Popcorn und Rollenwechsel: Todd Philipps hat Recht

Der «Joker»-Regisseur musste in den vergangenen Wochen viel einstecken. Doch während sein Kommentar, Comedy würde aussterben, weil Leute heute viel zu empfindlich sind, daneben war, liegt er in einem Punkt goldrichtig.

Eine Kluft liegt zwischen den USA und Europa. Eine Kluft namens «Joker». Ja, hier wie dort gibt es Leute die den Film super finden, egal finden und mies finden. Doch ein gewaltiger Unterschied existiert zwischen der US-amerikanischen und der europäischen Rezeption des DC-Comicfilms im Gewand eines Martin-Scorsese-Dramas. In Europa wird der Film besprochen. In den USA wird über die Gefährlichkeit dieses Films gestritten. Newsberichte geilen sich daran auf, dass Leute während des Films an unpassenden Stellen gelacht haben. Viele Filmkritiken erachten «Joker» als fragwürdig bis riskant. Und sehr viele Leute machen in den sozialen Netzwerken kund, dass sie "so einen Film" nicht mit dem Kauf eines Tickets unterstützen wollen. Wenn hierzulande dagegen Leute «Joker» nicht sehen wollen, dann einfach, weil er sie nicht anspricht.

Na gut, wer kann es der amerikanischen Bevölkerung verübeln, dass sie am Rad dreht, wenn sie seit Jahren einen nicht enden wollenden politischen Albtraum durchlebt? Dennoch darf man angesichts dieses Wusts aus Kontroversen und "Kontroversen" nicht vergessen, dem Regisseur beruhigend auf die Schulter zu klopfen. Auf die Frage, wie er mit der potentiell gewaltverherrlichenden Wirkung seines Filmes umgeht, antwortete Todd Phillips nämlich irritiert, dass er nicht versteht, weshalb «Joker» so scharf beäugt wird – wenige Wochen, nachdem John Wick: Kapitel 3 – Parabellum bejubelt wurde.

Phillips' Kommentar sorgte für Stirnrunzeln, Gelächter und Kritik in den US-Medien. Der Unterschied zwischen den beiden Filmen sei ja wohl klar und man müsste erkennen, dass «Joker» der gefährlichere Film sei. Wie könne man so einen Film drehen und ihn dann nicht kapieren? Ähm … was?!

Um die Filme runter zu brechen, und dazu muss ich deren Ausgang spoilern: Wir haben es hier mit einem Film zu tun, in dem ein Mann all seine Probleme mit Gewalt löst, die einmalige Chance bekommt, aus der Gewaltspirale auszubrechen und sich stattdessen für Blutrache entscheidet. Dem Filmpublikum wird daraufhin mit fettem Coolness-Faktor vorgeführt, wie unterschiedliche Waffen und unterschiedliche Munitionstypen fungieren. Die Moral von der Geschicht': "Kriegste deinen Willen nicht, schieß dem Wichser ins Gesicht."

Und auf der anderen Seite haben wir «Joker», einen Film, in dem eine kranke, einsame, manische und potentiell selbstzerstörerische Person eine Waffe geschenkt bekommt und daraufhin zur Gefahr für ihren Restverstand und die Gesellschaft wird. Nachdem sie Freunde, ihre Mutter und ihr Idol ermordet hat, landet sie von der Realität entrückt und freudlos in der geschlossenen Anstalt. So, wessen Werdegang will man eher nachahmen?!

Es wird viel über die FSK geschimpft, aber gemeinhin tickt sie eben doch ganz sauber. «Joker» hat eine FSK-Freigabe ab 16 Jahren und begründet wird dies wie folgt: "[So] können drastische Gewaltmomente sowie die moralisch-emotionale Ambivalenz des Geschehens Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren überfordern und auch eine desorientierende Wirkung entfalten. Doch 16-Jährige sind aufgrund ihrer Entwicklung und Medienerfahrung in der Lage, sich ausreichend von diesen Aspekten zu distanzieren und die Themen und Widersprüche der Handlung eigenständig zu reflektieren."

«John Wick: Kapitel 3 – Parabellum» mit seinem Waffenfetisch und seiner Selbstjustizmoral ist derweil mit einer 18 versehen, hat also eine höhere Rezeptionsschwelle. Und das finde ich verdammt schlüssig. Aber die Amis sehen wohl einfach nur: "John Wick weiß, wie cool Waffen sind. Null problemo. In Joker erhebt dagegen ein Irrer die Stimme! GEFAHR!"
Kino / Popcorn & Rollenwechsel
17.10.2019 · 17:28 Uhr
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