Konflikte

Humanitäre Helfer riskieren in Krisengebieten ihr Leben

18. August 2026, 12:32 Uhr · Quelle: dpa
Flüchtlingslager Aboutengué im Tschad
Foto: Eva Krafczyk/dpa
Auf dem Gelände eines Lagers für Flüchtlinge aus dem Sudan im Osten des Tschads stehen die Logos von Hilfsorganisationen, die dort im Einsatz sind. (Archivbild)
Am Welttag der humanitären Hilfe wird an die Menschen erinnert, die Armut und Hunger bekämpfen aber auch in Krisengebieten Flüchtlingen helfen. Ihre Arbeit wird zunehmend gefährlicher.

Nairobi/Kairo (dpa) - Humanitäre Helfer arbeiten dort, wo die Not am größten ist - in Gebieten, in denen Erdbeben gewütet haben oder Kriege toben. Der Welttag der humanitären Hilfe am Mittwoch erinnert an die Menschen, die gegen Hunger, Armut und Ungleichheit im Einsatz sind. Oft brauchen sie nicht nur Fachwissen und Idealismus, sondern auch Mut: In Krisen- und Konfliktgebieten werden Helfer selbst Opfer von Angriffen.

Keiner weiß, was morgen ist

Wenn Mona Mahadi von der Kinderrechtsorganisation Plan International im sudanesischen Bundesstaat Nord Kordofan unterwegs ist, hat sie doppelt Sorge: Wird sie ihr Ziel sicher erreichen, oder macht ein Drohnenangriff den Weg in ein Flüchtlingslager oder in eine Dorfgemeinschaft unmöglich? Und: Bleiben ihr Ehemann, ihre Eltern, ihre Schwestern von Angriffen verschont? Nord Kordofan ist derzeit eines der Zentren in dem seit bald dreieinhalb Jahren andauernden Bürgerkrieg im Sudan.

Für das Mitarbeiterteam hat die stets präsente Gefahr Auswirkungen. «Wenn wir uns am Ende des Tages verabschieden, wenn wir "Auf Wiedersehen" sagen, tun wir das so, als würden wir uns morgen nicht wiedersehen», erzählt Mahadi. Die junge Sudanesin hat selbst mehrere Angehörige und eine Kollegin bei Drohnenangriffen verloren.

Zwischen Risiko und dem Wunsch zu helfen

Für internationale humanitäre Helfer ist das Land eine «non-family station» - zu gefährlich, um dorthin mit den Angehörigen zu ziehen. Für die einheimischen Helfer ist eine Evakuierung im Notfall keine Lösung, sie haben hier ihre Familien. «Ende Mai, im ganzen Juni und Anfang Juli hatten wir Drohnenangriffe fast rund um die Uhr, jetzt ist es etwas besser, Alhamdulillah (Gott sei Dank)», sagt Mahadi, die als Lehrerin tätig war, ehe sie sich 2022 entschloss, als humanitäre Helferin für Kinder- und Mädchenrechte zu arbeiten.

Oft schon habe sie sich gefragt, ob es sich lohne, ihr Leben bei der Arbeit zu riskieren, gibt sie zu. «Aber wenn ich an die wertvolle Arbeit denke, die wir leisten, bin ich einfach nur dankbar. Ich habe das Gefühl, dass ich etwas tue, etwas Gutes für Menschen, die die Unterstützung und Hilfe von uns, unseren humanitären Helfern, brauchen.»

Lokale Helfer teilen das Schicksal der Menschen vor Ort 

Akram Abu Schawisch, der bei einer Stiftung in Chan Junis im Gazastreifen arbeitet, kann dieses Gefühl gut nachvollziehen. «Wir arbeiten in einem Umfeld, in dem sich die Lage innerhalb von Minuten ändern kann», sagt er zur Situation lokaler humanitärer Helfer. Im Gaza-Krieg hat der dreifache Vater sein Haus und mehrere Angehörige verloren. «Wenn ich also eine Familie treffe, die ihr Zuhause oder einen Angehörigen verloren hat, verstehe ich ihren Schmerz, weil ich einen Teil dieses Schmerzes selbst erlebt habe. Wir leben unter denselben Bedingungen wie die Menschen, denen wir helfen.»

«Manchmal haben wir das Gefühl, dass wir bei Weitem nicht so viel leisten können, wie die Menschen brauchen», bedauert Schawisch. «Doch wenn die Hilfe eine Familie erreicht und man die Auswirkungen in ihren Gesichtern sieht, spürt man, dass diese Arbeit Sinn hat.»

