«John Mulaney & the Sack Lunch Bunch»: Kinder-Ängste und durchgeknallte, singende Erwachsene

Für unseren Redakteur Sidney Schering ist «John Mulaney & the Sack Lunch Bunch» eine der besten Produktionen, die Netflix zustande gebracht hat. Weshalb, erklärt er hier ...

Es beginnt mit einem kleinen Jungen, der in die Kamera spricht. Er erklärt, dass er den Schwimmunterricht nicht mag, weil er Angst davor hat, zu ertrinken. Nur, dass er nicht einfach "to drown" für "ertrinken" sagt, sondern das Wort mit einem leichten Sprachfehler ausspricht. Es erfolgt kein Schnitt, der die Aussagen des Jungen so nachhallen lässt, dass seine Art, "to drown" ("to twown"? "to dwron"?) als ungewollte Pointe hervorsticht. Stattdessen darf der Junge unbehelligt weiter ausführen. Ganz normal. Egal, wie oft er "drown" und "drowning" komisch ausspricht. Seine Angst wird ernst genommen, egal, wie putzig es für erwachsene Ohren klingen mag.

Kurz darauf erklärt Komiker John Mulaney in einem an frühere Zeiten in der US-Sesamstraße erinnernden, erdfarbenen Hinterhof-Set, umgeben von Kindern von 8 bis 13 Jahren, dass er sich kürzlich Kinderfernsehen angeschaut habe. Was er sah, hätte ihm nicht so sehr gefallen wie das Kinderprogramm zu seiner Zeit, was ja wohl bedeuten muss, dass es früher besser war. Weiter erklärt er, die Ironie nun gegen Ehrlichkeit eintauschend, dass er daher vorsätzlich selber eine Kindersendung machen wollte. Und das, obwohl er keine Kinder hat und auch gar keine will (selbst wenn er bestimmten Leuten gegenüber behauptet, dass sich das schon ändern wird). So bereitet Mulaney nicht nur sein Publikum auf das tonale Wunderwerk «John Mulaney & the Sack Lunch Bunch» vor – er gibt ihm auch die Gebrauchsanleitung, wie dieses Netflix-Special verstanden werden sollte.

«John Mulaney & the Sack Lunch Bunch» ist, was passiert, wenn ein erwachsener, selbstironischer Kindskopf für Kinder von heute seine nostalgisch verzerrte Variante dessen auftischt, wie das Kinderprogramm seiner Zeit aussah. Für den 37-jährigen John Mulaney waren die prägenden Einflüsse die rauere Sesamstraße aus der Jim-Henson-Schaffenszeit, die Kinder sehr ruhig ansprechende, aber ihnen dennoch auf Augenhöhe begegnende Sendung Mister Rogers' Neighborhood, die in den 1970ern gestartete Sendung The Electric Company, die sich als erwachsene Ablösung der Sesamstraße verstand, das Toleranz und Gendergleichstellung behandelnde Special Free to Be... You and Me sowie 3-2-1 Contact, eine kindgerechte Wissenssendung mit manch absurden Sketchen.

Und so kommt «John Mulaney & the Sack Lunch Bunch» mit aus heutiger Sicht nostalgisch-verstaubten Grafiken und Jingles daher, die die John Mulaneys im Publikum abholen werden. "Hach, ja, so sah das Kinderfernsehen damals aus …" Diese Einflüsse, plus Mulaneys teils verspielte, teils selbstbewusst-gleichgültige Haltung gegenüber dem, was Eltern vielleicht bevorzugen würden, sorgen zudem für eine skurrile, mitunter an Monty Python erinnernde Sketchparade. Und dennoch ist «John Mulaney & the Sack Lunch Bunch» keine Dekonstruktion oder boshaft-zynische Satire von Kindersendungen. Sondern mit vollem Ernst für Kinder gedacht. Gewiss: Es gibt ein paar beiläufig-schroffe Gags, etwa über den unerwarteten Tod eines Maskottchen-Darstellers, aber nichts, das Kinder überfordern dürfte – Mulaney versteht, dass Kinder mehr aushalten (und selber auch deutlich bösere Witze machen) als manch übervorsichtige Eltern glauben wollen.

