Jetzt spricht Daniel Lange

"Ich bin schwer enttäuscht!" Der gescholtene TV-Reporter, der nun nicht mehr für die «akte» arbeitet, exklusiv bei Quotenmeter.de: Welche Fehler wurden bei «Lange Undercover» gemacht? Wie lief die Produktion ab? Warum er auch von «akte»-Moderator Ulrich Meyer enttäuscht ist, sagt er hier.

Etwas kraftlos sieht er schon aus, der 39-jährige Fernsehreporter Daniel Lange. Der Daniel Lange, der in den vergangenen Tagen als "TV-Fälscher" und teilweise als Betrüger diffamiert wurde. Kraft gekostet haben ihn die Schlagzeilen, berichtet er im exklusiven Gespräch mit Quotenmeter.de. Kraft, die gegen Ende einer einjährigen Recherche-Reihe zu «Lange Undercover» ohnehin schon dem Ende zugegangen war. "Die zurückliegenden Tage waren natürlich nicht angenehm", beginnt der langjährige «akte»-Reporter das Gespräch. Am Tag, als eigentlich die fünfte von sechs Folgen seines Formats «Lange Undercover» ausgestrahlt werden sollte, kamen in einem Blog Vorwürfe gegen die Produktion des Magazins auf – am Ende erklärte Sat.1 auf Quotenmeter.de-Anfrage, dass man die META-Produktion wegen "unsauberer journalistischer Arbeit" gekippt habe. Die Produktionsfirma musste sogar eine eidesstattliche Erklärung über die einwandfreie Arbeit in Bezug auf die Beiträge abgeben. Aktuell steht Daniel Lange als alleiniger Sündenbock da – auch wenn ihm META-Gesellschafter Ulrich Meyer, also das «akte»-Gesicht schlicht hin in einem BamS-Interview als mutigen Reporter bezeichnete.

"Hilflosigkeit wäre ein Schlagwort, denn META unterstützt meine Reputation, aus meiner Sicht überhaupt nicht", erklärt Lange im Gespräch mit Quotenmeter.de. Er ist inzwischen kein Angehöriger der Firma mehr, hat seinen Vertrag gekündigt – nach genau zehn Jahren bei der META. Daniel Lange, der ehemalige Polizist, erhoffte sich mit dem Produktionsauftrag von «Lange Undercover» ein größeres Spielfeld, also in erster Linie mehr Sendezeit und ein größeres Budget, erklärt er. In seinen zehn Jahren als «akte»-Reporter lieferte er rund 400 Beiträge und war in der Firma zuletzt einer der letzten Investigativ-Reporter. Die META hatte die Sat.1-Sendung zuletzt deutlich umgebaut, zeigt jetzt gerne Gartengeräte-Tests statt investigativer Beiträge.

In seiner neuen Sendung, die Sat.1 letztlich am späten Dienstagabend unterbrachte, gab es für den 39-Jährigen die Möglichkeit Themen ganz anders anzugehen, als es in abgesteckten Beiträgen für die «akte» möglich ist. Zeitvorgaben wie acht bis zwölf Minuten gab es somit nicht. Ein erster Testlauf – damals noch unter dem Namen «akte Undercover» - lief im Frühjahr 2013 mit elf Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen für Senderverhältnisse gut. Der Vorlauf, eine normale «akte»-Sendung, kam auf 9,2 Prozent. Das «Lange Undercover»-Team bestand laut dem namensgebenden Reporter anfangs nur aus drei Leuten. "Den ersten Beitrag, wo es um ‚Frauenhandel‘ ging, hatte ich nach meiner Art und meinen Vorstellungen gedreht. Hier habe ich die Recherche geführt, den Beitrag geschnitten, den Text geschrieben,- ich war sogar wieder der Kameramann, der ich ja auch in hunderten «akte»-Beiträgen war. Doch eine Reportage über so ein Thema zu drehen, dauert seine Zeit", erzählt der zuletzt so gescholtene Journalist.

