Was Schüler können

Neuer Pisa-Schock – Was hilft für bessere Bildung?

08. September 2026, 13:52 Uhr · Quelle: dpa
Schule
Foto: Michael Brandt/dpa
Das Schulsystem steht vor großen Herausforderungen. (Symbolbild)
Die ersten Pisa-Ergebnisse vom Jahr 2000 stürzten die Republik in Selbstzweifel. Heute sind die Testwerte aus Deutschland noch schlechter als damals. Aber: «Der Negativtrend ist kein Naturgesetz».

Berlin (dpa) - Pisa ist in Deutschland die vielleicht bekannteste Bildungsstudie, seit das schwache Abschneiden im Jahr 2000 die Nation der Dichter und Denker in Selbstzweifel stürzte: der sogenannte Pisa-Schock. Jetzt liegen die Testergebnisse von 2025 vor und es folgt: der Schock nach dem Schock. 

Die Resultate sind so schlecht wie nie zuvor, schwächer noch als in der ersten Ausgabe vor 25 Jahren. Die damals aufgedeckte Bildungsschere zwischen gut und weniger gut situierten Familien ist größer denn je. Ein Vierteljahrhundert Reformdebatte scheint verpufft. Wieder zeigen sich Bildungspolitiker alarmiert, Wirtschaftsverbände wie DIHK und BDA fordern Reformen, jetzt aber wirklich. Aber was hilft?

«Die gute Nachricht hier ist, der Negativtrend ist kein Schicksal und auch kein Naturgesetz», sagte Pisa-Studienleiter Samuel Greiff bei der Vorstellung der Ergebnisse. «Bildungssysteme können sich verändern.» Aber ohne konsequente Maßnahmen werde sich der Trend nicht umkehren. Was also geben die Zahlen her? Und was ist zu tun? Die wichtigsten Antworten:

Was ist die Pisa-Studie? 

Pisa steht für «Programme for International Student Assessment», organisiert unter dem Dach der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Standardisierte zweistündige Tests am Computer sollen im Alter von 15 Jahren die Kompetenzen wie Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften erfassen. Jeweils eines der drei Felder wird genauer beleuchtet, diesmal die naturwissenschaftliche Kompetenz. Zusätzlich wurde modellbasiertes Problemlösen als Teil des «Lernens in der digitalen Welt» abgeprüft.

Die jüngsten Tests legten in Deutschland im April und Mai 2025 knapp 6.700 Schülerinnen und Schüler ab. Weltweit waren es mehr als 760.000 Jugendliche in 91 Staaten und Regionen, darunter die 38 OECD-Staaten. 

Wie hat Deutschland diesmal abgeschnitten? 

«Die Jugendlichen in Deutschland erzielen in Naturwissenschaften, im Lesen und in Mathematik so niedrige Ergebnisse wie noch nie seit Beginn der Pisa-Studien», fassen die verantwortlichen Forscher der Technischen Universität München zusammen. Konkret erreichten die Jugendlichen in Naturwissenschaften als Mittelwert 486 Punkte, im Lesen 465 Punkte und in Mathematik 464 Punkte. Zum Vergleich: Japan erreichte einen Mittelwert von 538 Punkten in Naturwissenschaften, 503 Punkten beim Lesen und 525 bei Mathematik. 

Allerdings gilt auch: Deutschland lag bei allen drei Testfeldern etwa im OECD-Durchschnitt und teils leicht über dem EU-Schnitt. Bei Naturwissenschaften war Deutschland im Mittel besser als etwa Frankreich oder Spanien. Ähnlich sieht es bei Mathematik und bei der Lesekompetenz aus. In allen OECD-Staaten sehen die Forscher einen Abwärtstrend. Doch etliche liegen eben besser als Deutschland, so etwa Großbritannien, Kanada und die baltischen Staaten. 

Hat der «Pisa-Schock» denn nichts bewirkt? 