Dieses Begegnen zwischen Mulaney und den Kindern macht «John Mulaney & the Sack Lunch Bunch» auch für Erwachsene zu einer sehr sehenswerten Comedy-Erfahrung, da es in den ernsteren Zwischentönen große Einsichten gestattet. Zwischen die Sketche geschnittene Interviews über Ängste zeichnen eine Kinder-Generation, die einerseits früh (und teils begeistert) mit Horror-Filmen in Kontakt gerät und dennoch auch vor Lappalien Angst hat (oder vor allem vor Dingen, vor denen ihre Eltern Angst haben). Ehrlich gesagt unterscheiden sich die Kinder damit aber nicht sonderlich von den Erwachsenen, die in «John Mulaney & the Sack Lunch Bunch» über Angst vor ihrem eigenen, plötzlichem Tod, dem Tod Angehöriger, öffentlicher Blamage oder vor Leitern und Rolltreppen sprechen

Der Unterschied zwischen den Kindern und den Erwachsenen: Die Knirpse wissen, dass sie nahezu machtlos sind ("Wenn meine Mutter meine schlechten Noten sieht, bin ich dran."), und versuchen halt, zu lernen, damit gesund umzugehen – was etwa besonders goldig zur Schau gestellt wird, wenn ein Mädchen von der kuriosen Schocktherapie berichtet, die es durchlaufen sollte, ehe es mit freundlichem Lächeln und frei von Verurteilung über ihre Therapeutin sagt: "Sie wollte mir helfen!"



Auch in den Sketchen behandelt «John Mulaney & the Sack Lunch Bunch» die Kinder mit Respekt, ohne die Illusion erzeugen zu wollen, sie seien quasi schon als fertige Erwachsene auf die Welt gekommen. So zeigt ein Sketch die Kindertruppe rund um John Mulaney als Marktforschungsgruppe, die einen neuen Animationsfilm bewertet (der offensichtlich in die Welt hinaus geschludert wurde, immerhin wurde "die erste und einzige Schnittfassung" vorgeführt), und die Kinder schwören alle, es sei ihr Lieblingsfilm für immer und ewig (Mulaney, knochentrocken: "Das hast du letzte Woche über Minions 7 gesagt.") Andererseits besingt ein Junge in einem der zahlreichen, extrem eingängigen und wunderbar beschwingt arrangierten Songs seinen Respekt für den neuen Freund seiner Oma, den die Älteren in der Familie auf den Tod nicht ausstehen können.

Generell sind die Songs die Höhepunkte von «John Mulaney & the Sack Lunch Bunch» (selbst wenn eine wendungsreich-aufgeschlossene Buchbesprechung ebenfalls das Zeug dazu hat, Herzen höher schlagen zu lassen). Die meisten sind aus der Perspektive von Kindern gehalten, die ihre vermeintlich nichtigen Anliegen wie Lieblingsspeisen oder eine kleine Sketchausführung während einer Feier der Eltern, extrem wichtig nehmen. In den Liedern treffen moderne Referenzen (etwa auf Die Eiskönigin) und zeitgemäße Schnippigkeit auf funky Arrangements und nostalgisch-fetzige Melodien. Die liebevollen Kompositionen werden von Texten begleitet, die einerseits einen nerdig-erwachsenen Humor aufweisen und trotzdem nie ihre Kinder-Perspektive verlieren. Da reimt sich "Cartwheel" halt auf ein schief gesungenes "Cartwheeeeeeel", einfach weil's erstens authentisch und zweitens urkomisch ist.

Für Abwechslung sorgen die beiden Ausnahmen, die nicht aus Kinderperspektive gesungen werden, sondern passioniert-ironische Kindersendung-Parodien darstellen. Zunächst spielt Broadway-Legende André De Shields mit campiger sowie ehrlicher Inbrunst einen Mathe-Nachhilfelehrer, der letztlich kaum mehr ist als ein es sehr wohlmeinender Schwindler, und im großen Finale spielt Jake Gyllenhaal einen übermüdeten, aufgedrehten, unvorbereiteten Typen, der in einer Kindersendung-Kunstrolle über Musik unterrichten will und mit jedem Rückschlag nur noch cartooniger wird – bizarres Comedy-Gold folgt. Bizarres Comedy-Gold, das ganz unterschwellig den Sinn von «John Mulaney & the Sack Lunch Bunch» untermauert: Erwachsene sollten nicht glauben, sich für Kinder zum Affen machen zu müssen. Wie Erwachsene auf Kinder wirken, ist der rote Faden des Specials, da auch klar wird, wie sie Kindern mitunter ihre Ängste oder Vorurteile einflößen. Die These des Specials: Stattdessen heißt es, zu akzeptieren, dass die Wünsche, Fragen und Sorgen von Kindern ernstzunehmend sind, und sich trotzdem gravierend vom erwachsenen Standpunkt unterscheiden können (aber nicht müssen).

Das haben manche der Kindersendungen von anno dazumal verstanden, in der Erinnerung Erwachsener kapierten das sowieso all ihre Lieblingssendungen und ein kindsköpfiger, wohlmeinender Komiker, der keinen übervorsichtigen Eltern-Filter im Kopf hat, versteht das offenbar besonders gut. Wer hätt's gedacht?

«John Mulaney & the Sack Lunch Bunch» ist via Netflix abrufbar.
Meinungen / TV-Kritik / Serientäter
15.02.2020 · 10:50 Uhr
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