«Kinder sind einer der Hauptgründe, warum wir weitermachen», erklärt der ursprünglich aus Rafah stammende Helfer Atija Schaath, der selbst vertrieben wurde und nun in Chan Junis lebt. «Wenn man ein Kind sieht, das sein Zuhause verloren hat oder vertrieben wurde und psychologische und soziale Unterstützung braucht, spürt man den Drang, etwas für es zu tun. Wir können den Krieg nicht beenden oder alles Verlorene wiederherstellen, aber wir können den Menschen einen Moment der Unterstützung schenken, einen sicheren Ort bieten oder ihnen helfen, ihr Leid zu lindern.»

Weiße Flagge und Logo der Hilfsorganisation sind kein Schutz mehr

«Früher reichte oft eine weiße Flagge am Fahrzeug aus, um in Ortschaften zu gelangen - auch dort, wo Kämpfer präsent waren oder das Militär Bombenangriffe flog», sagt Unni Krishna, Globaler Humanitärer Direktor bei Plan International in London. Als Arzt war er selbst für Hilfsorganisationen im humanitären Einsatz. «Das hat sich dramatisch geändert.» Während ein Logo des Roten Kreuzes oder einer Hilfsorganisation am Fahrzeug früher die Helfer schützten, reiche das nun nicht mehr aus. «Helfer werden nun selbst zur Zielscheibe.» 

Denn es seien oft die Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, die Zeugen von Kriegsverbrechen werden, die Berichte über sexuelle Gewalt und Menschenrechtsverbrechen an die internationale Öffentlichkeit bringen.

Immense Risiken für Helfer und deren Familien

Der Sudan gehört zu den gefährlichsten Einsatzländern für humanitäre Helfer. Mehr als 130 von ihnen sind seit Beginn des Bürgerkriegs getötet worden. «Wir wollen keine Helden sein. Wir wollen einfach nur unsere Arbeit sicher verrichten», sagt Francesco Lanino, stellvertretender Landesdirektor von Save the Children im Sudan. Doch für diese Sicherheit gibt es immer öfter keine Garantien.

Als im vergangenen Jahr die Stadt Al-Faschir von der Miliz RSF eingenommen wurde, seien auch mehrere Mitarbeiter der Welthungerhilfe unmittelbar betroffen gewesen, berichtet Denis Drichi, Nothilfekoordinator der Hilfsorganisation im Sudan. «Ein Kollege aus dem Logistikteam wurde während der Kämpfe in Al-Faschir festgenommen und nach etwa einer Woche Gefangenschaft wieder freigelassen», erzählt Drichi. Ein anderer Kollege kam ums Leben. «Er hinterließ seine Frau und seine kleine Tochter und war der Hauptverdiener seiner Großfamilie», sagt Drichi. «Sein Verlust war nicht nur eine tiefe persönliche Tragödie, sondern auch ein verheerender Schlag für all jene, die für ihren Lebensunterhalt und ihre Unterstützung auf ihn angewiesen waren.»

Mehr als tausend humanitäre Helfer in drei Jahren weltweit getötet

In der Datenbank zur Sicherheit humanitärer Helfer werden für das laufende Jahr bislang 133 schwerwiegende Angriffe auf humanitäre Helfer verzeichnet - tödliche Zwischenfälle ebenso wie Entführungen oder Verletzte bei Luftangriffen. Als besonders gefährliche Einsatzgebiete wurden der Gazastreifen und Sudan genannt, gefolgt von der Demokratischen Republik Kongo, Südsudan und der Ukraine.

Tom Fletcher, Direktor der UN-Nothilfeorganisation OCHA, wies im April vor dem UN-Sicherheitsrat darauf hin, dass in den vergangenen Jahren mehr als tausend humanitäre Helfer getötet worden seien, darunter waren allein im vergangenen Jahr 326 Menschen in 21 Ländern. «Sie wurden getötet, während sie Nahrungsmittel, Wasser, Medikamente und Unterkünfte verteilten. Sie starben in deutlich gekennzeichneten Konvois und bei Einsätzen, die direkt mit den Behörden koordiniert wurden. Und allzu oft wurden sie von Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen getötet.»

Konflikte / Hilfsorganisation / UN / Sudan / Palästinensische Gebiete / Südsudan / Demokratische Republik Kongo / Ukraine
18.08.2026 · 12:32 Uhr
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