Reform der Alterssicherung

Rentenalter soll steigen - Stabile Renten für Jüngere

21. Juni 2026, 17:17 Uhr · Quelle: dpa
Deutsche Rentenversicherung
Foto: Fernando Gutierrez-Juarez/dpa
Die Rentenkommission legt einen Vorschlag zur Reform der Altersvorsorge vor. (Symbolbild)
Später in Rente, mehr zahlen und erstmals Politiker in der Rentenkasse: Was die Kommission für Arbeitnehmer und Beitragszahler vorschlägt – und warum Kritiker Alarm schlagen.

Berlin (dpa) - Die geplante Reform der Alterssicherung mit einem höheren Rentenalter soll die Rente auch in den nächsten Jahren für junge Leute sicher machen. Das kündigte Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) bei einem Bürgerdialog in Berlin an. Die 30 Empfehlungen der Rentenkommission seien ein «Gesamtkunstwerk». Entstehen solle ein neues System, tragfähig für alle Generationen. An diesem Dienstag will die Regierungskommission ihren Vorschlag offiziell an Bas und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) übergeben.

Eine letzte von rund 150 Sitzungen des 13-köpfigen Gremiums soll am Montag nach fünfeinhalb Monaten Beratungszeit noch letzten redaktionellen Bearbeitungen dienen, wie es aus Kommissionskreisen hieß. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur und anderer Medien will das Gremium weitreichende Änderungen vorschlagen. Das Rentenalter soll bis 2051 auf 68 steigen, die sogenannte «Rente mit 63» soll abgeschafft werden. Eine beitragsfinanzierte Kapitalsäule soll in Zukunft höhere Renten für heute Jüngere möglich machen als nach heutigem Recht. Selbstständige und Politiker sollen in die gesetzliche Rente aufgenommen werden. 

Rentenalter soll in Schritten steigen

Ein zentrales Ziel laut Bas: «Wie können wir die Rentenversicherung für alle Generationen bezahlbar halten?» Ansonsten würden die Beiträge in den nächsten Jahren enorm steigen, weil die Babyboomer in Rente gingen. 

Das Rentenalter soll mit der Lebenserwartung steigen. Nach den Berechnungen der Kommission könnten Beschäftige 2041 dann erst mit 67,5 Jahren in Rente gehen - und nach einem Jahrzehnt ein halbes Jahr später. Die Berechnung soll regelmäßig überprüft werden. Um den Wegfall des früheren Renteneintritts ohne Abschläge nach 45 Beitragsjahren abzufedern, sind laut Bas Vertrauensschutz und Übergangsfristen geplant. Welche Jahrgänge betroffen sein sollen, werde noch geprüft.

Erste Reaktionen: «Zu vorsichtig», «an der Lebenswirklichkeit vorbei»

Die Linken-Fraktionsvorsitzende Heidi Reichinnek wies die Vorschläge als «Schlag in die Magengrube» zurück. Es werde mehr Druck auf die Menschen gemacht, sagte sie dem Portal «web.de». Der Sozialverband Deutschland kritisierte die geplante Kapitalsäule, weil solche Erträge nicht kalkulierbar seien. Verdi-Chef Frank Werneke bemängelte, trotz mancher guten Vorschläge gingen die Pläne der Kommission im Kern an der Lebenswirklichkeit arbeitender Menschen vorbei. «In sehr vielen Berufen sind die körperlichen und psychischen Belastungen so hoch, dass schon ein Renteneintrittsalter mit 67 Jahren für viele Menschen unerreichbar ist.»

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, sagte der «Rheinischen Post»: «Die Reformvorschläge der Rentenkommission gehen in die richtige Richtung, bleiben jedoch insgesamt zu vorsichtig.» Fratzscher sieht aber «viele kluge und richtige Elemente». 

Neue Kapitalsäule

Künftig soll laut den Vorschlägen ein Teil der Rentenbeiträge am Aktienmarkt angelegt werden. Konkret sollen in diese beitragsfinanzierte Kapitalsäule später zwei Prozent vom Bruttolohn fließen, aufwachsend von anfangs 0,5 Prozent. Davon soll je die Hälfte von Arbeitnehmern und Arbeitgebern kommen. 

