«Hunters»: Hut ab, Amazon!

Für Hunters hat Amazon wahrlich nicht gekleckert. Die gesamte Ausstattung führt die Zuschauer zurück ins Jahr 1977. Die Hauptrolle der Serie spielt Al Pacino. Das alles sieht edel aus. Aber lohnt es sich auch?

Nach welchen Kriterien kaufen Amazon, Netflix und Konsorten Serienkonzepte ein? Ein Irrglaube besagt, dass es um die Geschichten gehe. Natürlich ist dies nicht falsch. Eine Geschichte muss packen, sie muss ein Publikum erreichen, das bereit ist, die Serie anzuklicken und zu schauen. Dennoch ist dies nur ein Teil der Wahrheit. Tatsächlich sind es die Talente, die die Streaminggiganten interessieren. Talente im Sinne von Namen. Man schaue einmal auf die deutschen Serienmacher im Auftrag von Netflix. Baran bo Odar («Dark»), Christian Alvart («Dogs of Berlin»), Dennis Gansel («Die Welle»). All diese Herren haben nicht nur in Deutschland erfolgreich Publikumsfilme gedreht, sie alle haben auch ihre Hollywooderfahrungen. Sie sind Erzähler, Filmemacher und Handwerker. Sie kennen das Geschäft und wenn man sie bezüglich eines möglichen Interesses an einer Streaming-Serie anspricht, weiß man als Sender – die kommen nicht mit einem Bauchnabel bepinselnden Selbstfindungsdrama an, in dem sie ihre Traumata eines abgebrochenen Philosophiestudiums verarbeiten. Nein, es ist vielmehr ein Geben und Nehmen. Netflix und Co. nehmen ihre Erfahrungen, ihre Können, ihre Ideen. Dafür geben sie ihnen anständige Budgets und kreative Freiheiten, die ihnen andere Medien verweigern. Tatsächlich lohnt sich ein Blick auf die Namen der Showrunner, Macher, Creators, Produzenten all der vielen schönen Serien, die die Streaming-Dienste ihren Zuschauern kredenzen. Selten findet man dort Namen aus der zweiten oder dritten Reihe. Selten aber heißt – unmöglich ist es nicht. Und Hunters ist eine solche Ausnahme, denn ihr Creator, David Weil, hatte bis zu dem Tag, an dem Amazon die erste Staffel der Serie hochgeladen hat – nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag.

Der unbekannte Macher

Moment einmal: Ist Hunters nicht von Jordan Peele, der nach seinen Erfolgen mit Get Out und Wir auf mit Rosenblättern bestreuten Wegen in Hollywood wandelt und wahrscheinlich zurzeit alles verkauft bekäme, was er einem Studio anbieten würde – weil sein Name die Lizenz zum Gelddrucken bedeutet? Jein. Ja, Amazon Prime wirbt natürlich mit seinem Namen. Er hat die Serie mit seiner Produktionsfirma umgesetzt und damit hat er natürlich einen maßgeblichen Einfluss auf die Serie ausgeübt. Doch er ist eben nicht ihr Macher. Das ist David Weil, der als Schauspieler gerade einmal eine Handvoll Filmrollen (in Independent-Filmen) vorweisen kann – plus einer kleinen Gastrolle in einigen Episoden der Endlos-Soap Schatten der Leidenschaft. Das war es. Eigentlich ist er studierter Politikwissenschaftler. Und offenbar hat er bislang sein Geld vorwiegend mit akademischer Arbeit verdient. Das Schreiben selbst hat er sich selbst beigebracht.

Dennoch ist es ihm gelungen, Amazon Prime ein Projekt zu verkaufen, für das der Streamingdienst seine Brieftaschen freundlich geöffnet hat. Inklusive einem – offenbar – nicht zu unterschätzenden Mitspracherecht bezüglich der kreativen Gestaltung. Und unterm Strich muss man als Serienfan den Hut vor Amazon ziehen. Das, was der Streaming-Gigant hier produziert hat, ist schon – zumindest bezogen auf die ersten fünf Episoden, die zur Besprechung bereitstanden – erstaunlich.

Die Handlung

Jonah ist 19 und weiß mit seinem Leben nicht wirklich etwas anzufangen. Es ist 1977 und die Welt hat auf den Jungen aus New York nicht gewartet. Jonah ist ein Waisenkind. Aufgewachsen bei seiner Großmutter, arbeitet er in einem Comicladen. Seine Großmutter, eine Überlebende des Holocaust, glaubt jedoch an sein Talent. Jonah kann Sachverhalte, Zahlen, Zeichen miteinander in Verbindung setzen und daraus Schlüsse ziehen. Er besitzt ein überdurchschnittlich ausgeprägtes analytisches Verständnis. Aber was soll er damit anfangen? So lebt er in den Tag hinein, hängt mit seinen Freunden ab, ist dem Kiffen nicht gänzlich abgeneigt und verkauft auch – Hasch? Nun, es wird nicht direkt gesagt, aber es sind keine der harten Drogen und 1977 ist dies noch eine Lässlichkeit in New York.

