Locke & Key bei Netflix: Was lange währt, wird endlich blutig

Seit vielen Jahren ist eine Serienadaption des Horrorcomics Locke & Key in der Mache. Genau das ist gleichzeitig das größte Problem der Netflix-Produktion: Sie hätte früher erscheinen müssen.

In Hollywood gibt es etwas, das nennt man „development hell“. Es ist ein Begriff dafür, wenn eine Idee jahrelang in der Produktion stecken bleibt. Ein fertiges Produkt – beispielsweise ein Film oder eine Serie – schafft es selten an die Öffentlichkeit, oft erst nach langer Zeit. Gute Stoffe bleiben unter der Oberfläche, immer wieder wird nachjustiert und nachgeschrieben, mit immer wieder neuen Drehbuchautoren. Solange, bis die Ursprungsidee oft völlig verwässert wird.

Locke & Key ist das Paradebeispiel für eine Serie in der „development hell“. Es war ein langer Weg bis zum – so viel sei vorweg gesagt: grandiosen – Endformat, das wir nun auf Netflix bestaunen können. Locke & Key basiert auf der gleichnamigen Comicvorlage von Joe Hill, seines Zeichens Sohn von Horrormeister Stephen King. Der Comic lief von 2008 bis 2013, sehr erfolgreich und mit zahlreichen Branchenpreisen ausgezeichnet. Bereits im ersten Jahr wurden die Serienrechte verkauft. 2011 stand der Pilot für FOX, alles war vorbereitet für eine Serienbestellung. FOX lehnte in letzter Minute ab, das Format wurde nie weiterproduziert. Ungewöhnlich dafür, dass der Sender ganze zehn Millionen Dollar damals in die Produktion des Piloten pumpte. Drei Jahre später nahm sich Universal des Stoffs an und erwägte einen Kinofilm, doch die Geschichte erwies sich als zu kompliziert und zu strange für das Massenpublikum.

2017 ließ schließlich Disneys Streamingdienst Hulu einen weiteren Serienpiloten produzieren, mit Carlton Cuse als Showrunner. Wieder wurde aus dem Projekt nichts. Und dies, obwohl zahlreiche Skripte fertiggestellt waren und alles in den Startlöchern stand. Die Verantwortlichen waren begeistert vom Piloten – bis Hulu einen neuen Chef bekam, der das Format in letzter Minute ablehnte. 2018 schließlich sprang Netflix ein, das ein Jahr vorher noch Hulu den Vorzug gelassen hatte. Man veränderte den Grundtenor des Hulu-Piloten, trimmte die Serie auf Familiendrama und weniger auf Horror. Das fertige Format kann sich sehen lassen: Locke & Key ist eine großartige Dramaserie. Nach zehn Jahren Entwicklungszeit hat die Idee ihre perfekte Heimat gefunden.

Lockey & Key: Die Netflix-Serie ist auf Massenkompatibilität getrimmt

Locke & Key erzählt davon, wie die Lockes in einer neuen Heimat versuchen, Frieden mit der Vergangenheit zu finden. Nachdem Familienvater Rendell vor den Augen seines Sohnes ermordet wird, braucht es einen klaren Neuanfang. Witwe Nina zieht mit ihren drei Kindern in das alte Familienanwesen ihres verstorbenen Ehemanns – das Keyhouse. Es ist ein heruntergekommenes Herrenhaus, viktorianisch anmutend mit verwinkelten Gängen und geheimen Räumen; ein Haus, von dem man nach Jahren noch nicht alle Geheimnisse kennt. Und der jüngste Sohn Bode lernt bald kennen, dass das Haus Leben in sich führt: Eine mysteriöse Frau flüstert Bode aus einem Tiefbrunnen kryptische Dinge zu: Sie erzählt von Schlüsseln, die er im Haus findet. Bald wird Bode sogar fündig – und erkennt, dass die Schlüssel magische Fähigkeiten haben: Einer lässt fremde Welten betreten, einer lässt aus dem eigenen Körper schlüpfen und als Geist herumfliegen. Und einer lässt die eigene Gedankenwelt betreten. Die Locke-Kinder beginnen, in ihrer traumatischen Vergangenheit zu wühlen. Und merken bald, dass es eine böse Entität auf die Schlüssel abgesehen hat.



Die Netflix-Serie macht sehr, sehr viel richtig: Sie ist komplex und abwechslungsreich, ohne überladen und kompliziert zu wirken. Alles dreht sich um die Familie und ihre kleinen und großen Probleme, sei es die magische Jagd nach den Schlüsseln oder die erste Highschool-Liebe. Die Serie wechselt gekonnt zwischen melodramatischen und fröhlichen Momenten. Man sieht, wie die Familienmitglieder durch ihr Schicksal einerseits zusammenwachsen, andererseits sich voneinander entfernen: Jeder versucht mit dem Trauma um den ermordeten Vater anders umzugehen. Im Vergleich zur Comicvorlage wirkt Locke & Key deutlich gesetzter und gewöhnlicher, mit weniger mysteriösen Elementen und viel mehr Familiendrama als im Comic. Dies machte der FOX-Pilot von 2011, damals mit mehr gotischen Elementen und mehr Melancholie, noch anders.

Natürlich ist Locke & Key damit stärker auf Massenkompatibilität getrimmt als die bisherigen TV-Piloten und auch als das Comic-Original. Aber diese Veränderungen sind es wert. Locke & Key ist Drama, Coming-of-Age-Story und Horror in einem – und kann vor allem die traumatischen Erlebnisse der Familie durch den konzeptionellen Kniff um die Schlüssel grandios aufarbeiten. Man fiebert mit den Figuren mit. Dies liegt nicht zuletzt an den großartigen schauspielerischen Leistungen, allen voran von Teenie-Tochter Kinsey, gespielt von Emilia Jones, und von Mutter Nina, gespielt von Darby Stanchfield. Die Atmosphäre um das Keyhouse wirkt weniger „außerweltlich“ als vielmehr alltäglich bedrohlich.

Teilweise erinnert die Netflix-Produktion an The Haunting of Hill House, ohne aber ihre tragische Schwere zu adaptieren. Das könnte auch ihr Problem sein: The Haunting of Hill House erntete im vergangenen Jahr sehr viel Lob von Kritik und Publikum, wurde zum Überraschungshit.

Vielleicht ist Locke & Key nun mit seiner ähnlichen Prämisse ein wenig zu spät dran.

Locke & Key ist beim Streaming-Anbieter Netflix abrufbar.
Meinungen / TV-Kritik / First Look
12.02.2020 · 12:16 Uhr
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