Mit den Erträgen soll das Rentenniveau längerfristig stabilisiert werden. Bewirkt werden sollen höhere Renten für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von heute, die ab 2040 in Rente gehen. Diese individuell ausgezahlte, kapitalgedeckte Zusatzrente nach schwedischem Modell soll vom Staatsfonds Kenfo oder der Bundesbank verwaltet werden und verpflichtend sein. Bis sie wirkt, soll es einen steuerfinanzierten sogenannten Übergangsfaktor geben, um das Absicherungsniveau der Rente übergangsweise zumindest zu stützen.

Nachhaltigkeitsfaktor und höhere Beiträge 

Die erste schwarz-rote Rentenreform – mit Mütterrente und der Sicherung des Rentenniveaus bis 2031 – wird trotz Skepsis nicht zur Disposition gestellt. Dann dürfte das Rentenniveau erst einmal sinken. Der derzeit ausgesetzte «Nachhaltigkeitsfaktor» soll 2032 wieder greifen. Die jährliche Rentensteigerung wird damit wieder an die Zahl der Beitragszahler angepasst. Renten und Beitragssteigerungen fallen geringer aus. Die Kommission will sogar, dass der Faktor steigt, seine Wirkung also verschärft wird. 

Dann soll die Kapital-Zusatzrente greifen. Das Absicherungsniveau der Rente würde stabilisiert, die Renten würden wieder stärker steigen. Langfristig soll für Neurentner wieder ein Rentenniveau von 48 Prozent und ab 2040 sogar von 50 Prozent gelten, wenn Umlage- und Kapitalsäule zusammen betrachtet werden.

An der bisherigen Prognose, dass der Beitragssatz 2028 von heute 18,6 sprunghaft auf 19,9 Prozent ansteigt, ändert sich den Informationen nach nichts. Die Pflichtbeiträge für eine Kapitalsäule kämen demnach dazu.

Politiker zahlen in die Rentenkasse

Eingeführt werden soll nach jahrelangen Ankündigungen auch die Einbindung der Selbstständigen in die gesetzliche Rente, wenn sie nicht schon etwa berufsständisch abgesichert sind. Laut Kommission sollen auch Politikerinnen und Politiker in die Rentenkasse einzahlen müssen. Das wären zum Beispiel Abgeordnete aus dem Bundestag und den Landtagen.

Das Idealbild soll eine Erwerbstätigenversicherung sein, wie es hieß. Eine Einbeziehung der Beamtinnen und Beamten in die gesetzliche Rente soll es so bald nicht geben, aber Schritte dafür. Das Pensionsniveau soll abgeschmolzen werden. Rückstellungen zum Beispiel der Länder für die Pensionen sollen verpflichtend und Verbeamtungen weniger zahlreich werden.

Beitragsfreie Minijobs sollen nach den Vorstellungen Gremiums nur noch für Schüler möglich sein. Das soll einen Anreiz bieten, die wöchentliche Arbeitszeit zu erhöhen. Gegen wachsende Altersarmut sollen Betroffene laut Kommission die Grundsicherung im Alter stärker in Anspruch nehmen, dafür unterstützt das Gremium bereits vorgelegte Vorschläge einer anderen Regierungskommission für Sozialstaatsreformen. 

Reformpaket nimmt Kontur an

Die Rentenreform soll Teil eines noch weitreichenderen Reformpakets werden. Kommen sollen auch Entlastungen bei der Einkommensteuer für viele Steuerzahler, Impulse für den Arbeitsmarkt und umfassende Entbürokratisierung. So wollen Union und SPD kräftige Wachstumssignale für Wirtschaft und Bevölkerung senden – während sie selbst mit einem Ansehensverlust und schlechten Umfragen zu kämpfen haben.

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21.06.2026 · 17:17 Uhr
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