Rage 2 im Test – Schrill, bunt, brutal und öde

Als „Rage“ im Oktober 2011 für PC, die Playstation 3 sowie die Xbox360 veröffentlicht wurde, sollte id Softwares neuster Streich vor allem durch die hauseigene id Tech 5 Engine glänzen und das Ego-Shooter-Genre vorantreiben. Doch wie wir alle wissen, konnte „Rage“ zwar in punkto Grafik, Gunplay und sogar der Renn-Mechanik glänzen, doch in Sachen Story und Spielwelt hatte man versagt. Mit „Rage 2“ wagt Bethesda einen Neuversuch und die schwedischen Entwickler der Avalanche Studios sollen die Spieler von der Marke überzeugen, immerhin sprachen viele Stimmen der „Rage“-Marke ein hohes Potential zu. Seit dem 14. Mai 2019 könnt ihr euch in die knallbunt präsentierte Post-apokalyptische Open-World stürzen, warum ihr dies jedoch lieber lassen solltet verrate ich euch in unserem Test.

Willkommen im Öd(e)land

Schon die E3 Präsentation im Jahr 2018 weckte in mir große Skepsis. Zwar sah das gezeigt Gameplay-Material durchweg interessant und spannend aus, doch meine Sorge bezog sich auf die Open-World. Als bekannt wurde, dass die Entwickler der Avalanche Studios sich für „Rage 2“ verantwortlich zeigten, machte ich mir sorgen um die Open-World, denn mit ihren bisherigen Werken der „Just Cause“-Reihe bekleckerte man sich nicht sonderlich mit innovativem Missiondesign oder einer lebendigen Welt. Da jedoch id Software in beratender Funktion mit an Bord geholt wurde, keimte in mir eine kleine Hoffnung auf, dass diesmal alles besser werden könnte. Das Ergebnis entpuppt sich jedoch als riesen Enttäuschung, womit ich sogar die Behauptung aufstelle, dass „Rage 2“ eher ein Rückschritt für die Serie darstellt.

In „Rage 2“ übernehmen die Spieler die Rolle eines Ödland Rangers namens Walker, wobei die Entwickler einem die Wahl des Geschlechts überlassen. Auf einen Charakter-Editor wurde jedoch verzichtet. Schön ist jedoch, dass Walker komplett vertont wurde und zumindest dadurch einen Hauch von Charakter aufweist. Leider sind sowohl die Charaktere, als auch die Story komplett oberflächlich geraten. In einem kurzen Prolog wird erläutert, wie die Fraktion der Obrigkeit einen verheerenden Krieg verlor und sich auf rachesinnend zunächst unter der Erde verkroch. Nach dreißig Jahren des Friedens taucht die Obrigkeit wieder auf. Angeführt vom bösen General Cross möchte die Obrigkeit alles Leben auf der Erde vernichten und das Zeitalter des verbesserten Homo Sapiens einläuten – eines augmentierten Menschen, der mehr an eine Maschine erinnert als an ein lebendiges Wesen. So wird Walkers Siedlung überfallen, zerstört und die meisten Menschen getötet. Angetrieben von Rache soll nun Walker als letzter Ranger auf Erden die Obrigkeit aufhalten. Hierfür muss er ein geheimes Projekt reaktivieren, welches als mögliche Geheimwaffe gegen die Obrigkeit dienen sollte.

Somit erwartet euch das typische Rache Klischee mit einer Prise Weltuntergangsszenario alles im Topf einer Open-World. Schade nur, dass Avalanche seine Open-World-Formel für „Rage 2“ nicht überarbeitet hat oder sich versucht hat an interessanten Konzepten der Konkurrenz zu versuchen, stattdessen setzt man auf das Bekannte aus dem eigenen Haus und vermischt Elemente aus „Just Cause“ sowie „Mad Max“. Zwar punktet die Spielwelt mit abwechslungsreichen Landstrichen wie Canyons, Sümpfen, tropisch angehauchten Wäldern oder Wüsten, doch lässt man einiges an Spielspaß im Missionsdesign liegen.