Sein altes Leben endet mit einem Schuss in der Nacht, in der seine Großmutter ermordet wird. Ist der Fall für die Polizei ein tragisches Raubmord-Delikt, ist sich Jonah sicher, dass seine Großmutter kein Zufallsopfer gewesen ist. Als er dann auch noch in den Unterlagen seiner Großmutter nicht nur Briefe findet, in denen sie über ihr Leben in Auschwitz berichtet – sondern (gut versteckt) auch noch einen Dolch, keimt in ihm der Verdacht auf, dass seine Großmutter ein Geheimnis vor ihm versteckt hat. Ein Geheimnis, das in Person von Meyer Offerman (Al Pacino) in sein Leben tritt. Meyer Offerman offenbart sich nicht nur als ein unglaublich reicher Geschäftsmann, der aus einer Welt zu stammen scheint, die so weit weg von Jonahs Welt ist, wie eine Welt nur weit weg sein kann: Meyer ist auch Finanzier und Anführer einer Gruppe von Vigilanten, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, hochrangige Nazis aufzuspüren und denen den Prozess zu machen. Nazis, die nach dem Krieg in den USA untertauchen konnten und teils sogar geachtete Leben führen. Wie eine Raketentechnikerin in Cape Canaveral, die Meyers Truppe bereits in eine Falle gelockt und vergast (!) hat.

Überraschender Bruch

Hunters beginnt mit einem 90-minütigem Spielfilm, dessen Prolog bereits klarmacht, dass in dieser Serie alles möglich sein wird. Es gibt keine Tabus, keine freundliche Zurückhaltung. In diesem Prolog lädt Biff Simpson (schmierig-genial: Dylan Baker) zu einem kleinen Grillfest ein. Biff ist Kongressabgeordneter. Doch die neue Freundin seines persönlichen Sekretärs erkennt in ihm einen SS-Mann aus Auschwitz. Sie schreit, sie fordert die Anwesenden auf, die Polizei zu rufen. Doch das wird nicht geschehen. Denn Biff ist vorbereitet. Unter dem Grill hat er eine Waffe versteckt. Für den Notfall. Der eintritt. Und Biff handeln lässt. Er tötet alle Anwesenden. Inklusive seiner Ehefrau und seiner drei Kinder. Seine Tarnung muss gewahrt bleiben. Egal, was passiert.

Die unfassbare Brutalität seines Handelns steht in einem krassen Gegensatz zum Leben von Jonah, das nun – bevor auch sein Leben aus den Fugen gerät – in den Mittelpunkt gestellt wird. Jonah ist in der Darstellung von Hauptdarsteller Logan Lerman einfach ein netter, harmloser Typ, der Comics liebt, der seine Freunde liebt und ja, der nicht weiß, wohin sich sein Leben bewegt. Er hatte es halt nicht einfach als Kind ohne Eltern. Aber Jonah ist einfach das, was man nett nennt. Der nette Typ von nebenan, von dem man weiß: Der tut niemanden was.

Um so heftiger treffen ihn der Tod der Großmutter und die Geheimnisse ihres Lebens. Wozu auch ihr Leben in Deutschland zählt, ihre Jahre im Konzentrationslager, von denen sie Jonah nie etwas erzählt hat, um ihn nicht mit ihren Erinnerungen zu belasten. Und nun steht er mitten drin in diesem Leben. Sein gesamtes altes Leben endet. Doch wohin führt ihn sein neues?

Der Pilotfilm ist eine grandiose Mischung aus Drama und verdammt brutalem Thriller. In vielen Momenten erinnert dieser Film an den Klassiker Der Marathon-Mann. Seinerzeit war es der junge Dustin Hoffman, der keine davon Ahnung hat, dass sein Filmbruder als Kurier für Diamantenschmuggler arbeitet und der – nach dessen Ermordung – plötzlich im Visier eines KZ-Arztes steht. Der Marathon-Mann entstand 1976 und spielt ebenfalls in New York. Wenn der besagte Arzt gezwungen ist, sein südamerikanisches Exil in Paraguay zu verlassen und nach New York zu reisen, sind Parallelen zu «Hunters» nicht zu übersehen. Auch im Marathon-Mann sehen sich Überlebende plötzlich mit ihrem Folterer konfrontiert, auch in John Schlesingers Thriller-Klassiker scheinen Polizei und andere Ermittlungsbehörden seltsam abwesend.

