in welcher Sprache man die vielen Kinder und Jugendlichen unterrichten wolle.

Die Unicef-Chefin erinnerte auch an die Lage von Kindern in anderen Krisengebieten wie Afghanistan und Jemen, die aktuell nicht mehr so im Fokus der Öffentlichkeit stünden. In Afghanistan etwa gebe es aktuell eine «schreckliche humanitäre Krise». Kinder drohten zu verhungern. «Wir gehen davon aus, dass in den nächsten zwei, drei Monaten 95 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben werden», sagte Russell.

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19.03.2022 · 07:20 Uhr
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