Stromversorgung

Immer wieder Umspannwerke: Was ist da los?

04. September 2026, 21:14 Uhr · Quelle: dpa
Umspannwerk Dormagen
Foto: Bernd Thissen/dpa
Am Umspannwerk bei Dormagen entdeckte ein Spaziergänger einen verdächtigen Gegenstand.
Ein offener Schaltschrank, verdächtige Vorrichtungen, namentliche Bekennerschreiben – die Angriffe auf Umspannwerke häufen sich. Was das für die Sicherheit unseres Stromnetzes bedeutet.

Berlin (dpa) - Erst Jänschwalde und Bergheim, jetzt Dormagen und Weisweiler: Seit Wochenbeginn gibt es ständig Alarm wegen tatsächlicher oder vermuteter Sabotageversuche an Umspannwerken. Ein Überblick:

Welche Angriffe auf Umspannwerke gab es zuletzt?

Aktuell halten vor allem Sabotageversuche in Nordrhein-Westfalen die Ermittler auf Trab. Nachdem am Donnerstagabend ein Spaziergänger einen verdächtigen Gegenstand an einem Umspannwerk in Dormagen zwischen Köln und Düsseldorf entdeckt hatte, wird ermittelt. Die Polizei geht von einem Sabotagedelikt aus. Möglicherweise handle es sich bei dem Gegenstand um eine «verdächtige Abschussvorrichtung», sagte der Sprecher in der Nacht.

Am Kraftwerk Weisweiler bei Aachen und einem Umspannwerk in Eschweiler durchkämmte die Polizei am Freitag mit zahlreichen Kräften die Umgebung. In Bekennerschreiben war Weisweiler als weiterer Tatort genannt worden. Die Briefe sollen nach dpa-Informationen beide von einem Mann aus Gevelsberg bei Hagen stammen. Darin hatte der Mann die jüngsten Angriffe auf das Energienetz in Brandenburg und in Nordrhein-Westfalen für sich reklamiert.

Am Abend kam es bei einer Stromanlage in Hamm zu einem größeren Polizeieinsatz. Wie ein dpa-Reporter berichtete, kamen am Freitagabend zahlreiche Polizeiwagen zu dem Ort an einer Landstraße bei einem Waldstück. Es war auch ein Hubschrauber im Einsatz. 

Auch in Sachsen entdeckte die Polizei laut Innenminister Armin Schuster (CDU) «unbekannte Sprengvorrichtungen». Die Polizei habe an zwei Fundorten vier Objekte gesichert, so Schuster am Freitag. Hinweise darauf hätten sich aus einem Bekennerschreiben ergeben. Unmittelbar nach dessen Eingang seien schon am Donnerstag intensive Suchmaßnahmen eingeleitet worden. Man stimme sich eng mit allen weiteren betroffenen Ländern ab. Die Polizeidirektion Görlitz hatte einen Einsatz nördlich von Bautzen bestätigt.

In Niedersachsen sorgte ein offenstehender Schaltschrank bei einem Umspannwerk in Ganderkesee im Landkreis Oldenburg in der Nacht zu Freitag für Aufregung. Die Polizei war mit einem Hubschrauber und Hunden vor Ort. Warum der Wartungskasten geöffnet war, blieb zunächst unklar. Die Polizei prüfe, ob es einen Zusammenhang mit einer Straftat gebe, so die Sprecherin.

Am Dienstagmorgen hatten Unbekannte zunächst in Brandenburg in der Nähe des Umspannwerks Turnow-Preilack unweit des Kraftwerks Jänschwalde einen Angriff auf die Stromversorgung gestartet. Abends kam es dann zu einer Störung an einem Umspannwerk in Bergheim bei Köln.

In der Nähe beider Orte wurden nach Angaben der Behörden Abschussvorrichtungen und Pyrotechnik gefunden - in Brandenburg nach dpa-Informationen mehr als 20 Raketen. Ermittelt wird wegen verfassungsfeindlicher Sabotage. 

Was weiß man über den oder die Täter und die mögliche Motivation?

Sicher ist nichts. Es gebe im Kontext der anstehenden Wahlen in mehreren Bundesländern eine «Erwartung, dass dies zunehmen kann», sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums in Berlin mit Bezug auf die jüngsten Vorfälle.

Laut NRW-Innenminister Herbert Reul hat die Polizei in Niederzier bei Düren am Freitag das Fahrzeug des 48 Jahre alten Verdächtigen aus Gevelsberg gestürmt. Der Mann habe sich aber nicht in dem Wagen befunden. Vermutlich sei er zu Fuß geflohen. 

Das Fahrzeug des Verdächtigen habe im Wald gestanden, sagte der Leiter der Staatsschutz-Abteilung im nordrhein-westfälischen Innenministerium, Markus Gemünd. Jetzt werde es auf Spuren durchsucht. 

Zuvor hatte die Polizei in Gevelsberg ein Wohnhaus der Familie gestürmt, fand den Gesuchten dort aber nicht. Bei einer Pressekonferenz hatte Reul gesagt, in der Wohnung des Mannes sei Sprengstoff gefunden worden. Es habe sich um die Stoffe Kaliumnitrat und Kaliumperchlorat gehandelt, hießt es später ergänzend.

