«Kopfplatzen» - Zermürbend realistische Problemstudie

Es ist ein heißes Eisen, das Regisseur und Autor Savaş Ceviz in seinem Spielfilmdebüt Kopfplatzen anfässt. Und so geht seine Geschichte über einen Pädophilen, der seine Neigungen nicht länger zurückhalten kann, mächtig unter die Haut.

Jeder 20. Mann hat in seinem Leben mindestens eine pädophile, also auf Kinder gerichtete, sexuelle Fantasie – das berichtete das Nachrichtenblatt Spiegel Ende 2015 in einem Bericht über eine umfangreiche Befragung, die Wissenschaftler mit insgesamt 28.000 Probanden durchgeführt haben. 4,4 Prozent von insgesamt 8700 befragten Männern – eine Quote, knapp halb so groß wie noch bei einer Befragung 2011, aber auch mehr als doppelt so hoch wie bei einer Studie, die 2014 in Kanada in Auftrag gegeben wurde. Doch sexuelle Fantasien mit Kindern sind Medizinern zufolge noch lang nicht gleichzusetzen mit Pädophilie. Erst dann, wenn der Betroffene den Drang verspürt, ebenjene Fantasien in die Realität umsetzen zu vollen, spricht man davon. Wie hoch die Dunkelziffer ist? Schwierig zu beantworten. Einem Artikel der ZEIT zufolge wird sie mitunter auf 30-mal so hoch eingeschätzt. Mit ein Grund, weshalb Präventivmaßnahmen und werbewirksame Kampagnen dafür immer mehr ins Zentrum der Öffentlichkeit rücken.

Regisseur und Autor Savaş Ceviz (Der mit den Fingern sieht) nimmt sich dieses kontroversen Themas nun in seinem Spielfilmdebüt Kopfplatzen an. Darin spielt Max Riemelt (Berlin Syndrom) den pädosexuellen Markus, der sich seiner Neigungen sukzessive immer weniger erwehren kann.

Eine tickende Zeitbombe

Markus (Max Riemelt) ist 29, Single und als Architekt beruflich angekommen. Niemand in seiner Familie und seinem Arbeitsumfeld weiß, dass er pädosexuell ist. Körper von kleinen Jungs erregen ihn. Er hasst sich dafür und kämpft jeden Tag gegen sein Verlangen an. Als die alleinerziehende Mutter Jessica (Isabell Gerschke) mit ihrem achtjährigen Sohn Arthur (Oskar Netzel) in die Nachbarswohnung einzieht, verliebt sie sich in den hilfsbereiten Markus. Der kleine Arthur mag es, wenn Markus auf ihn aufpasst, und sieht in ihm eine Vaterfigur. Doch Markus ahnt, dass er sein Verlangen auf Dauer nicht unter Kontrolle haben wird. Er kämpft darum, den lauter werdenden Rufen in seinem Kopf zu widerstehen.

Ceviz‘ Langfilmdebüt Der mit den Fingern sieht ist eine unaufgeregte Dokumentation über einen blinden Maler. Der hier schon vorherrschende nüchtern-beobachtende Ansatz findet sich nun auch in Kopfplatzen wieder. Sowohl erzählerisch als auch inszenatorisch. Kamerafrau Anne Bolick (Schwimmen) setzt auf größtmögliche Farbreduktion, auf eine geordnete Einfachheit und Präzision. Es gibt keine Farbspielereien oder Experimente mit besonders kreativen Kamerafahrten. Die Bilder in Kopfplatzen sind in erster Linie zweckdienlich. Selbst in jenen Momenten, in denen man Markus seine im Inneren ausgefochtenen Kämpfe gegen sich selbst und seine Triebe ansieht, bleibt die Kamera distanziert und neutral. Wir erhalten keinerlei Veranschaulichung von Markus‘ Seelenleben. Seine Qual und seine Mühen, ebenjenen Qualen zu entkommen respektive aus dieser Qual heraus nicht für sein Umfeld gefährlich zu werden, wird einzig und allein von Max Riemelts starkem Spiel greifbar gemacht.

Der demnächst sogar in Matrix 4 auftretende Schauspieler verkörpert die Hauptfigur nämlich mit einer solch glaubhaften Scheu vor sich selbst, dass man sich von der ersten Sekunde an in seine Position hineinfühlen kann. Ein Umstand, der Kopfplatzen zweifellos streitbar macht, denn Savaş Ceviz enthält sich bis in die buchstäblich aller letzte Sekunde jedweden Kommentars und lässt stattdessen Wissenschaft und Medizin für sich sprechen, wenn Markus versucht, seine krankhaften Neigungen irgendwie loszuwerden.