Ballern, Ballern und nochmals Ballern

Neben wenigen Hauptmissionen, die innerhalb von fünf Stunden Spielzeit bereits abgeschlossen werden können, warten auch zahlreiche Nebenaufgaben auf den Spieler. Blöd nur, dass man grob vier oder fünf unterschiedliche Aufgaben immer und immer wieder wiederholen muss. Wie auch schon im Vorgänger, kann man in „Rage 2“ die Welt nicht nur mit einem Fahrzeug erkunden, sondern auch Rennen fahren. Wäre die Steuerung der Fahrzeuge nicht so träge und schwerfällig, dann würde man die Rennen als eine Willkommene Abwechslung akzeptieren können. Teilweise fühlte es sich so an als würde die Steuerung der Fahrzeuge teilweise aussetzen, besonders in Kurven verweigerte der Wagen die Lenkung. Dieser Umstand ist besonders ärgerlich, weil man den Großteil der Spielzeit mit dem Fahrzeug verbringt. Wie in „Mad Max“ durchstreifen auch Konvois die Welt, die man überfallen kann, doch da das Fahren nicht besonders spaßig ist, ist es keine attraktive Nebentätigkeit. Ansonsten wird nur geballert.

Die Entwickler haben sich noch nicht einmal die Mühe gemacht euch ein nachvollziehbares Motiv für das ganze Töten zu liefern. Stattdessen müsst ihr schlicht akzeptieren, dass man im Ödland mit Waffengewalt weitaus weiterkommt, als einer Konversation. Zum Glück macht zumindest all das Ballern spaß. Hier erkennt man auch ganz deutlich id Softwares Stempel heraus. Das Gunplay erinnert stark an „Doom“. Es ist schnell, präzise und brutal. Genauso sind es Fans von id Software gewohnt. Besonders spaßig wird’s aber, wenn ihr alle Fähigkeiten besitzt und anfangt damit zu experimentieren. Diese lassen sich nämlich taktisch kombinieren und eröffnen euch neue Wege die Feinde in Matsch zu verwandeln. So habe ich zum Beispiel oft zunächst eine Schutzbarriere auf den Boden geworfen, davor eine Vortex-Kugel platziert, die mich hoch in die Luft katapultiert hat und bin mit einem Stampfangriff auf den Köpfen meiner Feinde gelandet.

Leider ist auch im Gunplay nicht alles perfekt. Einige Feinde können viel zu viele Kugeln vertragen. Eine Rüstung muss erst einmal vom Körper geschossen werden, sodass sie eure Angriffe wie Schwämme wegstecken, besonders die Shotgun wird zur Lachnummer degradiert. Selbst aus nächster Nähe pustet eine volle Schrottladung den Gegner gerade mal aus dem Gleichgewicht, sodass drei bis vier Ladungen nötig sind, um diesen ins digitale jenseits zu schicken. Erst mit der sogenannten „Overdrive“-Fähigkeit haben die Waffen deutlich mehr bums. Dabei handelt es sich um eine zeitlich eingeschränkte Wut-Fähigkeit, dessen Leiste sich durchs töten füllt.

Schade, dass man bei den örtlichen Händlern nur Sachen kaufen kann, die es in der Open-World zu Hauf zu finden gibt. Dadurch waren sie völlig nutzlos, genau wie das Crafting, denn diese Mechanik wird obsolet, wenn man an jeder Ecke Heilspritzen, Granaten oder Wingsticks findet. Munition ist ebenfalls keine Mangelware in dieser Version der post-apokalypse.

Looten und Leveln

Naja, von Looten und Leveln kann man nicht direkt sprechen, denn „Rage 2“ ist kein Rollenspiel. Aber ihr habt die Möglichkeit eure Waffen, Items, Fahrzeuge, Fähigkeiten und Charaktereigenschaften zu verbessern, ähnlich wie in einem Rollenspiel. Hierfür sammelt ihr aber keine Erfahrungspunkte, sondern Nanotriten (blaue Kristalle, die jeder Feind beim ableben fallen lässt), Waffen- oder Fahrzeugteile. Durch erledigte Nebenaufgaben steigt ihr jedoch in der Gunst eines von drei Persönlichkeiten auf, wodurch wiederum neue Vorteile freigeschaltet werden können. So kann man diese Mechanik auch als eine Art Skill-Tree ansehen, wo ihr mit jedem Levelaufstieg drei Projektpunkte erwerbt und so eure Vorteile im Kampf, Crafting oder Bergen von Items verbessert.

