«Long Shot»: Seth Rogen, der Mann der verschleierten Botschaft

Mit «Long Shot» kommt demnächst die neueste, freche, progressive Komödie des «Beim ersten Mal»-Stars in die Kinos.

Manchmal muss einfach ein anekdotischer Beweis her, um die Wirkung eines Films zu illustrieren: Wir schreiben das Jahr 2016. Ein Kino veranstaltet in der Nacht auf Vatertag ein nahezu ausverkauftes Double Feature, bestehend aus Bad Neighbors und Bad Neighbors 2. Erstgenannter Film war ein solider Erfolg in den deutschen Kinos, wurde dank DVD/Blu-ray, Streaming und TV-Ausstrahlungen aber zu einem recht bekannten, beliebten Party-Komödientipp: Ein junges Elternpaar kabbelt sich mit der Bruderschaft im Haus nebenan, es gibt groben Slapstick, bös-vulgäre Situationskomik und räudigen Dialogwitz – sowie einige stylisch gefilmte Partyszenen, in denen sich die wilden Studenten mit knapp bekleideten Mädels vergnügen.

Man kann sich ausmalen, wie bombig die Stimmung im Kinosaal während der Bad Neighbors-Wiederaufführung ausfiel: Dezent angetrunkene, junge Männer lachten sich lauthals durch den Film und wussten die Eyecandy-Momente zu goutieren. Nicht störend laut, aber spürbar begeistert wurden hübsche Anblicke mit halb geraunten "Wuuuhhs" und "Yeeahs" begrüßt. Und dann kam Teil zwei: Die junge Familie aus dem Original hat schon wieder Stress mit den Nachbarn. Dieses Mal sind es jedoch Studentinnen, die ihr Verbindungshaus neben den Hauptdarstellern Rose Byrne und Seth Rogen eröffnen. Die von Chloë Grace Moretz angeführte Schwesternschaft besteht dabei aus einer Gruppe freundlicher Rebellinnen: Es sind zurückhaltende junge Frauen, die ihre Ruhe vor den typischen Partylöwen-Studenten haben wollen und die kein Interesse haben, sich "aufzuschlampen", um den Jungs zu gefallen. Viel lieber wollen sie gemeinschaftliche Filmabende machen. Aber ab und zu möchten sie eben doch auf den Putz hauen – auf ihre Art, in bequemer, kuscheliger Kleidung.

Das Problem: Während Bruderschaften traditionell andauernd Partys schmeißen, und dabei mit Eintrittskosten für Nicht-Mitglieder oder Spendenaufrufen zuweilen ihre Kosten decken, dürfen Schwesternschaften per US-Gesetz keine Feiern veranstalten. Die Bad Neighbors 2-Heldinnen laufen gegen diese Regel Sturm – und laufen alsbald gegen eine Wand. Denn dadurch, dass sie keine College-Filmkomödie-Klischee-Rüpelpartys werfen, bei denen gesoffen, halbnackt getanzt und rudelgebummst wird, bleiben die Gäste aus. Und weil die Gäste ausbleiben, mangelt es der Schwesternschaft an Geld, weshalb sie Gefahr laufen, sich die Miete für ihr Schwesternschaftshaus nicht mehr leisten zu können.

Mit dem Rücken zur Wand überlegen Chloë Grace Moretz und Co. verzweifelt, ob sie ihre Ideale verraten, sich entgegen ihrer Persönlichkeit aufreizend anziehen und eine sich an notgeile Jungs anbiedernde Party werfen sollen. Und der Kinosaal, der bei Bad Neighbors noch jede Nahaufnahme eines in enge Hosen gepressten Frauenhinters und jede Einstellung, die ein feuchtes Damenshirt gezeigt hat, erfreut gefeiert hat? Nach mehr als einer feucht-fröhlich, frechen Filmstunde waren die angetrunkenen Herren so in der Story drin, dass es bei der Erwähnung des "Wir müssen uns aufschlampen!"-Plans aus mehreren Ecken des Saals stöhnte: "Nein! Tut's nicht!"

Das, liebe Quotenmeter.de-Leserschaft, ist die Magie des Kinos. Diverse Männergruppen gingen in der Nacht vor Vatertag mit der Absicht ins Kino, sich über zwei vulgäre Partyfilme zu beömmeln und nebenher die "heißen Schnitten" auf der Leinwand zu begaffen – und erwischen sich auf einmal dabei, eine fiktive Freundinnentruppe bei ihrem feministischen Kampf gegen reale Doppelstandards anzufeuern.

