I Know This Much Is True: Mark Ruffalo in den Rollen seines Lebens

Bild: Quotenmeter
Die neue HBO-Miniserie besticht durch ihre Empfindsamkeit und Sentimentalität, und scheut dabei doch nicht vor emotionalen Zumutungen zurück. Besonders stark: Mark Ruffalo in einer anspruchsvollen Doppelrolle.

Anders als Filme dürfen Serien sich Zeit lassen, und ein Filmemacher, der sich diesen Raum wirklich zunutze machen will, um besonders tief in das Seelenleben seiner Figuren vorzudringen und ein besonders komplexes Dilemma vorzustellen oder einen außergewöhnlich weiten Winkel auf die Lebensrealität seiner Charaktere zu werfen, ist mit sechs Folgen und sechs Stunden Nettosendezeit auf dem Bildschirm vielleicht besser bedient als mit drei Stunden auf der großen Leinwand, nach denen dem Zuschauer im abgesessenen Kinosessel der Hintern juckt.

Erschreckend viele Hochglanz-Serien machen daraus jedoch nicht sonderlich viel: Allein die Etablierung der Grundkonflikte nimmt locker die erste Stunde Sendezeit in Anspruch, sie verlieren sich in Anspielungen auf bedeutsamere Themen, die erst weit später im Plotverlauf ihre eigentliche Relevanz entfalten werden, und will man nach sechzig Minuten eines durchschnittlichen US-Cable- oder Streaming-Piloten die Essenz des Stoffes in einem Satz zusammenfassen, täte man sich bei gut der Hälfte von ihnen ziemlich schwer. Nicht immer liegt das an ihrer großen Komplexität, sondern mitunter auch an einer konzentrationsarmen Schwammigkeit. „Wir haben ja Zeit.“

Auch I Know This Much Is True lässt sich Zeit, springt schon in den ersten Minuten durch drei Zeitebenen, etabliert nur langsam, entlang ziemlich schräger Begebenheiten, sein eigentliches Setting. Doch was anderswo leidige Zuschauerpflichterfüllung ist, um sich in eine Serie hineinzuarbeiten, fesselt hier von der ersten Minute an: die Geschichte eines Zwillingsbrüderpaares durch die Jahrzehnte. Geboren wurden Dominick und Thomas Birdsey respektive am 31. Dezember 1949 und 1. Januar 1950: Bei einem wird bald paranoide Schizophrenie diagnostiziert, und über die Jahre zieht er sich immer weiter in seine Krankheit zurück, bis sein Bruder im Erwachsenenalter die meiste Zeit damit beschäftigt ist, ihn von der einen psychiatrischen Klinik in die andere verlegen zu lassen.

Die Serie beginnt dabei mit einem besonders schockierenden Motiv: Diffuse religiöse Verse murmelnd trennt sich der Geisteskranke in einer öffentlichen Bibliothek die Hand ab, als Opfer für Gott und die Menschen. Vignettenhaft folgt nun sechs Folgen lang eine intensive psychologische Betrachtung, die assoziativ, aber erzählerisch stringent quer durch alle Zeitebenen bedeutsame Lebensepisoden der Beiden aneinanderreiht und gleichzeitig mit einem dynamischen, übergeordneten Erzählstrang vermengt.

Und während I Know This Much Is True von den erschütternden Momenten einer solchen Krankheit nicht die Augen verschließen will und bereit ist, sie in all ihrer Fahrigkeit, Gewalt und all ihrem Ekel darzustellen, ist der bestimmende Ton ein ganz anderer: Auch unter den ambitionierten Fernsehserien gibt es nur wenige, die ihren Figuren eine solche Empfindsamkeit und Sentimentalität entgegenbringen, ohne ihre Lebensläufe und Schicksale zu verklären oder mit aufgesetztem Optimismus zu verunstalten.

Derweil verwehrt sich die Serie konsequent, ihre narrative Diskontinuität durch einen seichten Überbau zu erklären: I Know This Much Is True geht nicht von einer Lebensrückschau seiner Hauptfigur aus, sondern bleibt in einer für sie konfusen Sinnsuche verhaftet, über zwei Männer, die das Schicksal aneinander gekettet hat, und die Mark Ruffalo – in den Rollen seines Lebens – mit erstaunlichem spielerischem Feingefühl anlegt.

Die Serie ist bei Sky abrufbar.
Meinungen / TV-Kritik / First Look
03.06.2020 · 12:19 Uhr
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