«Greta»: Drama, Thriller, Komödie?

«The Crying Game»-Macher Neil Jordan bringt einen weiteren Film heraus, der sich nicht zuletzt durch seine Twists definiert.

Mit seinem Drama- und Thrillerelemente vereinenden Indie-Erfolg The Crying Game lieferte Regisseur und Autor Neil Jordan einen modernen Filmklassiker ab, der unter anderem für seinen berüchtigten Twist Ruhm erlangt hat, doch obendrein als packende Thematisierung des Nordirlandkonflikts in die cineastische Geschichte einging. Aber die Zeit rast: Seither sind 27 Jahre vergangen. Direkt nach The Crying Game folgte für Jordan noch der ebenfalls sehr erfolgreiche Interview mit einem Vampir, ehe erst einmal eine Reihe an (mal von der Kritik geachteten, mal weniger respektierten) Flops anstand. 2007 blühte Jordan mit dem Psychothriller Die Fremde in dir an den Kinokassen wieder ein wenig auf, ehe Ondine – Das Mädchen aus dem Meer und der Vampirfilm Byzantium zwar kommerziell brutal floppten, aber wenigstens wohlwollendes Kritikerecho erhielten.

Greta ist mit einem globalen Einspielergebnis von bislang über 13 Millionen Dollar zwar im Vergleich zu The Crying Game oder Interview mit einem Vampir ein sehr kleines Licht, allerdings hat Jordan mit seinem Neusten das Einspiel von Byzantium bereits mehr als um das 15-fache geschlagen. Darüber hinaus ist Greta, in gewisser Weise, ein Throwback in eine frühere Neil-Jordan-Karrierephase: Diese Geschichte zweier Frauen ist voller Wendungen und lässt sich nicht problemlos in eine Genreschublade quetschen: Ist es ein Paranoiathriller? Ein Drama über eine junge Frau, die ihre Mutter vermisst und sich daher auf eine Freundschaft mit einer klammernden, älteren Dame einlässt? Eine campige Parodie auf Thrillerdramen über empfindliche Frauen? Alle drei zusammen?

So oder so, Greta ist ein Film, wie ihn in den frühen bis mittleren 90er-Jahren der einst so geachtete, nunmehr vergessene Verleih Miramx in die Kinos gebracht hätte. Eine Programmkinokuriosität. Wenngleich eine, die längst nicht so gut ist, wie man es sich wünschen würde …

Ins Rollen kommt das Ganze, als die junge New Yorker Kellnerin Frances (Chloë Grace Moretz) in der U-Bahn eine Designerhandtasche findet, die ihre Besitzerin wohl offensichtlich vergessen haben muss. Während Frances' feierlustige, wohlhabende und sarkastische Mitbewohnerin und beste Freundin Erica (Maika Monroe) denkt, sie sollte das Motto "Wer's findet, dem's gehört" befolgen, will Frances den ehrlichen Weg gehen. Da sich in der Handtasche auch noch der Geldbeutel inklusive Ausweis befinden, überbringt Frances ihren Fund höchstpersönlich der Besitzerin zurück, der Klavierlehrerin Greta (Isabelle Huppert), die in einem geräumigen Appartement in Brooklyn lebt.

Die höfliche Dame mit französischem Akzent freundet sich rasch mit Frances an, deren beste Freundin Erica das Alles nicht geheuer ist: Sie schätzt Greta als klammernde Schrulle ein, und wirft Frances vor, sämtliche Warnsignale zu ignorieren, da sie den Tod ihrer Mutter noch nicht überwunden hat und nun eine Ersatz-Mutterfigur sucht …

Man braucht nur rudimentäre Filmerfahrung, um zu durchschauen, dass das Drehbuch von Ray Wright und Neil Jordan in das Themengebiet Stalking münden wird, wenngleich sich die Autoren durchaus Zeit lassen, bevor sie diese Karten auf den Tisch legen. Die Phase, in der Greta ambivalent wirken soll, ist daher der größte Schwachpunkt dieses Films: Das Wechselspiel zwischen "Ach, Erica ist zu misstrauisch" und "Oh nein, Frances sollte sich in acht nehmen!" mit überbetonten Heile-Welt-Augenblicken und noch lauter überbetonten Schreckmomenten, die eigentlich harmlos sind, Jordan aber mit panischen Orchesterklängen unterlegt, ist in den besseren Fällen albern und in den schwächsten Momenten so unfreiwillig komisch, dass Greta ins ungewollt-parodistische Fach gleitet.

Sobald Jordan jedoch endlich dieses "Oh, könnte dies ein Film über Stalking werden?"-Spielchen sein lässt, fängt sich Greta: Isabelle Huppert hat spürbaren Spaß daran, eine manische, pseudo-kultivierte Dame zu spielen. Und selbst wenn das Drehbuch ihr keinerlei Motivation oder sonstige tiefgehende charakterliche Aspekte an die Hand gibt, macht die Elle-Hauptdarstellerin dies durch ironisch angehauchte Intensität wieder wett. Schauspielerische Schnörkel, wie das verträumte Tänzeln nach einer brutalen Tat, sind faszinierend und amüsant, ganz egal, wie seltsam sie sein mögen. Und Suspiria-Nebendarstellerin Chloë Grace Moretz gibt ein passendes Ziel für Gretas (nicht-immer-)passive Aggressionen: Moretz füllt die enorme Naivität, die das Skript ihrer Rolle aufstempelt, mit einer sympathischen Gutherzigkeit, wodurch die diversen Fehlentscheidungen Frances' zwar haarsträubend bleiben, im Rahmen dieser Story aber plausibel erscheinen.

Fesselnde Spannung will sich so zwar nicht einstellen, trotzdem stellt sich eine Sogwirkung ein, da Wright und Jordan schwarzen Humor (Frances' Vorgesetzte wollen ihr nicht helfen, während Greta sie belästigt, da Greta eine Reservierung hat) und einen wahren Wust an Twists quirlig ineinander vermischen: Die Autoren machen die Vorhersehbarkeit des ersten Akts damit wieder gut, indem sie den Rest des Films über andauernd Haken schlagen. Manche kündigen sich sehr klar im Voraus an, andere werden gekonnt angetäuscht. So findet Greta nach dem ungelenken Start doch noch seinen Groove – als campiges Thrillerdrama, das bewusst dick aufträgt.

Weshalb der eigentlich so fähige Kameramann Seamus McGarvey (Bad Times at the El Royale, Anna Karenina) das Geschehen meistens so beleuchtet, als wäre Greta ein billiger Lifetime-Fernsehfilm, bleibt unterdessen unklar, dafür unterstreicht der Film im späteren Verlauf noch einmal, dass It Follows-Entdeckung Maika Monroe mehr Filmrollen erhalten sollte.

Fazit: Neil Jordans Greta ist ein alberner Stalking-Film, der jedoch durch seine wendungsreiche zweite Hälfte und seine Darstellerinnen durchaus kurzweilig geraten ist.

Greta ist ab sofort in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.
Kino / Die Kino-Kritiker
16.05.2019 · 09:20 Uhr
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