Holocaust-Überlebender warnt im Bundestag vor Nationalismus

31. Januar 2019, 23:07 Uhr · Quelle: dpa

Berlin (dpa) - Der Holocaust-Überlebende Saul Friedländer hat vor weltweit aufkeimenden autoritären Tendenzen gewarnt.

«Antisemitismus ist nur eine der Geißeln, von denen jetzt eine Nation nach der anderen schleichend befallen wird», sagte der 86-jährige israelische Historiker in Berlin vor dem Bundestag. Deutschland, das sich seit dem Krieg gewandelt habe, müsse sich dem entgegenstellen, forderte Friedländer anlässlich einer Gedenkstunde zur Befreiung des deutschen Konzentrationslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen am 27. Januar 1945.

Friedländer warnte vor Judenhass und «alten und neuen Verschwörungstheorien», die vor allem bei Rechtsradikalen populär seien. Linke hingegen versteckten ihren Vorbehalte hinter überzogener Kritik am Staat Israel. «Selbstverständlich ist es legitim, die israelische Regierung zu kritisieren», sagte Friedländer. «Aber die schiere Heftigkeit und das Ausmaß der Angriffe sind schlicht absurd und enthalten den Beigeschmack eines notdürftig verhüllten Antisemitismus.»

Auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) mahnte zur Wachsamkeit: «Es beschämt uns, dass Juden wieder mit dem Gedanken spielen auszuwandern, weil sie sich in unserem Land nicht sicher fühlen», sagte er. «Aber Scham allein reicht nicht.» Die Menschen müssten Diskriminierungen auch im Alltag entgegentreten. Ausdrücklich erinnerte Schäuble daran, dass auch 1,5 Millionen Kinder damals getötet wurden. Jedes vierte Opfer des «nationalsozialistischen Rassenwahns» sei ein Kind gewesen, von den Eltern getrennt, manchmal noch für medizinische Experimente gequält. «Sie hatten die geringsten Chancen zu entkommen.»

Friedländer entkam, und aus dem hoch geehrten, schlohweißen Historiker spricht auch heute noch die Qual des Jungen, der er vor mehr als sieben Jahrzehnten war. Seine Eltern, die aus Tschechien nach Frankreich geflohen waren, brachten ihn dort in einem katholischen Internat unter. Als er ausriss, schickten sie ihn zurück. «Was ging wohl in ihnen vor als sie sahen, wie ihr kleiner Junge, der sich mit Händen und Füßen wehrte, weil er bei ihnen bleiben wollte, aus ihrem Zimmer entfernt wurde? Es war unsere letzte Begegnung.»

Das Kind mitzunehmen auf ihrer Flucht in die Schweiz im September 1942 schien Vater und Mutter zu gefährlich. Die Schweizer Grenzpolizei verhaftete sie - und schickte die Eltern zurück nach Frankreich, von wo sie nach Auschwitz deportiert und ermordet wurden. Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt hätten die Schweizer Paare mit kleinen Kindern aufgenommen, berichtet Friedländer. «Wäre ich dabei gewesen, hätten wir wahrscheinlich in der Schweiz bleiben dürfen. In jenen Tagen waren für Juden rationale Entscheidungen sinnlos.»

Friedländer, dessen Rede mehrfach von Applaus unterbrochen wurde, schloss mit einer Erinnerung an den Widerstandskämpfer Hans von Dohnanyi. Auf die Frage nach seinen Beweggründen habe von Dohnanyi, der verhaftet und noch kurz vor Kriegsende von den Nazis getötet wurde, gesagt: «Es war einfach der zwangsläufige Gang eines anständigen Menschen.»

Die Nationalsozialisten wollten die europäischen Juden systematisch ermorden. Ihrem Rassenwahn fielen nach Erkenntnissen der Forschung rund sechs Millionen Juden zum Opfer. Sie wurden ermordet durch Vergasung, Erschießung, Injektionen, medizinische Versuche oder durch gezieltes Verhungernlassen. Den Nazi-Verbrechen fielen auch Hunderttausende Sinti und Roma zum Opfer sowie Behinderte, Homosexuelle und Regimegegner. Millionen Menschen wurden als Zwangsarbeiter verschleppt. Der großangelegte Judenmord begann mit Erschießungen Tausender Menschen nach dem Angriff des Deutschen Reiches auf Polen 1939. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 stiegen die Opferzahlen sprunghaft an. Um mehr Menschen möglichst schnell töten zu können, bauten die Deutschen große Vernichtungslager mit Gaskammern. Nach der NS-Rassenideologie galten nicht nur Juden sowie Sinti und Roma als «minderwertig», sondern die slawischen Völker insgesamt, vor allem Russen und Polen. Auch die Zeugen Jehovas wurden verfolgt.

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31.01.2019 · 23:07 Uhr
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