Genau hinsehen, sehr genau aufpassen, keine leichtfertigen Fehler machen – das sei seine Prämisse bei der Arbeit an «Lange Undercover» gewesen. "Hier geht es um organisierte Kriminalität und wer sich in solche Kreise begibt, kann auch sterben", weiß der in Berlin lebende Reporter. Doch schon bald änderten sich die Bedingungen für die Herstellung der neuen Sat.1-Sendung. "Unser Produktionsplan war wahnsinnig eng und eigentlich war schon klar, dass der kaum gehalten werden kann." Noch klarer sei dies geworden, als der erste Beitrag abgedreht worden war. Laut Aussagen von Lange hätte die Produktionsfirma META dann freie Redakteure und Producer gekauft, die letztlich die Kontrolle über das Format übernahmen. Die Arbeit mit ihnen beschreibt der Undercover-Journalist als "schwierig", einige von den Kollegen hätten vorher nicht im investigativen Bereich gearbeitet. "Ich nenne diese Leute immer ‚Sachbearbeiter‘, die von 10.00 - 18.30 Uhr Journalisten sind, am Wochenende frei haben und in der Zeit Freunden und Bekannten von ihrem spannenden Beruf erzählen."

Entsprechend versuchte er sich nach eigenen Angaben gegen diese Entwicklung zu wehren, erkannte aber alsbald, dass «Lange Undercover» nicht mehr sein, sondern ein META-Format geworden sei. Lange sei noch Namensgeber, Reporter vor der Kamera und somit Gesicht der Sendung, aber nicht mehr Autor, Texter und verantwortlicher Redakteur gewesen. An den nahezu täglichen Gesprächen mit dem Sender Sat.1 habe er nicht mehr teilgenommen. Ein Producer hätte ihm die Wünsche des Senders überbracht.

"Das hört sich erst mal sehr naiv an, aber letztlich wurde auch ganz deutlich klar, dass es um meine Existenz dabei ging. Und ich habe heute den Eindruck, dass damit ganz bewusst gespielt wurde. Wenn Sie in diesem Zeitfenster, in neun Monaten sechs 45 Minuten-Reportagen, gedreht in ganz Europa und mit schwierigster Thematik, arbeiten, dann müssen Sie auch überlegen, wie Sie Ihre Kräfte einsetzen. Wenn Sie mich ansehen, dann können Sie sich vielleicht vorstellen, welcher Druck wirken muss, um mich kleinzukriegen", erklärt der 39-Jährige.

Fehler? Ja! Aber auch lächerliche Behauptungen

Aktuell steht gegen den Reporter der Vorwurf absichtlich nachgedrehter Moderationen und das Übermitteln falscher Sachverhalte im Raum. Es heißt, Polizisten, die Lange in einer Reportage eigentlich abzuschütteln versuchte, seien vom Team extra gegen Bezahlung angeheuert worden. Zumindest Zweiteres stimme nicht, meint Lange. "Da tauchten plötzlich Behauptungen auf, die völlig aus der Luft gegriffen, völlig erfunden und lächerlich sind." Es stecke ein Plan eines anonymen Informanten dahinter, meint der 39-Jährige. "Menschlich bin ich daher von einigen Beteiligten schwer enttäuscht." Vollkommen vergessen werde laut Lange, dass trotz gemachter Fehler, wie der nachgedrehten Moderation, die Sendung ein aus seiner Sicht "tolles und einzigartiges" journalistisches Format sei. "Das ist eine Leistung, die nun so abgewertet wird und womit alles verpufft."

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Rückendeckung für den langjährigen Reporter gab es weder von der Produktionsfirma META und schon gar nicht von Sat.1. Einzig Ulrich Meyer fand in vorsichtigem Rahmen nette Worte, in dem er ihm das Attribut mutig zuschrieb. "Wie sollte er mich auch sonst nennen? Ich habe über zehn Jahre maßgeblich an der «akte» mitgearbeitet, diese Sendung war und ist ein Teil meines Lebens. In diesen Jahren war ich, der ewig hinter Kamera gearbeitet hat, der "Steigbügelhalter" mancher Kollegen. Ich war nur für die schwierigen Themen zuständig, oder eben da, wo mein Können und meine Fähigkeiten, mein sehr umfangreiches Netzwerk und meine Kontakte gefragt waren, aber eben lange aus dem Hintergrund", so der Reporter. Gestört habe ihn das nie, sagt er sachlich. Öffentliche Anerkennung habe er nicht ersehnt. Seine Beiträge aber seien es gewesen, die maßgeblich für eine Zweistelligkeit der Quoten der «akte» gesorgt hätten. "Das kann niemand leugnen", meint er.

