Musik-Demo in Berlin

Hitzeschlacht im Techno-Takt: Parade gegen Terrorangst

15. August 2026, 23:11 Uhr · Quelle: dpa
Demonstration
Foto: Christophe Gateau/dpa
Die Techno-Parade «Rave The Planet» findet zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule statt.
Vor drei Wochen endet der CSD in Berlin in einer Tragödie. Nun steigt die nächste Mega-Party - unter massivem Polizeischutz. Die Stimmung ist ausgelassen, es gibt aber auch einen stillen Moment.

Berlin (dpa) - Zehntausende Techno-Jünger schwitzen bei der Techno-Parade «Rave The Planet» im Berliner Tiergarten, tanzen trotz 35 Grad unablässig im Takt der Bässe. Die erste Großveranstaltung nach dem islamistischen Terroranschlag am Rande des Christopher Street Day (CSD) vor drei Wochen stellt Polizei und Veranstalter vor besondere Herausforderungen: Es gilt - ganz in der Nähe des damaligen Tatorts - die Sicherheit der Raver zu gewährleisten und sie gleichzeitig vor den Auswirkungen der Hitze zu schützen. 

Für das als Demonstration angemeldete Spektakel unter dem Motto «Imagine Love» auf der Straße des 17. Juni zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule gelten verschärfte Sicherheitsvorkehrungen. Die Polizei zeigt starke Präsenz und ist mit rund 1.500 Beamten im Einsatz. Ein Hubschrauber ist in der Luft, auch Drohnen will die Polizei zum Schutz der bis in den Abend andauernden Veranstaltung aufsteigen lassen. 

Drohnen und Absperrungen

Weiträumig sind Straßen und Wege in der Umgebung gesperrt und teils mit Pollern gesichert. Polizistinnen und Polizisten sind zu Fuß und auf Pferden auf den Wegen im weitläufigen Tiergarten unterwegs. S-Bahn-Züge halten nicht mehr am Brandenburger Tor. Auch die U-Bahnhöfe Brandenburger Tor und Bundestag werden nicht angefahren. 

Schweigeminute zum Auftakt 

Insgesamt erwarten die Veranstalter bis zu 300.000 Techno-Fans, die Polizei spricht gegen 17.30 Uhr von Zehntausenden Teilnehmern. Und die wollen richtig laut sein. Doch zu Beginn der Parade ist es erst mal ganz still. Mit einer Schweigeminute halten die Menschen kurz inne, um an die Opfer des Terroranschlags zu erinnern. 

Der Mitbegründer der gemeinnützigen Organisation «Rave The Planet», Dr. Motte, bürgerlich Matthias Roeingh, ruft die Teilnehmer bei der Auftaktkundgebung auf, an Liebe zu denken - für sich selbst, für die anderen. «Dann könnte daraus vielleicht Weltfrieden entstehen. Lasst uns doch diese Vision Wirklichkeit werden», so Dr. Motte. 

Julia Miosga vom Berliner CSD-Verein sagt: «Lasst uns mutig sein. Lasst uns Haltung zeigen. Jetzt erst recht.» Anna-Maria Seifert vom Karneval der Kulturen sagt: «Unsere Stadt Berlin ist stark, wenn die Menschen zusammenkommen. Wir sind viele, wir sind vielseitig und darin liegt unsere Stärke.» 

Anschlag mit Auto und Machete

Auch am 25. Juli beim CSD feiern Hunderttausende am Brandenburger Tor in Berlins Mitte, ehe der Horror am Abend seinen Lauf nimmt. Ein islamistischer Attentäter fährt in einem Wäldchen im Tiergarten mit einem Van in eine Menschengruppe und attackiert anschließend vermutlich mit einer Machete Anwesende. Eine Frau stirbt, und mindestens 31 Menschen werden zum Teil schwer verletzt. Einen Tag danach erschießt die Polizei den Terroristen. 

