Radikaler Umbau: Deutsche Bank streicht rund 18.000 Stellen

Deutsche Bank
Foto: Boris Roessler
Die Deutsche Bank hat eine umfangreiche Neuausrichtung auf den Weg gebracht. Der Konzernumbau werde bis Ende 2022 voraussichtlich 7,4 Milliarden Euro kosten.

Frankfurt/Main (dpa) - Die Deutsche Bank will sich mit einem Radikalumbau und der Streichung Tausender Jobs aus ihrer Dauerkrise befreien.

Weltweit sollen bis Ende 2022 rund 18.000 Vollzeitstellen wegfallen, wie der Dax-Konzern nach einer mehrstündigen Sitzung des Aufsichtsrats in Frankfurt mitteilte. Die Sanierung soll rund 7,4 Milliarden Euro kosten, der Großteil der Lasten fällt im laufenden Jahr an. Nach drei Verlustjahren und einem Mini-Gewinn 2018 drohen der Bank daher im Gesamtjahr 2019 erneut tiefrote Zahlen.

Der seit gut einem Jahr amtierende Vorstandschef Christian Sewing will die Bank nach zahlreichen Finanzskandalen ein Jahr vor dem 150. Jubiläum des Instituts zu ihren Wurzeln zurückführen. Es gehe darum, «eine neue Epoche» einzuleiten, schrieb er an die Mitarbeiter. In einer Mitteilung erklärte Sewing, er wolle die Bank «wieder voll und ganz auf ihre Kunden ausrichten».

Der in den 1990er Jahren begonnene Ausflug in den weltweiten Aktienhandel soll bald Geschichte sein. Nicht nur viele Investmentbanker und normale Angestellte, auch einige Vorstandsmitglieder müssen sich neue Jobs suchen.

So will das Management die hauseigene Investmentbank deutlich schrumpfen. Sewing macht den Bereich, der viele Jahre für Milliardengewinne stand, seit der Finanzkrise aber Milliardenstrafen verursachte, zur Chefsache - und dampft ihn gleichzeitig kräftig ein.

Neben dem weltweiten Aktienhandel, mit dem die Bank künftig nichts mehr zu tun haben will, soll auch der Handel mit Zinsprodukten in Zukunft auf deutlich kleinerer Flamme kochen. Bei der Platzierung neuer Aktien soll die Investmentbank aber weiterhin mitmischen - und sich fortan auf Finanzierung, Beratung sowie auf Zins- und Währungsgeschäfte konzentrieren.

In der Hoffnung auf eine bessere Zukunft reißt das Management zudem zwei Sparten auseinander und fügt sie neu zusammen. So trennt es das Firmenkundengeschäft der Deutschen Bank und ihrer Tochter Postbank vom Privatkundengeschäft und führt es mit der hauseigenen Transaktionsbank zur neuen Sparte Unternehmensbank zusammen. Die Transaktionsbank - bisher Teil des Bereichs Unternehmens- und Investmentbank - gehört im Zahlungsverkehr, der Handelsfinanzierung und bei den Wertpapierdienstleistungen zur Weltspitze.

Zugleich packt die Bank Vermögenswerte in Milliardenhöhe in eine sogenannte Bad Bank, um sie dort abzuwickeln. Werte von 74 Milliarden Euro sollen so schrittweise aus der Bilanz verschwinden.

Die Kosten für Umbau, Abfindungen und Abschreibungen soll die Bank nach dem Willen von Vorstand und Aufsichtsrat ohne Kapitalerhöhung schultern. Allerdings sollen die Aktionäre für die Jahre 2019 und 2020 erneut auf eine Dividende verzichten. Außerdem verabschiedet sich der Vorstand davon, die harte Kernkapitalquote der Bank bei mindestens 13,5 Prozent zu halten. Der Kapitalpuffer von Kreditinstituten gilt als wichtige Sicherheit für Krisenzeiten.

