Experte: EY-Prüfberichte zu Wirecard wohl bald einsehbar - Insolvenzverwalter meldet reges Interesse an Unternehmensteilen - Aktie springt hoch

Das könnte im Fall Wirecard große Bedeutung haben, sagt Wirtschaftsprofessor Kai-Uwe Marten von der Universität Ulm. Seines Wissens nach wäre es das erste Mal, dass dieses Recht angewandt würde. Eingeführt wurde der entsprechende Paragraf 321a des Handelsgesetzbuches vor 16 Jahren infolge diverser Skandale.

"All jene, die Forderungen haben - etwa Banken und Lieferanten, in bestimmten Fällen aber auch Aktionäre - können Einsicht in die Prüfungsberichte der vergangenen drei Jahre beantragen, sobald das Insolvenzverfahren eröffnet ist", sagte Marten der Deutschen Presse-Agentur. Bei Aktionären gelte, dass sie ein Prozent des Unternehmens oder Aktien im Wert von mindestens 100 000 Euro halten müssten, um Zugriff auf die Berichte zu erhalten.

Beim Finanzdienstleister Wirecard fehlen rund 1,9 Milliarden Euro, die der Konzern in seiner Jahresbilanz 2019 auf der Habenseite verbuchen wollte. Das Unternehmen hat mittlerweile Insolvenz angemeldet. Wann das Verfahren eröffnet wird, steht noch nicht fest, und was mit den 1,9 Milliarden Euro ist, ist bisher ebenfalls unklar.

Seit Beginn des Skandals um Wirecard wird auch die Rolle der Wirtschaftsprüfer - in diesem Fall des Unternehmens EY mit Sitz in Stuttgart - hinterfragt. Martens, Fachmann für Rechnungswesen und Wirtschaftsprüfung, nimmt die Prüfer in Schutz. "Es ist ein großer Unterschied, ob man eine normale gesetzliche Abschlussprüfung durchführt oder gezielt nach Betrug sucht", erklärt er. EY habe lediglich den Auftrag gehabt zu prüfen, ob der Konzernabschluss von Wirecard mit den gesetzlichen internationalen Rechnungslegungsstandards übereinstimme.

An einer Sonderprüfung, wie KPMG sie dann im Fall Wirecard durchgeführt habe, seien Fachleute für Betrug wie beispielsweise ehemalige Kriminalkommissare und Finanz-Forensiker beteiligt, sagte Marten. "Der Abschlussprüfer hingegen kann zwar Experten hinzuziehen, er hat aber nicht das Recht, Unternehmen beispielsweise zu durchsuchen und Material zu beschlagnahmen. Wie dieser Fall zeigt, gelingt es unter Umständen nicht einmal bei einem sogenannten forensischen Auftrag, wie er KPMG erteilt wurde, einen Sachverhalt abschließend aufzuklären." Da kämen dann sogar nur staatliche Behörden mit ihren Ermittlungen weiter.

Sollten Betroffene Einsicht in die Berichte fordern, würde es spannend, sagte Marten. "Dann kann man sehen, was die Wirtschaftsprüfer im Fall Wirecard gemacht haben, ob es Verdachtsfälle gab und wenn ja, wie sie dem nachgegangen sind." Der Abschlussprüfer selbst dürfe darüber nur an den Aufsichtsrat des betreffenden Unternehmens berichten.

Insolvenzverwalter: Über 100 Interessenten für Wirecard-Assets

Für das Geschäft des von einem Bilanzskandal erschütterten Zahlungsdienstleisters Wirecard gibt es eine Vielzahl an Interessenten. Die Verkaufsprozesse für das Kerngeschäft der insolventen Wirecard AG, das Acquiring und Issuing-Geschäft, sowie die davon unabhängigen Geschäftsbereiche der Konzerngesellschaften weltweit laufen an, teilte der vorläufige Insolvenzverwalter Michael Jaffe mit. Mehr als 100 Interessenten hätten sich bereits gemeldet.

"Die potenziellen Investoren können sich nach Unterzeichnung einer Vertraulichkeitserklärung in Kürze in neu eingerichteten, virtuellen Datenräumen informieren und mit den Due Diligence-Prüfungen beginnen", so Jaffe. Das Ziel sei, zeitnahe Investorenlösungen im Interesse der Gläubiger, Arbeitnehmer und Kunden zu finden.

Am weitesten fortgeschritten seien die Aktivitäten für die US-amerikanische Gesellschaft Wirecard North America. "Hier ist die internationale Investmentbank Moelis & Company bereits mit Zustimmung des vorläufigen Gläubigerausschusses mit der Begleitung der Veräußerung der Gesellschaft mandatiert", heißt es in der Erklärung von Jaffe weiter. Auch für weitere internationale Beteiligungen sowie das Kerngeschäft, das Acquiring und Issuing, würden derzeit Investorenprozesse eingeleitet.

Jaffe bekräftigte, dass die Wirecard Bank AG nicht insolvent sei. Auszahlungen an Händler und Kunden der Wirecard Bank würden ohne Einschränkungen ausgeführt.

Nachdem die Wirecard-Aktie den Großteil des Handelstages tief im Minus verbrachte, konnte sie nach der Meldung, der Wirecard-Insolvenzverwalter würde reges Interesse an den Wirecard-Assets verzeichnen, letztlich zweistellig hochschnellen, sodass sie 22,96 Prozent fester bei 3,15 Euro aus dem Handel ging.

/axa/DP/zb

ULM (dpa-AFX)/FRANKFURT (Dow Jones)

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[finanzen.net] · 07.07.2020 · 17:53 Uhr
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