Lebenserwartung am 65. Geburtstag unterschätzt die tatsächliche Rentendauer

Statistische Schätzung trifft knapp daneben
Wiesbadener Demografen haben 65-Jahres-Statistiken von 1960 bis 2025 mit der tatsächlichen Lebensdauer der jeweiligen Jahrgänge verglichen. Das Ergebnis: Die zum Renteneintritt verwendete Lebenserwartung liegt fast immer unter der Realität, aber selten mehr als zehn Prozent. Sebastian Klüsener vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung nennt die Abweichung „belastbar genug“ für eine dynamische Rentenformel.
Zugewinne fallen erst nach 70
Frauen, die heute 65 werden, stehen statistisch noch 21,2 Jahre vor sich, Männer 18,2 Jahre. Tatsächlich werden sie älter, weil Fortschritte in der Herz-Kreislauf-Medizin vor allem bei den Über-70-Jährigen ansetzen. Jahrgänge, die zwischen 1980 und 2003 in Rente gingen, lebten im Schnitt 1,5 bis 2 Jahre länger als die damaligen Tabellen vorhersahen.
Politische Folgen bleiben unklar
Wer das Renteneintrittsalter an die statistische Lebenserwartung koppeln will, muss die systematische Unterschätzung einpreisen. Andernfalls finanziert der Steuerzahler teure Zusatzjahre, die in den Modellen nie auftauchten. Die Studie liefert keine Empfehlung, ob eine solche Kopplung sinnvoll ist – nur, dass die Zahlentechnik ausreicht.
Bürokratie statt Reform
Die Debatte dreht sich erneut um Anpassungsmechanismen, die der Staat selbst erfinden muss, weil er die Rentenversicherung nicht dem Markt überlassen will. Statt die Beitragszahler endlich zu entlasten, wird über neue Formeln und Schwellenwerte gestritten. Solange Berlin und Brüssel die Rentenformel als Steuerungsrad betrachten, bleiben echte Strukturreformen auf der Strecke.