Waffen und Fähigkeiten müssen wir uns erst verdienen. Diese sind ausschließlich in den Archen zu finden, dessen Aufenthaltsort wir zunächst herausfinden müssen. Wer explizit nach einer bestimmten Fähigkeit oder Waffe sucht, der erhält im Menü den Hinweis, in welchem Gebiet sich das gesuchte Objekt befindet. Schade nur, dass hier auf die Übersetzung nicht geachtet wurde, denn während die Gebiete auf der Karte alle ihre deutsche Bezeichnung aufzeigen, wird der Gebietshinweis weiterhin in englischer Sprache geführt.

Zudem können wir uns im Ödland mit unterschiedlichen Fahrzeuge bewegen, die wir einfach so am Straßenrand finden oder Banditen klauen. Einmal mit dem neuen Gfährt in eine Handelsstadt gefahren und schon besitzen wir das ungetüm. Vom Motorrad bis Panzer und sogar einem fliegenden Gleiter sollte jedes Bedürfnis gestillt werden. Umso ärgerlicher, dass die Fahrzeugsteuerung nicht rund ist.

Ein Bugfestival

Enttäuschend war auch die Performance des Spiels auf der PS4 Pro. Zu den üblichen Bugs einer Open-World wie Nachladende Texturen oder Clipping-Fehler gesellen sich jedoch zahlreiche unschöne Spielfehler hinzu, die den Spielspaß spürbar in den Keller ziehen können. Die Menüführung wird von unschönen Freezes geplagt, wobei der Wechsel von einem Reiter auf den anderen bis zu drei Sekunden dauern kann. Das nervt und ich neigte dazu dem Menü fernzubleiben. Zum Glück kommt man auf dem Schwierigkeitsgrad „Normal“ auch ohne Verbesserungen zum Abspann, sodass es mich nicht groß gestört hat meine Waffen und den Rest meines Charakters großartig auf zu Leveln. Zudem gesellen sich Sound Aussetzer hinzu, NPC´s sind plötzlich unsichtbar und die HUD-Anzeige verschwindet ein ums andere Mal, wenn man ein Screenshot erstellt oder das Menü verlässt.

Fazit

„Rage 2“ ist ein liebloser Open-World Shooter geworden, der mit einer langweiligen Story, einer leeren Spielwelt und uninspiriertem Missionsdesign eure Gunst erlangen möchte. Zum Glück sind die Shooter-Elemente zumindest im Ansatz sehr gut und spaßig geraten, ansonsten hätte man diesen Ausflug ins Ödland als Totalausfall bezeichnen können. Die Kombinationsmöglichkeit eurer Fähigkeiten hebt den Titel von einem 0815-Geballer ab und sorgt für etwas Abwechslung. Die Fahrzeugsteuerung ist alles andere als gelungen und versaut einem die Erkundung der Welt. Zum Glück gibt die Spielwelt wiederum nichts zum Erkunden her, zumindest nichts was sich tatsächlich lohnen würde, sonst hätte man das den Entwicklern übelnehmen können.

Darüber hinaus präsentiert sich „Rage 2“ in einem fast schon katastrophalen technischen Zustand, wo selbst die Menüführung von Freezes geplagt wird. Hoffentlich können die Entwickler die Fehler in zukünftigen Updates auf ein Minimum reduzieren. Wer sich den Titel bereits für 50 Euro und aufwärts gekauft hat, mein Beileid, alle anderen sollten ihre Neugier auf den Titel erst stillen, wenn dieser nicht mehr als 20 Euro kostet.

Gaming
[next-gamer.de] · 26.05.2019 · 19:52 Uhr
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