Doch. Nach den deutschen Ergebnissen aus dem Jahr 2000 ging es bei den Testergebnissen in Lesen, Mathe und Naturwissenschaften klar aufwärts bis etwa 2012. Seit 2015 deutet die Tendenz aber wieder abwärts.

Die Forscher zeigen sich jetzt vor allem alarmiert über den wachsenden Anteil junger Leute, denen Basiskompetenzen fehlen. Bei rund einem Drittel der 15-Jährigen gilt das fürs Lesen und in Mathematik, bei einem Viertel in Naturwissenschaften. Bei etwa einem Fünftel der Jugendlichen fehlt es in allen drei Testfeldern am Grundsätzlichen. Der Anteil habe sich seit 2015 im Lesen und in Mathematik verdoppelt, melden die Studienmacher.

Woran liegt der Abwärtstrend? 

Studienleiter Greiff analysiert, nach der Aufholjagd in den Nullerjahren sei den deutschen Bildungsreformen die Puste ausgegangen – Bildung sei nicht mehr ganz so wichtig genommen worden. Gleichzeitig ändert sich die Welt, in der Jugendliche leben: die Corona-Pandemie, Social Media, Ablenkung, Lehrermangel.

«Die Schülerschaft ist heterogener geworden», gibt Greiff zu bedenken. Zuwanderung erkennt der Bildungsforscher als Faktor, doch die Testergebnisse zeigen: «Die Trennlinie läuft nicht zwischen Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungshintergrund, sondern zwischen Jugendlichen aus sozial privilegierten und sozial benachteiligten Familien.» 

Das deutsche Bildungssystem gleicht diese Unterschiede nicht aus – ein Befund, den viele andere Studien ebenfalls belegen. «Viele Staaten schaffen es, unterschiedliche Voraussetzungen in eine Stärke der Vielfalt umzuwandeln», sagt Greiff. In Deutschland klappe das nicht überall.

Was kann helfen? 

Greiff und sein Team machen drei konkrete Vorschläge: Schon im Vorschulalter sollten mögliche Lernprobleme entdeckt und angegangen werden. «Vor allem Kenntnis der Unterrichtssprache ist der Schlüssel zu allen anderen Fächern», sagt Greiff.

Der zweite Vorschlag ist die «datenbasierte» Entwicklung des Unterrichts. Gemeint sind häufige Tests, nicht für Noten, sondern für ein individualisiertes Gegensteuern, um nicht Rückstände auflaufen zu lassen. Vorbild ist für Greiff dabei Kanada.

Und Ansatz Nummer drei: mehr Geld für Schulen mit besonders vielen Kindern in schwierigen Lebenslagen. «Wenn Schulen sehr unterschiedliche Herausforderungen bewältigen müssen, dürfen sie nicht alle gleich ausgestattet werden», mahnen die Forscher.

Was tut die Politik?

Bundesministerin Karin Prien (CDU) und die Chefin der Bildungsministerkonferenz, die bayerische Landesministerin Anna Stolz (Freie Wähler), zeigten sich wenig überrascht von den Ergebnissen, denn andere Studien mit ähnlich desaströsen Werten hatten sie vorgewarnt.

Einiges läuft schon in die Richtung, die die Bildungsforscher für richtig halten. Prien nennt das geplante Kita-Gesetz. Frühe Sprachtests schon bei Vierjährigen sollen mögliche Schwächen aufdecken und Grundlage für Förderung sein. Das Startchancen-Programm für Schulen soll Geld und Personal dorthin lenken, wo viele Kinder und Jugendliche in schwierigen Verhältnissen leben.

Abhilfe bei der Pisa-Misere sei entscheidend für die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit, sagte Prien. «Dafür braucht es keinen kurzfristigen Aktionismus, sondern einen langfristigen gemeinsamen Kurs. Daran werden Bund und Länder entschlossen weiterarbeiten.»

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08.09.2026 · 13:52 Uhr
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