«Midway» - So moralisch fragwürdig wie unterhaltsam

Mit seinem durch und durch patriotisch eingefärbten Kriegsactioner Midway begibt sich Regisseur Roland Emmerich inszenatorisch zurück in die Neunzigerjahre. Und so absurd und lächerlich die Leinwandereignisse bisweilen wirken, so sehr muss man dem Filmemacher auch Respekt zollen.

Seine ersten Schritte als Filmregisseur ging Roland Emmerich zwar auf (west-)deutschem Boden, einen Namen machte er sich allerdings erst, als er für Hollywood große Katastrophenblockbuster wie Independence Day, The Day after Tomorrow und 2012 inszenierte. All diese Filme wurden zu einem riesigen Erfolg – und Emmerich blieb sich bis heute seiner Linie treu, auch wenn das bedeutet, dass er erst kürzlich bekanntgab, sein missglücktes Alieninvasionssequel Independence Day 2 heute ziemlich zu bereuen. Drei Jahre sind seither vergangen. Seit seinem letzten richtigen Hit 2012 sogar bereits zehn. Sein in der Schwulenszene zwar geachtetes, an den Kinokassen jedoch geflopptes Drama Stonewall fand ebenso wenig Anklang wie der schon eher in Emmerichs Metier anzusiedelnde (und immens unterschätzte!) White House Down, der zwar immerhin etwas mehr als seine Produktionskosten wiedereinspielte, für ein 150-Millionen-Dollar-Projekt aber deutlich mehr Geld als 200 Millionen hätte einfahren dürfen – erst recht im Hinblick auf die am Projekt beteiligte Starpower.

Nun scheint es fast so, als würde Emmerich für seinen neuesten Film Midway die Zeit wieder zurück und seine Karriere auf Null stellen – und das ist in jeder Hinsicht wörtlich zu verstehen. Sein Film wirkt wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit, als Kriegshelden noch mit Stolz geschwellter Brust an die Front zogen und ihren Traum vom Sieg alle paar Minuten gen Kamera brüllen durften. Das ist durch und durch fragwürdig – und doch kann man Midway einfach nicht komplett verreißen.

Pazifik, 4. bis 7. Juni 1942

Demokratie und Freiheit stehen auf dem Spiel, als es nach dem unvorhergesehenen Angriff auf Pearl Harbor bei den abgelegenen Midwayinseln zu einem entscheidenden Aufeinandertreffen kommt, bei dem die zahlenmäßig geschwächte US-amerikanische Marine und Luftwaffe allen Widrigkeiten trotzt, um sich einem in jeder Hinsicht überlegenen Gegner zu stellen. Im Mittelpunkt dieses Manövers: Lieutenant Richard ‚Dick‘ Best (Ed Skrein), der zwar noch nicht lange an der Front kämpft, mit diesem Einsatz aber bereits vor der Herausforderung seines Lebens steht. Für die ihm unterstellte Fliegerstaffel wird er zum Vorbild. Mit Mut, außergewöhnlicher Entschlossenheit und historisch beispielloser Gefechtskunst konfrontieren sie die Kaiserliche Japanische Marine in einer atemberaubenden Luft- und Seeschlacht, die den entscheidenden Wendepunkt des Pazifikkrieges einleiten soll…

Es wäre ein Leichtes, Midway an all seinen Schwächen auszuzählen. Und die sind nicht in erster Linie bei der visuellen Aufmachung zu finden. Hier offenbart sich nämlich sehr zügig, dass der Film zwar inhaltlich durch und durch die Luft früher Ninties-Kriegsactioner atmet, aber eben doch aus dem Jahr 2019 stammt. Von Hand gemacht ist hier nämlich kaum mehr etwas. Die gezündeten Explosionen – und von denen gibt es diverse – stammen allesamt aus dem Computer. Feuerflammen, abstürzende Flugzeuge, der Trubel auf Flugzeugträgern: All das wirkt künstlich, die Sets mit ihrer zusätzlich vollkommen überbeleuchteten Fernsehoptik nie so wie großes Blockbusterkino. Dabei war Midway mit einem Budget von 100 Millionen US-Dollar wahrlich nicht günstig. Natürlich kann man für ein Filmprojekt nicht Aberdutzende Flugzeuge oder Schiffe in die Luft sprengen. Doch unter Zuhilfenahme moderner Tricktechnikstandards lassen es zumindest diverse andere Projekte glaubhaft so aussehen. Hier dagegen geht die am Computer entworfene Fantasie vom Kriegsschlachtfeld zu keinem Zeitpunkt auf. Und wenn hier eine Handvoll junger Rekruten von einem Schiff über einen brennenden Abgrund auf das andere Schiff klettern muss und einige der Soldaten dabei in die flammende Tiefe stürzen, springt einen die Verwendung des Greenscreen regelrecht an.

