Robert Halver über Aktien, Gold und Zinspolitik

von Benjamin Summa

Herr Halver, momentan genießen die Anleger die verlängerte Party an den Börsen, die nach dem Ausverkauf Ende letzten Jahres erst einmal weiterzugehen scheint. Sind Sie auch in Feierlaune?
Nach dem apokalyptischen vierten Quartal 2018 hat uns wieder die Realität, die im Übrigen gar nicht so schlecht ausschaut, eingeholt. Viele Vorzeichen sind positiver Natur wie z. B. eine weitere ultralockere Geldpolitik in Europa und eine Wende der Zinswende in den USA. Die Risiken, die sich aus dem Brexit und dem Handelsstreit zwischen China und Amerika ergeben können, sollten nicht kleingeredet werden. Aber mit diesen Konflikten schwächt man sein eigenes Land. Dabei ist doch eines sicher: Politiker wollen wiedergewählt werden.

Die OECD senkte kürzlich ihre Wachstumsprognosen deutlich, vor allem in Bezug auf Deutschland, andere europäische Länder und China. Auch die Bundesregierung geht für dieses Jahr nur noch von einem Wachstum von 0,5 Prozent aus. Grund sind weniger Exporte der deutschen Industrie. Wie ernst nehmen Sie die Furcht vor einem globalen Abschwung?
An den Aktienmärkten sehen wir den Kampf zwischen einer Liquiditätshausse und einer Fundamentalbaisse. Keine Frage: Die Konjunkturprognosen sind derzeit alles andere als positiv, insbesondere vor dem Hintergrund des von Trump angeheizten Handelsstreits. Aber jede Entspannung beim Thema "Handelskonflikte", die übrigens auch Amerikas Exportwirtschaft und seinen Aktienkursen zugutekommt, würde natürlich der Hoffnung auf bessere Wachstums- und Unternehmenszahlen beleben. Und bekanntlich wird an den Börsen die Zukunft und nicht die Gegenwart gehandelt.

Mit welchen Rettungsmaßnahmen der EZB rechnen Sie, falls es zu einer deutlichen konjunkturellen Abschwächung kommen sollte?
Die EZB hat ihr Pulver noch längst nicht verschossen. Negativzinsen auf breiter Front würden Bürger und Firmen geradezu dazu zwingen, zu konsumieren und zu investieren, anstatt zu sparen. Bargeld ist kein Notausgang, weil damit eine Bezahlung eingeschränkt oder eine Bargeldgebühr, die dem Negativzins entspricht, verhängt werden kann. Dann wären wir auch nicht mehr weit entfernt von einem Bargeldverbot. Zudem gibt es das sogenannte Helikoptergeld als schärfste Waffe der Geldpolitik. Darunter versteht man direkte Geldspritzen der EZB in die Ökonomie, z. B. der monatliche Mietkostenzuschuss des Staates oder der Kommune, finanziert von der Notenbank. Die EZB bleibt der schlimmste Feind der Zinssparer.

Mario Draghi wird, wenn er noch dieses Jahr seinen Posten räumt, der einzige EZB-Chef gewesen sein, der in seiner achtjährigen Amtszeit nie die Leitzinsen erhöht hat. Können Sparer eigentlich nie wieder mit so etwas wie einer Rückkehr zur geldpolitischen Normalität rechnen?
Eher wird Uli Hoeneß BVB-Fan, als dass Sparer in unserem Finanzsystem jemals wieder normal hohe Zinsen sehen werden. Hohe Zinsen sind aufgrund der weltweiten Staatsverschuldung einfach nicht mehr finanzierbar. Die Japaner haben seit 25 Jahren eine Nullzinspolitik. Dasselbe steht auch uns bevor. Zinsbesserung verspricht auch nicht der Nachfolger von Mario Draghi. Denn dieser wird kein deutscher Stabilitätsanhänger werden, weil wir mit Manfred Weber bereits einen sehr aussichtsreichen Bewerber für das Amt des EU-Kommissionspräsidenten haben. Schon aus politischer Hygiene kann Deutschland daher nicht noch auch den EZB-Chefposten für sich beanspruchen. Das ist unseren politischen Entscheidungsträgern aber auch sehr recht, denn dann könnte der neue freizügige EZB-Chef, zur Freude der schuldenfreundlichen, aber reformfeindlichen Länder, das Füllhorn weiter ausschütten. Und Deutschland müsste nicht befürchten, dass Eurobonds eingeführt werden, bei denen wir mit unserem guten Namen für die schlechtere Bonität der südlichen Euroländer haften müssten. So etwas nennt man Realpolitik.

Welche Schlüsse sollten Privatanleger daraus für ihre eigene Geldanlage ziehen?
Zinssparer müssen umdenken und sich aus ihrer Zins-Diaspora befreien. Hohe Zinsen sind wie Dinosaurier ausgestorben. Mehr Privatanleger müssen künftig in die Aktienmärkte investieren, auch wenn sie dabei zunächst Bauchschmerzen haben. Es gibt ja gute Möglichkeiten des Einstieges, beispielsweise regelmäßige Sparpläne ab 25 Euro pro Monat. Die Sparer sollten anerkennen, dass auch Dividenden sehr attraktiv sein können und die fehlenden Zinsen größtenteils sogar überkompensieren. Daneben gibt es Megathemen, die die Aktienmärkte fundamental stützen. Denn solange es Themen wie Digitalisierung oder Schwellenländer gibt, die eigentlich längst Industrieländer geworden sind, muss einem um die Zukunft der Aktien nicht bange sein. Digitalisierung ist mindestens genauso bedeutend wie die Erfindung der Dampfmaschine.

Wir haben darüber gesprochen: Notenbanken neigen angesichts von schwächeren Wirtschaftsdaten dazu, die Zinsen niedrig und die Geldschleusen offen zu halten, wodurch die relative Attraktivität von zinslosen Anlagen steigt. Könnte physisches Gold ein Profiteur dieser Entwicklung sein?
Gold ist die ehrliche Haut unter den Anlageklassen, deswegen liebe ich das Edelmetall. Gold behält immer seine Wertaufbewahrungs- und Bezahlfunktion. Aber wir werden leider nicht erleben, dass Gold einen Durchmarsch hinlegen wird, weil wichtige Player etwas dagegen haben. Unsere Welt ist eine Schuldenwelt. Zur Finanzierung dieser Schulden brauchen wir Geld. Mit Gold ist dies nicht darstellbar, weil es nicht beliebig vermehrbar ist. Das sollte Anleger jedoch nicht davon abhalten, einen Teil des liquiden Vermögens in Gold zu investieren. Denn das Edelmetall wirkt als Versicherung für das angesparte Kapital und beruhigt damit die Nerven der Sparer.

Disclaimer: Der Autor, Benjamin Summa, ist freier Mitarbeiter bei finanzen.net. Er interviewt regelmäßig Finanzexperten zu aktuellen Themen.

Aktie im Fokus
[finanzen.net] · 16.04.2019 · 17:02 Uhr
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