«Ruf der Wildnis»: Raue Wildnis, digitaler Hund

Ein sehr cartoonig animierter Hund hüpft und tollt und albert in der Wildnis herum, während Harrison Ford seinen Raubeincharme spielen lässt.

Jack London hat sogleich mehrere Abenteuerromane geschrieben, die zu Klassikern ihres Genres wurden und über Jahrzehnte hinweg Filmschaffende inspirierten. Etwa Der Seewolf (unter anderem als deutscher TV-Mehrteiler der 1970er in die Geschichte eingegangen), Wolfsblut (sowohl in Italien als auch von den Disney-Studios adaptiert) oder Lockruf des Goldes. Auch Ruf der Wildnis wurde schon mehrmals verfilmt: Die aus der Sicht eines Hundes erzählte Geschichte über die Widrigkeiten des Goldrausches am Klondike wurde unter anderem schon in den 1930er-Jahren mit Clark Gable verfilmt, mit Charlton Heston in den 1970er-Jahren sowie 1997 mit Rutger Hauer.

In der neusten Filmauflage von «Ruf der Wildnis» spielt Star Wars-Veteran Harrison Ford den besten Freund des besten Freundes des Menschen. Oder anders gesagt die menschliche Hauptrolle des grantig aussehenden Hundefreundes John Thornton, der sich mit dem entführten Familienhund Buck anfreundet, der in der Wildnis des Yukons als Schlittenhund eingesetzt wird – erst als Teil eines Postschlittengespanns und dann letztlich als Johns treuer, aber einen eigenen Kopf bewahrender Begleiter.

Die Regie beim neusten «Ruf der Wildnis»-Film übernimmt Chris Sanders, der hiermit sein Realfilmdebüt absolviert. Sanders wirkt auf dem Papier wie eine gute Besetzung dafür, wie im Jahr 2020 ein «Ruf der Wildnis» aussehen könnte: Der Regisseur stand zuvor hinter dem Disney-Zeichentrickfilm Lilo & Stitch, in dem sich ein rabaukiges hawaiianisches Mädchen mit einem frechen Alien anfreundet, das sich als Hund ausgibt, und hinter dem DremWorks-Animation-Hit Drachenzähmen leicht gemacht, in dem ein sensibler, nachdenklicher Wikingerjunge Freundschaft mit einem Drachen schließt, der sich ein bisschen wie ein Hund verhält.

Erfahrung mit solchen Geschichten hat Sanders also schon, und als Animationsregisseur sollte er zudem ein Gespür für die Trickarbeiten hinter dem Film haben. Denn da Jack Londons «Ruf der Wildnis» aus der Perspektive eines Hundes erzählt wurde und man zudem aufgrund der gewachsenen Sorge um das Tierwohl eh in Hollywood vermehrt auf Effekte, statt auf Tiere setzt (siehe beispielsweise Greatest Showman), wird in diesem Abenteuerfilm vornehmlich auf animierte Hunde gesetzt.

Die Diskussion, ob es denn nun sinnvoll ist, echte Hunde gegen digitale Hunde auszutauschen oder nicht, mal bei Seite genommen: Der Plan, die zentrale Figur dieses Realfilms zu animieren, hätte schlimmer ausgehen können. Sanders' Erfahrung macht sich in «Ruf der Wildnis» insofern bezahlt, als dass Buck flüssig animiert ist und sich im Regelfall überzeugend in seine Umgebung einfügt. Zudem ist der Hund ausdrucksstark animiert, so dass die Filmschaffenden auf eine Verbalisierung seiner Gedanken verzichten können. Stattdessen mutmaßt Harrison Fords Rolle in mitunter kitschig-ausschweifenden Monologen aus dem Off, was in Buck wohl so vorgeht – Kommentare, die wohlgemerkt nicht nötig wären.

Doch nur, weil es hätte schlimmer ausgehen können, ist es noch lange nicht gut ausgegangen. Denn Buck ist zu lebhaft animiert. Obwohl das Produktionsdesign von «Ruf der Wildnis» realistisch gehalten ist und der Film auch sonst in einer Familien-Abenteuerfilm-Variante unserer Wirklichkeit verortet ist, sind Bucks Gesichtsausdrücke fernab jeder Realität. Dieser animierte Hund drückt mit seinem Gesicht nicht so viel aus wie echte Hunde (und die haben ja schon ein ziemlich expressives Gesicht). Stattdessen ist Buck in «Ruf der Wildnis» so expressiv, wie frisch gewordene Hundebesitzer voller Euphorie glauben und all ihren Freunden andauernd erzählen, wie viel man ihrer Feuchtnase doch aus dem Gesicht ablesen kann – plus nochmal fünf bis zehn Prozent. Durch diesen Film stapft, anders gesagt, eine hibbelige Cartoonfigur eines Hundes, die uns die Erzählung aber als völlig normalen, echten Hund weismachen will.

Während das jüngere Publikum (und euphorische Hundeliebhaberinnen sowie Hundeliebhaber) sich dessen ungeachtet gewiss an den putzigen Blicken Bucks erfreuen werden, sorgt das für eine die Filmwirklichkeit überlastende Schere zwischen Umsetzung und Erzählhaltung. Buck soll einfach nur ein Haushund sein, der sich in der Widrigkeit der Wildnis behauptet. Stattdessen erzählt Chris Sanders auf Basis eines Drehbuchs von Michael Green (Blade Runner 2049) ein zahmes Familien-Historienabenteuer, dessen Dreh- und Angelpunkt ein überanimierter Riesenhund ist, der mit Leichtigkeit durch die Gegend hüpft und bei dem es überhaupt nicht überraschen würde, würde er anfangen zu reden oder auf zwei Beinen zu laufen.



Obwohl der Film mehrere Actionszenen beinhaltet, telegrafiert Sanders immer wieder voraus, dass schon nichts schlimmes passieren wird – und die seichten Bilderwelten, die Kameramann Janusz Kamiński (Gefährten) hier mit viel Weichzeichner erschafft, hemmen ebenfalls jegliche etwaig aufkommende Spannung. Fast fragt man sich, weshalb der Disney-Konzern diese Produktion aus dem Hause 20th Century Studios überhaupt ins Kino bringt, statt sie als harmlosen, zahmen Kinderfilm über einen lustigen Hund, der ein bisschen durch den Yukon tollt, als Exklusivtitel bei Disney+ zu parken.

Vielleicht ist es Fords solide Darbietung als charmantes Raubein? Omar Sy und Karen Gillan verleihen «Ruf der Wildnis» in ihren Szenen ebenfalls eine Prise nicht zu aufdringlichen Witz und John Powells Score ist effektiv, wenngleich schnell vergessen. Unterm Strich bleibt so annehmbarer Spaß für alle Hundevernarrte im jungen Publikum und jene, die im Herzen jung geblieben sind. Die "Wir ersetzen Filmhunde durch digitale Effekte"-Industrie wiederum erhält mit «Ruf der Wildnis» einen Denkzettel, dass sie noch dazulernen muss.

«Ruf der Wildnis» ist ab dem 20. Februar 2020 in vielen deutschen Kinos zu sehen.
Kino / Die Kino-Kritiker
19.02.2020 · 12:19 Uhr
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