Ja, vielleicht haben sich die Macher hier auch ein wenig übernommen – so jedenfalls wirkt Midway wie ein Schnellschuss, der mit etwas mehr CGI-Aufwand (oder natürlich gleich der Verwendung haptischer Effekte) in Verbindung mit mehr Budget – zumindest visuell – deutlich mehr hergemacht hätte.

Das traut sich auch nur Emmerich

Das ändert natürlich nichts daran, dass Emmerich in Midway ein Actionspektakel abbrennt, dass sich in diesem Eskapismus heutzutage wohl nur noch Regisseure wie er (und vielleicht Michael Bay) zutrauen würden; erst recht in Kombination mit dem Thema. Denn so deutlich muss man werden: Midway ist zu keinem Zeitpunkt ein Anti-, sondern ein sein patriotisches Anliegen mit Stolz geschwellter Brust vor sich her tragender Kriegsfilm, dessen Helden im Verlauf der 138-minütigen Handlung diverse bedeutungsschwangere „Ich liebe mein Land und den Krieg!“-Sätze von sich geben und den Gegnern „mal ordentlich den Arsch aufreißen“ dürfen. Wenngleich Midway nach Der Patriot aus dem Jahr 2000 erst Emmerichs zweiter Film über den Krieg ist und sich der Regisseur und Drehbuchautor zuvor vorwiegend im Segment des durch die Natur oder Aliens (und nicht etwa durch den Menschen) verursachten Zerstörungskinos herumgetrieben hat, weiß der Filmemacher ganz genau, welche Knöpfe er zu drücken hat, um aus dem Kinosaal für über zwei Stunden einen Ort der Zeremonie für all diejenigen zu machen, die vielleicht selbst immer schon mal für ihr Land kämpfen wollten (oder sogar gekämpft haben) und sich nun gemeinsam mit den hier porträtierten Soldaten noch einmal ins Kriegsgetümmel stürzen wollen – schließlich basiert der Film ja auch auf wahren Ereignissen und Charakteren und endet mit einer Dankestafel an all jene, die bei der Schlacht vor den Midwayinseln gekämpft haben. Irritierend: Obwohl sich das Skript von Wes Tookes (Colony) zwar immer deutlich auf der Seite der US-amerikanischen Soldaten positioniert, gesteht den japanischen Widersachern einen höchstkitschigen Abgang zu – eine von diversen fragwürdigen Entscheidungen.


Trotzdem kann man Midway eben nicht komplett niederschreiben, was in erster Linie darin begründet ist, dass Emmerich diese Form des Kriegskinos mit absoluter Aufrichtigkeit zelebriert. Je mehr absurde Sprüche die auf der Leinwand agierenden (und natürlich bis auf ihre Vaterlandsliebe keinerlei charakterlichen Background erhaltenden) Figuren von sich geben, desto mehr gönnt man dem Film selbst sein fast schon rituelles Abfeiern des Krieges; fast so wie in Gesetz der Rache, den Hauptdarsteller Gerard Butler und Regisseur F. Gary Gray ja stets für eine ernste Auseinandersetzung mit dem Thema Selbstjustiz gehalten, hiermit aber in Wirklichkeit einfach nur ein stupides (wenngleich höllisch unterhaltsames) Plädoyer für Gewalt abgeliefert haben. Bei Midway ist das ganz ähnlich. Aufopferungsvoll und mit – im wahrsten Sinne des Wortes – Feuereifer zeigt uns Emmerich ein Plädoyer für bewaffnete Vaterlandsliebe, in der niemals auch nur ansatzweise die Frage aufkommt, dass der Krieg grausam ist.

Eine derartige Konsequenz muss man, allem Kopfschütteln zum Trotz, belohnen. Und vermutlich auch nur bei einem Regisseur wie Roland Emmerich, der einfach gern im großen Stil Dinge in die Luft gehen lässt. Das macht Midway zwar nicht weniger fragwürdig und wir kommen nicht drumherum, zu betonen, dass dieser Film nicht gut ist. Aber man kann ihm eben auch nicht absprechen, dass er ziemlich unterhaltsam ist. Wer sich auf diesen moralischen Zwiespalt (und die miesen Effekte) einlassen kann, für den ist Midway fast schon eine Empfehlung.

Fazit

Zurück in die Neunziger, als man Filme wie Midway noch machen konnte und durfte – ihren Reiz haben diese tumben, patriotismusgeschwängerten Kriegsactioner nicht verloren, auch wenn sie schon mal deutlich besser ausgesehen haben als hier.

Midway ist ab dem 7. November in den deutschen Kinos zu sehen.
Kino / Die Kino-Kritiker
06.11.2019 · 13:00 Uhr
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