Living with yourself: Zwei Paul Rudds zum Preis von einem

Die neue Netflix-Serie könnte als eiskalte Abrechnung mit der Selbstoptimierungsgesellschaft funktionieren, verliert sich aber im Versteckspielkleinklein.

Für Miles (Paul Rudd) läuft’s nicht so: Mit seiner Frau Kate (Aisling Bea) knatscht es, weil er die Terminplanung zur Fruchtbarkeitsuntersuchung schleifen lässt, im Job als PR-Fritze kommt er auf keine halbwegs kreative Idee mehr. Ein bisher ebenfalls Midlife-angeschlagener Kollege startet seit einiger Zeit aber wieder voll durch – und rückt schließlich bei einem Drink in einer Bar mit seinem Geheimnis raus. Er hat sich kürzlich in einer etwas schrägen Spa einer sündhaft teuren New-Age-Kur unterzogen, und seitdem fühlt er sich wie ausgewechselt.

Miles tut es ihm gleich, fährt in die entlegene Kaschemme, wo er einen Riesenbatzen Geld entrichtet, ein paar Formulare ausfüllt, anschließend von zwei Koreanern in einen Entspannungsraum gebracht und dort sediert wird – bis er schließlich mitten im Wald wieder aufwacht, nur mit einer entwürdigenden Windel bekleidet. Sechs Stunden lang kämpft er sich zu Fuß nach Hause durch – nur um festzustellen, dass es nicht mehr sein Zuhause ist, als er von einem Typen überwältigt wird, der es sich gerade mit seiner Frau bequem gemacht hat: ihm selbst, nur in ausgeschlafener, entspannter, kreativer, netter. Der New-Age-Selbstoptimierungsprozess entpuppt sich als Klonung – und nun müssen sich zwei Miles‘ ein Leben teilen.

Dass eine kreative und innovative Idee noch keine Serie macht, lässt sich an Living with yourself fast exemplarisch durchdeklinieren. Die fehlgeschlagene Selbstoptimierung ließe sich im Rahmen einer herrschenden Gesellschaftsmentalität zwischen Selbstausbeutung und Selbstdarstellung auch allegorisch betrachten, doch davor schreckt dieses Format (außer im Rahmen allzu billiger Anspielungen) konsequent zurück. Stattdessen verliert es sich von Anfang an im Versteckspiel- und Verwechslungskomödienkleinklein, und bis die dramaturgische Kanone mit ausreichender Feuerkraft geladen ist, vergeht viel zu viel Zeit mit sich wiederholender und variationsarmer Figurenexposition, die leider nicht darüber hinaus kommt, Miles als möglichst generischen Everyman und Kate als die mal nörgelnde, mal umsorgende Partnerin zu zeichnen.

Letzteres stößt doppelt sauer auf, schließlich sind seit Aisling Beas wundervoller Channel-Four-Dramödie This way up, in der sie eine nervlich zerrüttete Englischlehrerin gab, gerade einmal zwei Monate vergangen. Und obwohl Bea auch bei diesem überschaubar anspruchsvollen Netflix-Material noch eine halbwegs einnehmende Performance gelingt, bleibt sie gezwungenermaßen weit entfernt von dem Darbietungstalent, das sie in einer Serie zeigen durfte, in der sie mit ihrem komödiantischen Fingerspitzengefühl und ihrem unprätentiösen, aufrichtigen Spiel aus den Vollen schöpfen konnte.

Während sich Living with yourself leider konsequent jedwedes gesellschaftlichen Kommentars enthält, funktioniert das Format als künstlerische Ausstaffierung von John Lockes Gedankenexperiment zur persönlichen Identität genauso wenig. Stattdessen versinkt es in der dauernden Parodiebespaßung, die den humorigen Gipfel schon mit zwei stereotypen koreanischen Nichtsnutzen und abgehalftert-vorhersehbaren Dialogwitzen erreicht sieht. Meistens klingt das so: Oh my God, I was born in a strip mall!So what, I was born in New Jersey. Kann man gerne zurück in den Wald bringen.

Living with yourself ist bei Netflix verfügbar.
Meinungen / TV-Kritik / First Look
24.10.2019 · 10:02 Uhr
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