Viele der Teilnehmer bei «Rave The Planet» haben die Bilder von damals im Kopf. Doch sie wollen positiv denken, Haltung zeigen, ausgelassen feiern, Glück in der Gemeinschaft finden. Es ist eine Hitzeschlacht gegen die Terrorangst, die so manchen der zumeist jungen Raver auch körperlich einiges abverlangt. Rund 35 Grad im Schatten zeigen die Thermometer an, in der prallen Sonne auf der Straße des 17. Juni und am Großen Stern ist es viel heißer. 

Wasserwerfer bringt Abkühlung 

Die Polizei bietet nahe der Siegessäule einen Wasserwerfer auf: Er stößt das kühle Nass in regelmäßigen Abständen zu Erbauung der Raver aus. Einige Musik-Trucks, die zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule hin und her fahren, versprühen kühlenden Wassernebel. Wasserschläuche mit kleinen Öffnungen verschaffen den Menschen ebenfalls Abkühlung. Getränke sowieso.

Appell an den Verstand

Die Veranstalter riefen die Besucher im Vorfeld auf, auf sich zu achten: «Wir können den Leuten nichts vorschreiben und nur an den Verstand appellieren», so Ellen Dosch-Roeingh.

Die Polizei zieht am Abend eine erste positive Bilanz. Das Event verlief bislang «störungsarm in Relation zur Zahl der Teilnehmenden», wie ein Polizeisprecher am Abend auf dpa-Anfrage sagt. Vereinzelt habe es Straftaten gegeben, darunter Betrugsdelikte, Beleidigungen, Bedrohungen, gefährliche Körperverletzungen oder Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz. Bis zum Veranstaltungsende gegen 22.00 Uhr gab es 39 vorübergehende Festnahmen, wie der Sprecher sagte. 

An einer parallel laufenden «Fuckparade», die sich «gegen Kommerzialisierung und Verdrängung von Subkulturen» richtete, haben sich nach Polizeiangaben in der Spitze etwa 3.000 Menschen beteiligt. Dem Polizeisprecher waren zunächst keine größeren Störungen bekannt.

Zusätzliche Feuerwehrleute

Auch die Feuerwehr spricht von einer «noch recht entspannten Lage». Bis zum Abend habe es für die Helfer Einsätze im niedrigen zweistelligen Bereich gegeben, sagte ein Feuerwehrsprecher etwa eine Stunde vor dem Ende der Parade. In diesen Fällen brachte der Rettungsdienst Menschen in umliegende Kliniken.

Bei der Veranstaltung im vergangenen Jahr, bei der es regnete, mussten viele Menschen behandelt werden. Meist ging es nach Angaben eines Feuerwehrsprechers «um klassische Veranstaltungssymptome», also alkohol- oder drogenbedingte Probleme. 

Dieses Mal hat die Berliner Feuerwehr wegen der Techno-Parade zusätzlich 200 Helfer zu den üblichen 600 Diensthabenden im Einsatz, wie Sprecher Vinzenz Kasch sagt. Ein Großteil sind Ehrenamtliche. Ein Sanitätsdienst des Veranstalters ist im Einsatz, es sollte fünf Unfallhilfestellen geben. 

Viel trinken 

Das Motto bei vielen Ravern lautet: Viel trinken - und zwar Wasser. Etliche legen im Tiergarten im Schatten der Bäume eine Pause ein. Manche haben auch Wasserspray im Gepäck - wie Conny und Julia aus Köln. Außerdem haben sie «unglaubliche Mengen Wasser» im Rucksack, wie sie zeigen. Die Dusche vom Wasserwerfer der Polizei sei «mega», meinen sie - egal, was wann mit den aufgeklebten Glitzersteinchen im Gesicht passiert.

Frank und Nicolas aus Frankreich schwören ebenfalls auf Wasser - und Elektrolyte. Vor allem Frank ist erfahrener Techno-Parade-Gänger, war schon beim Vorgänger Loveparade dabei. «Das ist nicht nur eine Party, das ist für elektrische Musik, für die Kultur.» Melanie aus Solingen hat sich angesichts der Hitze für einen Bikini entschieden, der glitzert und an eine Discokugel erinnern soll. «Ich habe befürchtet, dass es heiß wird. Darum ist weniger mehr», sagt sie.

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15.08.2026 · 23:11 Uhr
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