Nato-Training für afghanische Spezialkräfte in der Türkei

Afghanische Sicherheitskräfte
Foto: Sanaullah Seiam/XinHua/dpa
Angehörige der afghanischen Spezialkräfte sollen auf Nato-Lehrgängen außerhalb des Landes trainiert werden.

Ankara/Kabul/Brüssel (dpa) - Die Nato hat kurz nach der Beendigung ihres Ausbildungseinsatzes in Afghanistan das erste Trainingsprogramm für afghanische Soldaten im Ausland gestartet.

Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur aus Ankara wurden Angehörige der afghanischen Spezialkräfte am Mittwochabend für einen Lehrgang in die Türkei geflogen. Er soll der Auftakt für regelmäßige Ausbildungsangebote außerhalb Afghanistans sein.

Ein Nato-Sprecher in Brüssel bestätigte der dpa den Beginn des Trainingsprogrammes, wollte sich aber aus Sicherheitsgründen nicht zum Ort und zu Details äußern. «Neben der fortgesetzten Finanzierung und diplomatischen Präsenz umfasst die weitere Unterstützung Afghanistans durch die Nato auch die Ausbildung afghanischer Spezialkräfte außerhalb des Landes», sagte er. Die Ausbildung habe nun begonnen.

Ob Deutschland sich an dem Training afghanischer Spezialkräfte im Ausland beteiligen wird, ist noch unklar. Nach Angaben aus Regierungskreisen vom Donnerstag ist ein Einsatz von Ausbildern der Bundeswehr nicht ausgeschlossen. Bevor darüber entschieden wird, soll aber abgewartet werden, ob das neue Ausbildungskonzept funktioniert. Als eine Gefahr gilt, dass sich Teilnehmer während der Lehrgänge absetzen, um dann zum Beispiel in einem EU-Land Asyl zu beantragen.

Hintergrund der Befürchtung ist, dass sich die Sicherheitslage in Afghanistan nach der im April getroffenen Abzugsentscheidung der Nato deutlich zugespitzt hat. Die militant-islamistischen Taliban kontrollieren nach mehreren Offensiven mittlerweile knapp mehr als die Hälfte der rund 400 Bezirke im Land, Teile von wichtigen Überlandstraßen und mehrere Grenzübergänge in die Nachbarländer.

Die raschen Gebietsgewinne der Islamisten waren für viele Beobachter überraschend. Vor Beginn des Abzugs der internationalen Truppen gaben sich die allermeisten westlichen Diplomaten und Experten in Kabul zuversichtlich, dass die Sicherheitskräfte den Taliban standhalten könnten. Sie erwähnten vor allem die gut ausgebildeten Spezialkräfte und die Luftwaffe als Schlüsselvorteile der Regierung.

Mittlerweile ist diese Zuversicht großen Zweifeln gewichen. Seit die USA alle ihre Kampfflugzeuge aus dem Land abgezogen haben, ist die afghanische Luftwaffe im Dauereinsatz. Die Folgen der Überbeanspruchung: Bereits im Juni sei die Einsatzbereitschaft von fünf der insgesamt sieben Flugzeugtypen teils signifikant gesunken, heißt es in einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht des US-Generalinspekteurs für den Wiederaufbau in Afghanistan (Sigar).

Ähnlich geht es den Spezialkräften. Sie werden pausenlos in alle Ecken des Landes in Einsätze geschickt, um Gebiete zurückzuerobern, eingekesselte reguläre Truppen zu befreien oder Angriffe auf Provinzhauptstädte abzuwehren. Die meisten regulären Truppen weigern sich mittlerweile, ohne die Kommandokräfte Operationen durchzuführen. Letztere gelten bereits als überstrapaziert.

Allerdings könnte sich der Einsatzradius der Regierungstruppen ohnehin bald beschränken. Offensichtlich hat sich in Kabul die Einsicht durchgesetzt, dass viele ländliche Gebiete nicht zu halten sind. Aus Militärkreisen heißt es, man bereite sich darauf vor, in wenigen Monaten nur noch die Städte zu verteidigen.

Angesichts der dramatischen Entwicklungen kommen die USA und andere Nato-Länder zunehmend in die Kritik. Der schnelle Abzug sei ein Fehler gewesen, lautet der Vorwurf. Die USA sind in den vergangenen Tagen nun wieder verstärkt Luftangriffe zur Unterstützung der Sicherheitskräfte geflogen. Die Flieger dazu steigen mittlerweile außerhalb Afghanistans auf, der US-Abzug ist nach eigenen Angaben zufolge zu 95 Prozent abgeschlossen.

Die jüngst vermehrten US-Luftschläge spiegelten «ein neues Gefühl der Dringlichkeit in Washington gegenüber der gefährdeten afghanischen Regierung wider», kommentierte die «New York Times». Der nun für Afghanistan zuständige US-General Kenneth McKenzie sagte vergangene Woche in Kabul, man werde diese Luftangriffe auch in den nächsten Tagen und Wochen aufrechterhalten.

Allerdings ist unklar, was nach dem 31. August passiert. Dann endet die US-Militärmission in Afghanistan. US-Offizielle sagten in der Vergangenheit, dass man Schlüsselfunktionen wie die afghanische Luftwaffe weiter finanziere, die Gehälter für die Sicherheitskräfte weiter zahle und weiter bestimmte militärische Güter liefere. Eine Zusage, dass man auch über den 31. August hinaus Luftunterstützung im Kampf gegen die Taliban leiste, gibt es bisher aber nicht.

Afghanistan-Experten allerdings zweifeln, ob die Sicherheitskräfte mehr Ausrüstung oder Training brauchen. «Das scheint mir weniger eine Frage von Material und Training zu sein, als eine der Moral», sagt Thomas Ruttig von der Kabuler Denkfabrik Afghanistan Analysts Network. Und diese sehe vielerorts sehr brüchig aus, wie der kampflose Verlust vieler Gebiete zeige.

Für die Nato und vor allem für die USA drohen die Entwicklungen zu einem Image-Desaster zu werden. Sie hatten ihren Einsatz am Hindukusch vor rund zwei Jahrzehnten begonnen, um dem von Afghanistan ausgehenden internationalen Terrorismus ein Ende zu bereiten.

Die damalige Taliban-Regierung unterstützte unter anderem das Terrornetzwerk Al-Kaida, das für die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA verantwortlich war. Würden nun in Kürze wieder die Taliban an die Macht kommen, könnte der Eindruck entstehen, als hätte der lange Militäreinsatz nicht viel gebracht. Allein die amerikanischen Streitkräfte verloren am Hindukusch mehr als 2300 Soldaten. Die Bundeswehr beklagte 59 Opfer.

Nato / Verteidigung / Militär / Konflikte / Taliban / Afghanistan / International / Türkei
29.07.2021 · 15:43 Uhr
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