Ulrich Meyer schätze er grundsätzlich auch heute noch sehr. "Ulrich Meyer war als Geschäftsführer lange Zeit mein direkter Arbeitgeber und unter seiner Führung war es für einen angestellten Journalisten sehr angenehm. Es war damals Platz für die notwendige Individualität der Redakteure und Reporter. Ein Chefredakteur, wie Michael Bockheim damals, hatte die Kontrolle und wusste, wie er seine einzelnen Reporter einsetzen muss. Journalisten, wie ich auch, sind oft schwierige Charaktere und letztlich müssen wir an der langen Leine laufen", meint der Reporter. Lange kam nicht direkt von der Polizei-Ausbildung zur «akte», sondern verdiente sich zunächst seine Brötchen als Straßenreporter im Print- und Fotobereich. Er gehörte zur seltenen und nicht sonderlich beliebten Gruppe der "Exklusiv-Story-Jäger" im Tagesgeschäft. Einem knallharten, wie Lange es nennt. Dann aber habe ihm META vor zehn Jahren ein Zuhause gegeben – und auch entsprechend Freiraum.

Und trotz lobender Worte für Meyer (aus Langes Mund kommen Bezeichnungen wie "brillanter Denker", "höchster Respekt" und "Vollblut-Journalist"), enttäuscht ist er auch von ihm. "Ich verstehe, dass es bei allen Äußerungen bzw. beim stillschweigenden Erdulden von Vorwürfen und unwahren Behauptungen, auch gegen meine Person, es in erster Linie um die Rettung seines Lebenswerks und um Arbeitsplätze geht, doch hätte ich mir in den letzten Tagen, bei diesen Genickbruch-Vorwürfen, schon eine klare Positionierung, was meinen Anteil an diesem groben Fehler angeht, gewünscht, ja, ich habe sogar darauf gehofft," sagt er nachdenklich, nicht ohne anzufügen, dass die META, die «akte» und viele dort immer in seinem Herzen bleiben würden.

Mit der Kündigung von Daniel Lange beginnt für den Investigativ-Journalisten in diesen Tagen nun ein anderes und neues Leben. "Unter solchen Bedingungen konnte ich dort nicht mehr arbeiten", auch weil es wohl einen Kollegen gäbe, der anonyme Mails schreibe und darin Unwahrheiten behaupte. Dass Lange nun einen Schlussstrich ziehen musste, bedauert er sehr, sagt der Reporter. Weil seine Frau und sein Sohn zuletzt, vor allem während der Undercover-Reportagen, ziemlich kurz gekommen seien, habe es nun höchste Priorität, genau das zu ändern. Er will sich nun an ein Buch setzen: "Mein Leben für die «akte»" soll es heißen, weshalb gerade eine Million Geschichten, Schicksale und Menschen an seinem geistigen Auge vorbeiziehen. Zudem will er mit einer "großen Produktionsfirma" eine Verfilmung eines vor einiger Zeit geschriebenen Buches realisieren. Zunächst einmal aber gilt es wohl das zu verarbeiten, was zuletzt auf ihn eingeprasselt ist.

Es ist ein Verarbeiten von Wut, Trauer, Enttäuschung und ein Schritt in ein neues Leben. Mutig, wie Ulrich Meyer es nannte. Sich öffentlich zur Produktionsphase von «Lange Undercover» zu äußern, endlich die eigene Sicht der Dinge zu sagen, könnte schon geholfen haben. Denn trotz oder gerade wegen der Verstrickungen einer großen TV-Produktion müsste eines eigentlich einleuchten: Ein Einzelner kann nur in ganz seltenen Fällen alleine für Fehler verantwortlich gemacht werden.
Magazin / Hintergrund / Schwerpunkt
13.06.2014 · 22:16 Uhr
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