Und es ist kein Zufall, dass diese (vom Verfasser dieser Zeilen tatsächlich erlebte) Anekdote von einem Seth-Rogen-Film handelt. Denn der Hauptdarsteller, Produzent und Drehbuchautor hinter dieser extrem amüsanten, energiereichen, flotten Komödie hat ein Faible dafür gefunden, Filme zu machen, die in ihrem Kern für etwas stehen, das dem Klischee zufolge ihrem Subgenre widerspricht. Neben der feministischen Collegepartykomödie Bad Neighbors 2 steht in Rogens Vita beispielsweise auch die Animationskomödie Sausage Party, die wie eine derbe, sinnlose und auf cartoonesken Stereotypen basierende Pixar-Parodie vermarktet wurde. Und an der Oberfläche ist Sausage Party wirklich die versaute Pervertierung des Pixar-Konzepts "Wie würde das geheime Leben von [Sache X] aussehen?", in der sich ein jüdischer Bagel und ein muslimischer Teigfladen die ganze Zeit anfeinden und die Maiskörner in einem Kackehaufen um Hilfe schreien. Und viele, viele Filmschaffende hätten es auf diesem grobschlächtigem Tabubruchniveau beruhen lassen.

Seth Rogen und sein langjährige Produktions- und Schreibpartner Evan Goldberg hingegen nutzen in Sausage Party diese leicht für ein nach grellem Filmspaß gierendem Klientel vermarktbare Oberfläche, um Leute anzulocken – und brechen diese Schicht des Films dann auf. Sausage Party ist ein Film, dessen zentrale These "Glaub nicht alles, was du gesagt bekommst" lautet, und dekonstruiert seine eigenen stereotypen Figuren, um eine kompromisslose Liebesbotschaft zu vermitteln. Rogen und Goldberg waren außerdem Produzenten hinter Der Sex-Pakt, einer frechen Teenie-Komödie, die den alteingesessenen "Hilfe! Meine Tochter will Sex haben!"-Plot bewusst sexpositiv aufzieht, sich über panische Eltern lustig macht und obendrein mit einer im Hollywood-Mainstream noch immer raren Selbstverständlichkeit an Homosexualität herangeht.

Dies sind nur drei von vielen Beispielen in Rogens Vita. All dies geschieht mit Methode. 'Vulture' zitierte Rogen über die Progressivität in seinen Filmen: "Ich versuche einfach, mit der Zeit zu gehen, statt ihr hinterherzuhinken. Ich versuche keinesfalls, mich anzubiedern. […] Ich achte einfach stets sehr darauf, repräsentativ zu sein, auch in der Wahl der Regie- und Schreibtalente, mit denen ich arbeite. Ich bin mir sicher, ich könnte noch mehr machen."

Dabei geht Rogen auch kritisch mit seiner eigenen Arbeit um: In seinen Augen ist der von ihm geschriebene Teenie-Comedyhit Superbad schlecht gealtert. "Das passiert so mit Comedy. Aber ich akzeptiere es, dass manchen Leuten das, was [ich und Evan] machen, nicht gefällt, und sie das ausdrücken. Und ich versuche, ihnen zuzuhören. Zu verstehen, welche kulturellen Grenzen es gibt." In Rogens Augen bedeutet dies nicht, dass es keinen Schockhumor mehr geben dürfte. Das Entscheidende sei, als Filmschaffender zu wissen, was am Witz schockt. Rogen spricht sich sozusagen für ein bewusstes Verständnis dessen aus, mit welcher Grundhaltung ein gegebenenfalls rüpelhafter Gag erzählt wird.

In dieser "Trojanisches Pferd"-Mentalität von Bad Neighbors 2 und Co. ist auch Rogens neuester Film gehalten, «Long Shot». In diesem Mix aus schroffer Romantikkomödie und greller Politsatire spielt Seth Rogen einen ungepflegten, tollpatschigen Journalisten, der sich in die von Charlize Theron gespielte US-Außenministerin verliebt. Was wie der x-te "Haariger Tölpel kriegt Frau herum, die mehrere Klassen über ihm liegt"-Film klingt, mischt unter seine Drogenexzess-Witze und Masturbationsgags zahlreiche bewusste Konventionsbrüche. Nein, Therons Rolle der Charlotte Field muss nicht lernen, dass die Karriere zweite, ach, dritte Geige zu spielen hat. Nein, es ist nicht der Mann, der all ihre Probleme löst. Ja, Charlotte spricht mehrere reale gesellschaftliche Doppelstandards an – und sie wird dafür von Rogens Figur respektiert, statt als anstrengende Zicke abgestempelt.

Im späteren Verlauf des Jahres wird Rogen mit Good Boys noch eine progressive Vulgär-Chaoskomödie rausbringen, deren Oberfläche simpler und tumber erscheint. Wer sich also vom ersten Anblick einer Seth-Rogen-Produktion abgeschreckt fühlt, sollte den Filmen vielleicht einfach eine Chance geben …
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16.06.2019 · 10:02 Uhr
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