Um so härter wirkt der Bruch zur zweiten Episode. Statt den Weg des Thrillers fortzuführen, lernt Jonah nun die Vigilantentruppe von Meyer kennen – und das in Form von Trailern zu 70-er-Jahrefilmen. Für die dunkelhäutige Carol (Ebony Obsidian) ist dies im Stil eines Blaxploitation-Krachers gehalten, für Murray und Mindy (Saul Rubinek und Carol Kane), einem freundlichen älteren Ehepaar, von dem niemand auch nur im Entferntesten daran denken würde, dass sie Killer sind, darf es ein bisschen Bonnie & Clyde sein. Der Ton der Serie schaltet um von düster und dunkel auf hell, ja sogar eine Saturday-Night-Musical-Nummer steht noch auf dem Programm. Was? Zur? Hölle?

Die Kunst der Inszenierung besteht nun darin, diese absurden Momente doch wieder mit Würde in die Rahmenhandlung zu integrieren. Das, was wir sehen, ist das, was Jonah in diesen Momenten sieht. Jonah, der Comicfan. Der irgendwie versucht, die Realität, mit der er sich plötzlich konfrontiert sieht, in Bilder zu fassen, die er verarbeiten kann. Die Anspielungen auf bekannte Comichelden zieht sich eh durch die gesamte Serie. Jonah ist ein Peter-Parker-Typ. Meyer ist eine gealterte Version von Bruce Wayne, der über Ressourcen verfügt, welche es überhaupt erst möglich machen, Rache üben zu können, ohne der Polizei in die Arme zu laufen.

Parallelhandlung

In einer parallelen Handlung versucht die FBI-Agentin Millie Morris (Jerrika Hinton) den Tod der Raketentechnikerin aufzuklären. Millie ist eine Außenseiterin. Sie ist dunkelhäutig und eine Frau – beim FBI 1977. Außerdem verbirgt sie vor ihren Eltern, dass sie mit einer Frau zusammenlebt. Gerade ihre Außenseiterposition und ein Geheimnis, das es im Jahr 1977 zu bewahren gilt, haben ihre Alarmantenne fein justiert. Dass die Technikern als junge Frau eine glühende Nationalsozialistin war mit Beziehungen in höchste Etagen, das ermittelt Millie in wenigen Stunden. Wenn sie jedoch nur Stunden braucht, um dies herauszufinden, ist es unwahrscheinlich, dass sonst niemand von ihrem Vorleben gewusst hat. Dennoch scheint sich niemand für ihr Ableben sonderlich zu interessieren.

Den Vigilanten steht schließlich eine Vereinigung von untergetauchten Nazischergen und Neonazis gegenüber, die etwas planen und sich durch Meyers Truppe gestört fühlt, denn ohne es zu wissen ist Meyers Truppe in deren Planungen gegrätscht.

Guckempfehlung

«Hunters» ist eine harte Serie, die sich gerade am Anfang überraschend viel Zeit lässt, ihre Geschichte zu erzählen. Sie kreiert tolle Hauptfiguren, die allesamt eben nicht die Klischeefiguren darstellen, die Jonah in ihnen sieht. Sie alle haben ihre Gründe für das, was sie tun. Das alles ist in stilvolle Bilder verpackt, die mit großer Akkuratesse das Jahr 1977 wieder auferstehen lassen – auch, da sie darauf verzichten, die Zeit zu sehr zu glorifizieren oder gar abzufeiern. Alle Bilder wirken vollkommen natürlich, wie Fotografien der Zeit – wenngleich auf HD hochgerechnet. Dass Amazon die Serie selbst als eine Art Comic-Verfilmung verkauft, zeugt davon, dass man der Serie und ihren erzählerischen Stärken offenbar nicht wirklich vertraut. Oder darin den besseren Ansatz für eine Vermarktung sieht. Schade eigentlich, denn natürlich hat die Serie, wie erwähnt, einige Anleihen an bekannte Comicfiguren. Dennoch findet sie ihren ganz eigenen Weg, ihre Geschichte zu erzählen. Daher: Absolute Guckempfehlung. Und den Namen David Weil sollte man sich notieren. Der Mann hat Potenzial!

«Hunters»: Ab dem 21. Februar 2020 auf Amazon Prime.

Meinungen / TV-Kritik / First Look
21.02.2020 · 08:00 Uhr
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