«Innovation For All»

IFA-Flops: Von 3D-Brillen bis zu smarten Wasserkochern

04. September 2026, 06:00 Uhr · Quelle: dpa
IFA-Logo
Foto: Christoph Dernbach/dpa
IFA steht inzwischen für «Innovation for All». (Archivbild)
Viele Innovationen auf der IFA galten als Zukunftstrend – doch manche verschwanden schnell wieder. Welche Technik sich nicht durchsetzte und warum.

Berlin (dpa) - Es gab Zeiten, da saßen Familien mit klobigen Plastikbrillen auf der Couch, starrten auf flackernde Bildschirme und redeten sich ein, das sei jetzt der große Fortschritt. Schließlich war 3D-Fernsehen doch die ganz heiße Nummer auf der IFA in den Jahren 2009 und 2010. Doch so schnell der Trend ausgerufen wurde, so schnell verschwand er auch wieder. Zu den berühmten IFA-Flops gehören auch gekrümmte Bildschirme, Musikkassetten mit Digitalton oder interaktive CDs, auf die analoge Urlaubsfotos gebrannt wurden. 

Auf der IFA, deren nächste Ausgabe nun (4. bis 8. September) in Berlin über die Bühne geht, wurde all das mit gigantischem Budget als nächste Ära der Unterhaltungselektronik inszeniert. Manches war ingenieurtechnisch brillant. Manches schlicht überflüssig. Und manches kam genau an jenem Tag zur Welt, an dem die nächste Technologieepoche bereits anklopfte. Die IFA, die seit Jahren nicht mehr Internationale Funkausstellung heißen möchte, war in ihrer Geschichte immer wieder Bühne von echten Innovationen, wie das erste elektronische Fernsehen weltweit (1931), der UKW-Rundfunk (1950), die Compact Cassette (1963), das PAL-Farbfernsehen (1967) oder die CD (1981). Die IFA war aber immer auch eine große Bühne für Techniken, die kaum jemand haben wollte. 

Video 2000: Das Debakel eines Spezifikations-Siegers 

Die bitterste Niederlage einer IFA-Innovation ist mit dem Namen Video 2000 verbunden. Als Philips und Grundig das System 1979 in Berlin vorstellten, wähnten sich die Europäer im Wettlauf mit Betamax von Sony und VHS von JVC/Matsushita bereits am Ziel: Kassetten, die man wie Hörspielkassetten wenden konnte, acht Stunden Laufzeit, gestochen scharfe Standbilder. Doch der Kampf entschied sich nicht durch bessere technische Leistungsdaten, sondern in den Videotheken. JVC hatte sein VHS-System längst aggressiv lizenziert. Als Video 2000 endlich fehlerfrei lief, waren die Verleihregale voll mit VHS. Mitte der Achtzigerjahre war das System Geschichte - technisch überlegen, ökonomisch chancenlos. 

MP3 killt Digital-Cassette 

Ähnlich tragisch verlief das Schicksal der Digital Compact Cassette (DCC). Philips präsentierte das Format 1991 mit einem vermeintlich cleveren Versprechen: Digitalklang auf Band, abwärtskompatibel zur analogen Kassette im Handschuhfach. Doch während Philips noch an der Mechanik feilte, stand Sonys MiniDisc bereit. Wenige Jahre später fegte das in Deutschland entwickelte MP3-Format das gesamte Konzept physischer Audiomedien vom Tisch. Spätestens mit dem ersten iPod von Apple (2001) war dann auch die MiniDisc nur noch Geschichte. 

Als technologische Sackgasse erwies sich auch der Fernsehstandard D2-MAC, der 1985 auf der IFA in Berlin der Öffentlichkeit und dem Fachpublikum präsentiert wurde. Die europäische Fernsehnorm sollte ab Ende der 1980er Jahre analoges Breitbild im Kino-Format 16:9 salonfähig machen - ein milliardenschweres Prestigeprojekt. Doch während Brüssel noch Zwischenstandards debattierte, überholte die digitale Kompression das System links. 

Olympia und Fußball-EM können D2-MAC nicht retten 

Die Olympischen Sommerspiele in Barcelona 1992 und die Fußball-Europameisterschaft 1992 in Schweden wurden noch als internationales Schaufenster für die MAC-Technologie inszeniert. Doch der Siegeslauf des digitalen Fernsehens für Satellit, Kabel und terrestrische Antenne konnte auch von D2-MAC-Industriegrößen wie Philips, Thompson und Grundig nicht gestoppt werden. 

Auf vier Kanälen der Zeit voraus 

Während D2-MAC gegen überlegene Technik den Kürzeren zog, waren manche Konzepte, die auf der IFA präsentiert wurden, einfach ihrer Zeit voraus. Dazu gehört die Quadrophonie: Fast die gesamte HiFi-Industrie versuchte auf der IFA 1973 das Publikum davon zu überzeugen, dass das Stereo-Zeitalter durch eine Ära des Raumklangs abgelöst werden soll. Vier getrennte Kanäle versprachen den echten Rundum-Klang. Die Idee war richtig - Raumklang ist heute Standard. Doch Anfang der Siebzigerjahre bedeutete das: vier gigantische Lautsprecher im engen Wohnzimmer, unübersichtliche Formate und immense Kosten. Das Publikum streikte und blieb bei zwei Boxen. Heutzutage gelangt der Raumklang als «Spatial Audio» über Kopfhörer auf die Ohren der Musikliebhaber. 