Schon jetzt reißt der Konzernumbau Deutschlands größtes Geldhaus tief in die roten Zahlen. Für das zweite Quartal erwartet das Management nach vorläufigen Zahlen einen Verlust von etwa 500 Millionen Euro vor Steuern und 2,8 Milliarden Euro nach Steuern im Zeitraum April bis Ende Juni. Die Zwischenbilanz für das zweite Quartal 2019 will der Konzern wie geplant am 24. Juli veröffentlichen.

Mit dem Abbau von weltweit 18.000 Vollzeitstellen will die Bank ihre bereinigten Kosten bis zum Jahr 2022 um mehr als ein Viertel auf 17 Milliarden Euro drücken. Praktisch fällt damit rund jede fünfte Stelle im Konzern weg. Ende März kam die Deutsche Bank weltweit auf knapp 91.500 Vollzeitbeschäftigte, davon gut 41.500 in Deutschland. Künftig sollen es weltweit nur noch 74.000 sein.

In welchen Weltregionen die meisten Jobs wegfallen, wollte die Bank noch nicht sagen. Allerdings betrifft der geplante Umbau sämtliche Geschäftsbereiche. Im Interview mit dem Hessischen Rundfunk versprach Sewing einen sozialverträglichen Stellenabbau: «Das ist leider der Nebeneffekt, wenn sie sich von Geschäften trennen. Das wird global passieren. Aber wir machen es so, wie wir es immer gemacht haben: Wir nehmen Rücksicht auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.»

Die Gewerkschaft Verdi begrüßte die Umbaupläne. Man gehe davon aus, dass der geplante Personalabbau vor allem im Investmentbanking stattfinde. «Inwiefern dies Auswirkungen auch auf die Infrastrukturbereiche in Deutschland hat, können wir im Moment nicht beziffern», sagte Verdi-Chef Frank Bsirske. Die Gewerkschaft erwarte, dass die Deutsche Bank auf betriebsbedingte Kündigungen verzichte und der Personalabbau sozialverträglich erfolge.

Die von Sewing bereits bei der Hauptversammlung im Mai angekündigten «harten Einschnitte» treffen auch den Vorstand. Privatkundenchef Frank Strauß und die für Regulierungsthemen zuständige ehemalige Bankenaufseherin Sylvie Matherat werden die Bank zum 31. Juli dieses Jahres verlassen. Bereits am Freitag hatte die Bank bekanntgegeben, dass Investmentbankchef und Konzernvize Garth Ritchie das Institut Ende des Monats verlassen wird.

Rechtsvorstand Karl von Rohr, der wie Ritchie stellvertretender Vorstandsvorsitzender ist, übernimmt die Verantwortung für die Privatkundenbank und die Vermögensverwaltung mit der Marke DWS. Risikovorstand Stuart Lewis ist künftig auch für den Bereich Compliance und die Abteilung gegen Finanzkriminalität zuständig.

Zu Sewings Zukunftsplan gehören auch milliardenschwere Investitionen. 13 Milliarden Euro will die Bank bis zum Jahr 2022 investieren, um ihre Technologie auf Vordermann zu bringen und ihr Geschäft effizienter zu machen. Die Computersysteme der Deutschen Bank gelten seit langem als veraltet. Weitere vier Milliarden Euro will das Geldhaus in verbesserte Kontrollen stecken.

Geringere Risiken und effizientere Prozesse sollen die Bank in den kommenden Jahren wieder auf Gewinnkurs bringen. So soll die Rendite auf das materielle Eigenkapital bis zum Jahr 2022 auf mehr als acht Prozent steigen. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr, als die Deutsche Bank zum ersten Mal seit 2014 überhaupt einen Gewinn erwirtschaftete, lag die Rendite lediglich bei 0,4 Prozent.

Banken / Deutsche Bank / Christian Sewing / Garth Ritchie / Deutschland
07.07.2019 · 19:39 Uhr
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