«Klaus»: Endlich wieder Zeichentrick

Ein Team aus Disney-Veteranen stellt mit «Klaus» einen technisch innovativen, inhaltlich sehr herzlichen Zeichentrickfilm auf die Beine. Und Netflix bringt ihn raus.

Die Zeichentrickkunst war nie weg – aber sie hat ihre Stellung verloren: War sie einst die dominierende Form des Animationsfilms, obsiegen im Sektor westlicher, abendfüllenden Produktionen bereits seit rund eineinhalb Jahrzehnten computeranimierte Geschichten. Gezeichnete Bewegtbildgeschichten gibt es derzeit primär aus Asien oder in Kurzform. Dabei befand sich der westliche Zeichentrickfilm in einer spannenden Umbruchphase, bevor er von den großen Studios fallen gelassen wurde: Ende der 1990er-Jahre experimentierte Disney erstmals mit "Deep Canvas", einer Methode, Hintergründe in dreidimensionaler Komplexität mit von Hand beschlossenen, malerischen Elementen zu ermöglichen. So wurde der dichte Dschungel in Tarzan verwirklicht, ebenso wie die die detailreiche Sci-Fi-Abenteuerwelt von Der Schatzplanet aus dem Jahr 2002.

Der Spanier Sergio Pablos gehörte zu den Animatoren dieser beiden Disney-Filme, die in einer Trickfilmära gestartet sind, als beispielsweise auch Don Bluth mit der Verschmelzung von Zeichentrick und aufwändigen CG- Elementen experimentierte (Titan AE). Nach dem wirtschaftlichen Tiefschlag, den Disney mit Der Schatzplanet erlitt, verschlug es ihn in die Welt der Computeranimation. Unter anderem legte er den Story-Grundstein für das Ich – Einfach unverbesserlich-Franchise, gestaltete Figuren für das bunte Vogelabenteuer Rio und trug zur Story von Smallfoot bei. Aber sein Künstlerherz trauerte weiter dem von Hand gezeichneten, filmischen Wunder hinterher, wie aus 24 Zeichnungen die Sekunde flüssige Bewegungen werden.

Wenn die großen Studios nicht mehr in abendfüllender Form erproben, wie sich die Zeichentrickkunst mit digitaler Hilfe in Richtung neuer Horizonte bringen lässt, dann muss man halt selber die in die Hände spucken: Pablos gründete ein eigenes Animationsstudio und nahm sich vor, Zeichentrickfilme mit innovativen CG-Tricks zu entwickeln. Das erste Projekt der mit einigen Disney-Veteranen bestückten Sergio Pablos Animation Studios erzählt die Vorgeschichte des Weihnachtsmann-Mythos:

Der verwöhnte Reichensohn Jesper (Originalstimme: Jason Schwartzman) ist der schlechteste Briefträger-Lehrling, den seine Ausbilder und sein strenger Vater je gesehen haben. Also erteilt man ihm eine Lektion und versetzt ihn ins grantige sowie frostige Dorf Zwietrachtingen, wo man ihm die Aufgabe stellt, eine absurde Menge an Briefen in einer lächerlich kurzen Zeit zuzustellen.

Doch so faul Jesper auch sein mag – er ist zudem Alleinunterhalter und, ist er erstmal warmgelaufen, auch ganz schön einfallsreich. Als er mit dem grummeligen, eigenbrötlerischen Spielzeugmacher Klaus (Originalstimme: J.K. Simmons) Bekanntschaft macht, kommt ihm daher ein genialer Plan: Er erklärt Kindern, dass sie sich per Post Geschenke bei Klaus wünschen können. Und weil der Andrang so überwältigend ist, erfindet Jesper alsbald die Mär von einer Liste der Artigen und der Unartigen …

Klaus findet, von dieser Story ausgehend, eine schöne Balance zwischen märchenhafter Sentimentalität und feschem Cartoon-Slapstick sowie einfallsreich-gewitzten Abwandlungen diverser Elemente aus dem üblichen Weihnachtsmannmythos. Dadurch, dass wir einen liebenswerten Tunichtgut und einen wohlmeinenden, trotzdem schwer umgänglichen Spielzeugmacher als Hauptfiguren haben, droht Klaus nie, trotz seiner süßlichen (und im Großen und Ganzen auch wahren) Botschaft, dass jede gute Geste eine weitere gute Geste nach sich zieht, in Märchenkitsch umzukippen. Dennoch ist es ein Film, der zu Herzen geht – und dazu trägt die wunderschöne Optik einen enormen Teil bei.

Denn mit den kleinen Imperfektionen des Zeichentricks, die dem Projekt eine Seele einhauchen, und der großen Dynamik, die von Hand animierte Figuren ihren CG-Gegenstücken meistens voraus haben, werden nostalgische Gefühle wach, während die am Computer getrickste, komplexe Lichtsetzung und haptische Oberflächenstruktur der Bilder Klaus eine zuvor nicht gesehene, ebenso moderne wie märchenhaft-zeitlose Visualität entwickelt. Es ist, als würde ein filigranes, altes Weihnachtsbilderbuch zum Leben erwecken – und da hat die Filmgeschichte doch schon deutlich schlechtere Winterwunder vollbracht …

Fazit: Klaus ist ein handwerkliches Trickfilmwunder, und die amüsante, warmherzige Geschichte wird der Technik gerecht: Dieser Film ist für alle Trickfans ein Muss in der diesjährigen Adventszeit!

Klaus ist ab dem 15. November 2019 bei Netflix abrufbar.
Meinungen / TV-Kritik / Die Kritiker
14.11.2019 · 21:10 Uhr
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