Boeing-Dreamliner

Rauch, blockierte Bremse: Entging Münchner Airport Inferno?

17. August 2026, 17:21 Uhr · Quelle: dpa
Flugzeug kehrt nach Start am Münchner Flughafen um
Foto: Uwe Lorz/dpa
Eine Maschine der Vietnam Airlines Maschine ist kurz nach ihrem Start vom Münchner Flughafen dort wieder gelandet.
Ein Boeing-Jet der Vietnam Airlines donnert in München über das Startbahnende hinaus. Das Flugzeug hebt gerade noch ab, muss aber sofort umkehren. Die Passagiere entkommen einer Katastrophe knapp.

München (dpa) - Staubwolke beim Start, Qualm bei der Landung, geplatzte Reifen: Nach dem Beinahe-Unglück am Münchner Flughafen läuft die Untersuchung der Ursache auf Hochtouren. 

Eine Boeing 787-9 der Fluggesellschaft Vietnam Airlines mit dem Ziel Hanoi raste am Samstag über die Startbahn hinaus und konnte gerade noch starten. In den sozialen Medien geteilte Videos zeigen eine gewaltige Staubwolke und Erschütterungen in der Kabine. Bei der Landung rund zwei Stunden später ist Rauch zu sehen, der am beschädigten Fahrwerk aufsteigt. Kaum steht die Maschine, fahren zahlreiche Wagen von Feuerwehr und Rettungsdienst heran. Die Passagiere - Medien zufolge mehr als 250 Menschen - wurden laut Flughafen unverletzt mit Bussen in das Flughafengebäude gebracht.

Experte: Hätte Katastrophe mit vielen Toten geben können 

Nach Meinung eines Luftfahrtexperten entging der Flughafen bei dem fehlerhaften Start nur haarscharf einer Katastrophe. «Das hätte einen Feuerball mit Hunderten Todesopfern geben können, wenn die Piloten die Maschine nicht noch hochgezogen hätten», sagt Luftfahrt-Experte Heinrich Großbongardt der Deutschen Presse-Agentur. Auch außerhalb des Flughafengeländes seien Menschen in Gefahr gewesen. Unter anderem stelle sich die Frage, warum die Crew den Start nicht rechtzeitig abgebrochen habe. 

Nach Informationen der Plattform «Aviation Herald» gibt es Hinweise, dass vor dem Start mindestens die Bremsen auf der rechten Seite des Jets blockierten. Wegen der geringen Startgeschwindigkeit soll das Heck des Flugzeugs aufgesetzt haben und beschädigt worden sein. Bei der späteren Rückkehrlandung auf der Nordbahn wurden die Reifen eines Fahrwerks zerfetzt, wie auf Bildern zu sehen ist. Möglicherweise waren die Räder beschädigt, nachdem beim Start Leuchten der Landebefeuerung abgerissen worden waren. 

«Wir dachten, unser letztes Stündlein hätte geschlagen», sagte eine Passagierin der Mediengruppe «Münchner Merkur/tz». Zur Landung hätten alle die Schuhe ausziehen und die Notfallposition einnehmen müssen: mit fest gezurrtem Gurt und den Händen über dem nach vorne gebeugten Kopf.

Airline spricht von technischem Problem 

Den Passagieren und der Besatzung gehe es gut, teilte Vietnam Airlines mit. Die Fluggesellschaft bestätigte ein «technisches Problem» - und entschuldigte sich «aufrichtig für die entstandenen Unannehmlichkeiten». Die Flugzeugbesatzung habe alle vorgeschriebenen Verfahren eingehalten. 

Flugschreiber werden untersucht 

Experten der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung seien am Wochenende vor Ort gewesen, sagte ein Sprecher. Flugdatenschreiber und Voicerecorder seien sichergestellt und nun auf dem Weg nach Braunschweig. Die Untersuchung soll klären, was sich während des Vorfalls im Cockpit abgespielt hat. Sie werde mehrere Wochen in Anspruch nehmen, dann werde es zunächst einen Zwischenbericht geben. Bis zum Abschlussbericht dürften Monate vergehen. 