Max Riemelt mit einer grandiosen Leistung

Ganz besonders in Erinnerung bleibt dabei ein Gespräch zwischen Markus und einem Psychologen, der seinen Patienten darüber aufklärt, dass seine Neigungen bis an sein Lebensende nicht verschwinden werden. Stattdessen kann das einzige Ziel einer Therapie jenes sein, mit der Situation umzugehen und Momente, die für Markus gefährlich werden könnten, zu vermeiden. So solle er beispielsweise den Bus verlassen, sobald ein Kind hinzusteigt und die Anwesenheit junger Menschen (in diesem Fall vor allem Jungs) generell meiden. In Markus‘ darauf folgendem Wutausbruch, der sich vor allem um die Frage dreht, ob sich der Psychologe selbst vorstellen könne, sein Leben lang auf Sex zu verzichten, verdeutlicht noch einmal die schwierige Situation, die Ceviz immer wieder heraushebt: Markus kann selbst nichts an seinen Neigungen ändern, obwohl er dazu gewillt ist; Es geht lediglich darum, Schadensbegrenzung zu betreiben, weshalb ihn vermutlich nicht bloß sein Leben lang seelische Qualen plagen, sondern auch eine Zukunft in Einsamkeit bevorsteht.

Seine aufkeimende Liebe zur der sympathischen Nachbarin Jessica sowie die Freundschaft zu ihrem Sohn Arthur verdeutlichen diese Zwickmühle spätestens dann, wenn die Mutter hinter die Neigungen ihres neuen Freundes steigt und ihn automatisch verurteilt, obwohl dieser bislang absolut nichts mit ihrem Sohn angestellt hat.

Doch bevor die Macher Gefahr laufen, ihren Film als zu versöhnlich, zu sehr auf Seiten der Täter argumentierend anzulegen, streuen sie auch immer wieder Momente ein, in denen klar wird, was für eine Gefahr von Markus und damit stellvertretend von Pädophilen ausgeht. Wenngleich Markus‘ regelmäßige Besuche eines eingesperrten Wolfes ihre Symbolik etwas zu offensichtlich vor sich hertragen, so dreht sich einem bei Chats mit anderen Pädophilen, die „ihre Kinder“ schon mal als Himmelsgeschenke titulieren und sich damit herauswinden, dass diese die Zuneigungen und Zärtlichkeiten ja auch selbst wollen, der Magen um. Auch Markus‘ regelmäßige Besuche in Schwimmbädern sowie angedeutete Verfolgungsszenarien fühlen sich vor allem deshalb so beklemmend an, weil Markus von Anfang an als tickende Zeitbombe eingeführt wird, die zu jedem Moment hochgehen kann. Damit umgeht Savaş Ceviz gekonnt den Fehler, falsche Sympathien für seine Hauptfigur zu schüren, stellt ihn aber auch nicht als Täter bloß, sondern betont zuverlässig die Gefahr der Störung aber auch die dringende Notwendigkeit, sich als Pädophiler dringend in notwendige Behandlung zu begeben.

Dass genau hierin jedoch nicht die benötigte Heilung liegt, bringt den Teufelskreis dann allerdings wieder neu in Gang, wie es auch das radikal-offene Ende von Kopfplatzen noch einmal betont.

Fazit

Kopfplatzen ist ein zermürbendes Drama über Pädophile, ihre Zwänge, ihre Versuche, sich in die Gesellschaft zu integrieren und den damit einhergehenden Teufelskreis aus Verantwortungsbewusstsein, Scheitern und Resignation. Vor allem Max Riemelt gibt den potenziellen Tätern, die alles unternehmen, um keine zu werden, ein Gesicht. Doch Regisseur Savaş Ceviz blickt mit dem Film der Wahrheit entgegen, sodass sein Film keine Antworten, sondern höchstens Anreize liefert. Das muss man erstmal verdauen.

Kopfplatzen startet demnächst in ausgewählten deutschen Kinos. Wir halten Euch über den Kinostart auf dem Laufenden!
Kino / Die Kino-Kritiker
28.03.2020 · 09:00 Uhr
[3 Kommentare]
 

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