Ökonomen-Barometer: Teurer Abschiedsgruß an die Märkte

von W. Ehrensberger, Euro am Sonntag

Mit einem umfangreichen Maßnahmenpaket hat die Europäische Zentralbank (EZB) ihre expansive Geldpolitik angesichts eingetrübter Konjunkturaussichten noch einmal forciert. Der scheidende Notenbankchef Mario Draghi kündigte am Donnerstag neben einer weiteren Senkung des sogenannten Einlagensatzes von minus 0,4 auf minus 0,5 Prozent auch die Wiederaufnahme der umstrittenen Anleihenkäufe ab November an. Banken sollen zudem mit Freibeträgen entlastet werden, um die Folgen der Strafzinsen abzumildern.

Die Finanzmärkte reagierten verhalten, die Beschlüsse lagen im Rahmen der Erwartungen. Der DAX ging auf Berg-und-Talfahrt. Der Euro gab zunächst nach und stabilisierte sich am Freitag. Die Renditen von Staatsanleihen gingen zurück. Bankaktien konnten von den in Aussicht gestellten Entlastungen nicht profitieren. Instituten wie Deutsche Bank und Commerzbank setzt die Niedrigzinspolitik der EZB seit Jahren zu.

Heftiger Schlagabtausch


US-Präsident Donald Trump kritisierte die EZB-Beschlüsse. Der gegenüber dem Dollar ab­gewertete Euro belaste die US-­Wirtschaft. Draghi wies die Vorwürfe zurück. Die EZB ziele auf Preisstabilität, nicht auf Wechselkurse. Kommende Woche stehen Zinsentscheidungen der US-Notenbank Fed und der Bank von Japan an. Es wird damit gerechnet, dass die Fed ihren Zins ebenfalls heruntersetzt.

In Deutschland stießen die EZB-Beschlüsse auf teils heftige Kritik. Für Thomas Mayer vom Vermögensverwalter Flossbach von Storch überwiegen die Negativ­effekte der Niedrigzinsen. Das Investitionsklima bleibe durch Unsicherheit belastet. "Andererseits bedeuten Negativzinsen eine Strafsteuer für Banken. Schwindende Profitabilität verringert ihre Kapazität zur Kreditvergabe. Tiefere Kapitalmarktzinsen als Folge der neuen Anleihekäufe reißen Löcher in betriebliche Pensionsfonds, die Unternehmen mit ­ihren Gewinnen stopfen müssen.

Sparer, die Aktienanlagen scheuen, werden mehr sparen müssen, um ihre Anlageziele zu erreichen. Unter dem Strich dürfte das Wirtschaftswachstum noch schwächer werden." Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer rechnet damit, "dass Anleger auf der verzweifelten Suche nach Zinsen immer mehr auf risikoreichere Anlagen ausweichen. Davon werden Aktien profitieren."

Draghi wiederum sieht jetzt Staaten mit soliden Haushalten wie Deutschland in der Pflicht, die Konjunktur fiskalpolitisch zu stützen. "Die Geldpolitik hat ihre Grenzen erreicht und übergibt den Staffelstab an die Fiskalpolitik", sagte DWS-Volkswirtin Ulrike Kastens.

Abwärtstrend fortgesetzt


Unterdessen hat das Ökonomen-Barometer von €uro am Sonntag den Abwärtstrend der vergangenen Monate fortgesetzt. Die führenden Volkswirte bewerteten in der September- Umfrage die aktuelle konjunkturelle Lage mit 41,2 Punkten -ein Minus von 5,7 Prozent. Das Barometer sinkt damit auf den tiefsten Stand seit der Finanzkrise. Noch tiefer lag es zuletzt 2010. Die Aussichten für die kommenden zwölf Monate gingen sogar um 8,5 Prozent auf 31,9 Punkte zurück.

Die Differenz zwischen aktuellem Stand und Pro­gno­se beträgt zehn Punkte - das gilt als Krisenindikator und entspricht dem Abstand während der Finanzkrise 2008/­2009 und der Euro-Staatsschuldenkrise 2012/2013.

Auch das Ifo-Institut hat seine Wachstumsprognosen abgesenkt. "Der deutschen Wirtschaft droht eine Rezession", sagte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. "Die Schwäche in der Industrie breitet sich nach und nach in andere Wirtschaftszweige aus, wie beispielsweise in die Logistik."

Das Ifo-Institut rechnet nun für 2019 mit einem Wirtschaftswachstum von 0,5 (zuvor 0,6) Prozent. 2020 soll die Wirtschaft um 1,2 Prozent zulegen, nachdem zuvor noch 1,7 Prozent erwartet worden waren. Im laufenden Sommerquartal rechnen die Münchner Forscher mit einem weiteren Rückgang um 0,1 Prozent, womit erstmals seit dem Jahreswechsel 2012/13 die formale Definition einer Rezession erfüllt wäre (zwei Quartale in Folge ein Rückgang). Ein harter Brexit oder eine Eskalation des US-Handelskriegs könnten die Wirtschaft noch stärker abbremsen, warnte das Institut.

Die Konjunkturschwäche macht sich mittlerweile auch auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar. Die im Ökonomen-Barometer von €uro am Sonntag befragten Volkswirte gehen jedoch nur von moderat steigenden Arbeitslosenzahlen aus. So rechnet Michael Stahl vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall zwar mit auslaufendem Beschäftigungsaufbau. Der Arbeitskräftemangel werde aber verhindern, dass es zu einem merklichen Anstieg der ­Arbeitslosigkeit kommt, pro­gnostiziert Stahl.

Konjunktur/Wirtschaft
[finanzen.net] · 14.09.2019 · 08:00 Uhr
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