Es lasse sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht seriös beurteilen, wieso die Maschine beim Start über das reguläre Ende der Startbahn hinausgeriet, erklärte die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit. Für eine belastbare Bewertung lägen derzeit schlicht nicht genügend gesicherte Informationen vor. Aussagen zu möglichen technischen Faktoren seien Spekulation. Es gelte, die Untersuchungen und die Auswertung der entsprechenden Daten abzuwarten.

Startbahn ist lang genug

Experten zufolge ist die Startbahn mit rund 4.000 Metern Länge für Starts mit diesem Flugzeugtyp völlig ausreichend. Eine Sprecherin der Deutschen Flugsicherung (DFS) bestätigte, dass bei dem Start die Befeuerung - Lichtzeichen - hinter der Startbahn beschädigt wurde. Das spreche dafür, dass die Maschine zu spät abhob. Die «Süddeutsche Zeitung» hatte darüber berichtet. 

In den seltensten Fällen werde die gesamte Bahn für einen Startvorgang benötigt, erläutert der Luftsicherheitsexperte Harald Hanke. «Die Maschinen werden auch nicht immer mit vollem Schub beschleunigt. Aber wenn erstmal die vorgegebene Startgeschwindigkeit erreicht ist, kann man den Start auch nicht mehr abbrechen.»

Piloten treffen Entscheidung zur Rückkehr

Die Entscheidung zur Rückkehr nach München sei im Cockpit getroffen worden, sagte die DFS-Sprecherin. Eine Rückkehr zum Startflughafen sei ein gängiges Prozedere bei derartigen Vorfällen. Dennoch hatte es rund zwei Stunden bis zur Landung gedauert.

Der Pilot habe vor der Landung in mehreren Schleifen den Flughafen überflogen und 60 Tonnen Kerosin ablassen müssen - Flugzeuge können nach dem Start zu schwer für eine sichere Landung sein. Das bestätigt auch der Experte Hanke. «Weiterhin wird die Crew mit der Analyse des technischen Sachverhalts und der Vorbereitung für die Landung beschäftigt gewesen sein. Dazu nimmt man sich einfach ausreichend Zeit.»

Zweimal hatte die Maschine im Tiefanflug den Flughafen überflogen, damit mögliche Schäden am Fahrwerk vom Boden aus erkannt werden konnten. Ein Überflug habe auf Bitten der Feuerwehr, der andere auf Bitten des Piloten stattgefunden, sagte die DFS-Sprecherin. Dabei seien am Fahrwerk keine Schäden erkannt worden.

Defekte Maschine im Hangar 

Für die Landung sei Sicherheitspersonal in Stellung gebracht worden, hieß es beim Flughafen. Danach sei das manövrierunfähige Flugzeug stabilisiert und dann in einen Hangar geschleppt worden, sagte ein Flughafensprecher am Wochenende. Reifenteile seien aufgesammelt und Beschädigungen an der Fahrbahn ausgebessert worden, erklärte der Sprecher. Die Aufräumarbeiten dauerten demnach bis in die Nacht. 

Die nördliche Bahn war zeitweise durch die defekte Maschine blockiert. Starts und Landungen mussten auf die andere Bahn verlegt werden. Am Sonntagmorgen habe der Flugbetrieb regulär wieder aufgenommen werden können, sagte der Sprecher. 

Der Luftfahrt-Experte Heinrich Großbongardt sagte, für grundsätzliche Zweifel an der Dreamliner-Reihe des US-Herstellers Boeing gebe der Vorfall keinen Anlass. Er war bis 2004 Deutschland-Sprecher des Unternehmens. «Die 787 ist ein absolut sicheres Verkehrsflugzeug.» Zuletzt war ein Lufthansa-Jet dieses Typs am Frankfurter Flughafen auf die Nase gefallen, weil im Stand das Bugfahrwerk eingeknickt war. Grund war hier ein Wartungsfehler.

Die VC hatte den Flughafen München erst vor wenigen Tagen zum sichersten in Deutschland erklärt. Der Vorfall zeige, wie wichtig die vorhandenen Sicherheitsreserven rund um Start- und Landebahnen seien, hieß es nun. Ebenfalls positiv bewertete die Pilotenvertretung den inzwischen dauerhaften Betrieb von Lichtanlagen, die an den Zufahrten der Start- und Landebahnen im Boden eingelassen sind.

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17.08.2026 · 17:21 Uhr
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