Laut Reul gibt es keine weiteren Indizien, dass der Mann besonders gefährlich sei. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) zufolge handelt es sich sehr wahrscheinlich um einen Einzeltäter und um «Klimaterrorismus». 

Reul zufolge gilt es nun zu prüfen, ob der Verfasser der Bekennerschreiben auch der Täter ist. Stand jetzt bewerte man die Briefe als authentisch. Reul warnte aber auch: «Wenn jemand seinen Namen druntersetzt, ist er nicht zwingend der Verantwortliche.» Man prüfe, ob der Mann allein gehandelt habe und ob es Verbindungen zu Vorfällen in Brandenburg gebe.

Denkbar ist auch, dass die unterschiedlichen Vorfälle auf verschiedene Täter mit jeweils eigenen Motiven zurückgehen. Auch Trittbrettfahrer sind vorstellbar.

Was verraten die Bekennerschreiben?

In der Vergangenheit hatten sich mehrfach linksextremistische Gruppen zu Anschlägen auf die Stromversorgung bekannt. Doch so lesen sich die Schreiben, über die zuerst die «taz» und die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» berichteten, nicht.

«Wenn hier Recht und Ordnung herrschten, dann müsste ich das Gesetz nicht brechen und einen Haufen Leid in Kauf nehmen, das ich wegen dem Stromausfall und allen Stromausfällen, die da noch kommen müssen, zu verantworten habe», heißt es in einem der Briefe. Linksextremisten sehen die staatliche Ordnung skeptisch oder lehnen sie ab. Zudem grenzt sich der Verfasser ausdrücklich von der linken Szene ab: «Die ham da nix mit zu tun.» Er wandte sich gegen die «fossile Brennstoffindustrie», die Rüstungsindustrie und kritisierte den «Völkermord in Palästina».

Zu Aktionen, die Behörden Russland zuschreiben, wie zuletzt den Anschlagsversuch mit einer Sprengstoff-Drohne auf dem Flughafen Leipzig/Halle, passt das namentlich unterzeichnete Schreiben nicht - denn zu ihnen bekennt sich normalerweise niemand.

Wie gut ist das Stromnetz geschützt?

Flächendeckender Schutz ist bei einem so verzweigten System wie dem Stromnetz nicht möglich, wie Betreiber und Behörden immer wieder betonen - ebenso wenig wie zum Beispiel beim Bahnnetz. Allenfalls besonders kritische Einrichtungen kann man verstärkt schützen.

«Einen hundertprozentigen Schutz wird es nicht geben», betont Kerstin Andreae, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Deshalb gehe es um Krisenreaktionsfähigkeit. «Neben der Gefahrenabwehr kommt es darauf an, Schäden nach einem Angriff zu begrenzen und insbesondere die Versorgung schnell wiederherstellen zu können.» Sie fordert unter anderem geringere Transparenz- und Veröffentlichungspflichten für kritische Infrastrukturen. 

Florian Steinke von der Technischen Universität Darmstadt meint, es sei wichtig, Material und Ersatzteile auf Lager zu halten. «Unter Umständen kann es sogar sinnvoll sein, neue Fabriken aufzubauen, zum Beispiel, um Transformatoren schnell produzieren zu können.» Die Frage sei allerdings, wer das und die Kosten für mehr Personal bezahle.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) betonte: «Die Energieversorgung in Deutschland ist sicher. Es kam zu keinen Ausfällen für einzelne Haushalte. Das zeigt, dass wir mit unseren hohen Sicherheitsstandards ein resilientes System aufgebaut haben.» Zugleich machen die Vorfälle laut der Ministerin deutlich, wie wichtig es ist, die Resilienz unserer Energieversorgung konsequent zu stärken. 

Wie groß ist das Stromnetz?

Der BDEW geht von knapp 250 Umspannwerken aus, mit denen Höchstspannung auf niedrigere Spannungsebenen umgespannt wird - und damit für den Transport über kürzere Distanzen. 

Für Hoch- und Mittelspannung gibt es demnach 8.600 Transformatoren, für die Umspannung auf Niederspannung rund 460.000 Transformatoren. Je weiter Strom transportiert werden soll, desto höher ist normalerweise die Spannung. Störungen an Höchstspannungsleitungen oder wichtigen Umspannwerken im Höchstspannungsnetz können daher großflächige Ausfälle auslösen.

Insgesamt habe das deutsche Stromleitungsnetz eine Länge von 1,94 Millionen Kilometern, davon rund 39.000 Kilometer im Höchstspannungsnetz und rund 95.700 Kilometer im Hochspannungsnetz, so der BDEW. Davon seien rund 11.500 Kilometer unterirdisch verlegt und rund 123.200 Kilometer als Freileitungen ausgelegt.

Energie / Kriminalität / Innere Sicherheit / Brandenburg / Nordrhein-Westfalen / Niedersachsen / Sachsen
04.09.2026 · 21:14 Uhr
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