Ein 3D-Kino-Erfolg führt die Branche in die Irre 

Vier Jahrzehnte später erlebte die Branche ihr Déjà-vu mit dem 3D-Fernsehen. Angefeuert vom Kinoerfolg Avatar rief die IFA 2010 das stereoskopische Zeitalter aus. Kein Stand ohne Shutter-Brillen, kein Prospekt ohne Tiefenwirkung. Doch für den Feierabend auf der Couch erwies sich das Konzept als Zumutung: flackernde Plastikbrillen, Kopfschmerzen und chronischer Mangel an Sendungen. Nach wenigen Jahren strichen die Hersteller die 3D-Monitore klammheimlich aus dem Programm. 

Noch kürzer währte das Gastspiel der Curved TVs. 2013 und 2014 bogen die Konzerne ihre Bildschirme im Halbkreis, um ein immersives Kinogefühl zu simulieren. Das Problem: Der Effekt funktionierte exakt an einem einzigen Punkt - genau mittig vor dem Gerät. Wer auf dem Sofa danebensaß, sah ein verzerrtes Bild. Zudem sahen die gebogenen Riesen an der Wand deplatziert aus. Die IFA hatte eine spektakuläre Lösung für ein Problem präsentiert, das nie existiert hatte. 

Silberscheiben-Flops 

Während der ein oder andere gebogene Bildschirm bis heute ein Wohnzimmer prägt, kann sich an das Multimedia-System CD-i (Compact Disc Interactive) von Philips (1991) kaum noch jemand erinnern. Als interaktive Schnittstelle für Spiele, Filme und Enzyklopädien auf dem Fernseher nahm das System das moderne Multimedia-Zeitalter vorweg. Doch die Hardware war zu schwach, die Software zu sperrig. Der PC und die ersten echten 3D-Konsolen übernahmen den Job. 

Bei Kodaks Photo-CD (IFA 1991) kippte das Fundament noch rasanter: Analoge Fotos im Fotolabor auf CD brennen zu lassen, schien schlüssig - bis die Digitalkamera den chemischen Film komplett eliminierte und Bilder direkt als Datei auf Festplatten landeten.

Auch «weiße Ware» kann scheitern 

Seit 2008 zeigt die IFA offiziell auch «weiße Ware», also Haushaltsgeräte wie Waschmaschinen, Backöfen und Kaffeemaschinen. Auch hier gab es etliche spektakuläre Fehleinschätzungen, Technik-Gimmicks, die später kaum jemand haben wollte, sowie veritable Marktflops. 

Bei der klassischen Unterhaltungselektronik haben oft Standardkriege darüber entschieden, welche Innovation sich durchsetzt. Bei der weißen Ware gab es vor allem zwei Gründe, warum bestimmte Konzepte in der Realität scheiterten. Zum einen floppten bestimmte Innovationen bei der weißen Ware an der Diskrepanz zwischen Lebensdauer und Digitalisierung. Niemand möchte eine 1.000 Euro teure Waschmaschine nach 5 Jahren ersetzen, nur weil der Server für die Steuerungs-App abgeschaltet wurde. Außerdem war es vielen Verbrauchern unheimlich, einem Elektrogerät das Bestellen von Nachschub zu überlassen. Sei es der Kühlschrank, der die Milch nachbestellt oder die Waschmaschine, die mit dem Dashbutton von Amazon das Waschmittel ordert. 

Umständliche Frickellösung ohne Mehrwert 

Manche IFA-Innovationen erwiesen sich aber auch als umständliche Frickellösungen für Freaks. Dazu gehören etwa Wasserkocher und Toaster, die über das Smartphone ferngesteuert werden. Wasser einfüllen oder die Brotscheiben einlegen musste der Nutzer ohnehin manuell an dem Gerät. Die App brachte keinerlei Zeitersparnis, verlangte aber eine zusätzliche Einrichtung am Smartphone. 

Manche Lösungen, um das Zuhause bequemer zu machen, erwiesen sich aber auch als schlicht zu teuer. So waren auf der IFA ab 2017 immer wieder Dampfschränke und automatisierte Bügelmaschinen zu sehen. Das Versprechen lautete: Knitterige Hemden und Anzüge muss man nur in den Schrank hängen, einen Knopf drücken und alles dämpft und glättet sich von fast alleine. Die Geräte waren allerdings so groß wie ein zweiter Kühlschrank, verbrauchten viel Strom und kosteten bis zu 2.500 Euro. So blieben sie ein teures Nischenprodukt.

Messen / Elektronik / Telekommunikation / Informationstechnologie / IFA / Video 2000 / 3D-Fernsehen
04.09.2026 · 06:00 Uhr
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