Europa verliert seine eigenen Talente – Deutschland ist keine Ausnahme
Über den Fachkräftemangel wird viel geredet, über die Abwanderung der eigenen Leute kaum: Deutschland verliert Jahr für Jahr mehr im Inland geborene Menschen ans Ausland, als zurückkehren. 2024 lag dieser Nettoverlust bei rund 91.000 Personen. Kumuliert hat das Land seit 2005 über eine Million im Inland geborene Menschen verloren. Das zeigt eine aktuelle Studie vom Datenstudio DataPulse Research, die Auswanderung und Rückkehr in 19 europäischen Ländern nicht nach Pass, sondern nach Geburtsland erfasst, und damit den tatsächlichen Verlust selbst ausgebildeten Humankapitals sichtbar macht.

140.000 ziehen weg, nur 50.000 kehren zurück
Deutschland hat in jedem Jahr seit mindestens 2005 mehr im Inland Geborene verloren, als zurückgekehrt sind. 2024 standen rund 140.555 Auswanderungen lediglich 49.488 Rückkehrern gegenüber. Auffällig an der Entwicklung ist vor allem der Einbruch bei den Rückkehrern: 2019 kamen noch 66.460 in Deutschland geborene Menschen aus dem Ausland zurück, bis 2024 sank diese Zahl um 26 %.

Wer geht, ist dabei keineswegs ein Querschnitt der Bevölkerung. Laut der Untersuchung sind 37 % der in Deutschland geborenen Auswanderer zwischen 25 und 44 Jahre alt, Ruheständler ab 65 machen nur 6 % aus. Eine vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB/GERPS-Panel) erhobene Zahl unterstreicht, um welche Gruppe es geht: 76 % der auswandernden Deutschen haben einen Hochschulabschluss, gegenüber 25 % in der Gesamtbevölkerung. Auffällig ist außerdem, dass fast 29 % der Abwanderung auf Kinder unter 15 Jahren entfallen. Es verlassen also nicht nur Einzelne das Land, sondern oft ganze Haushalte.
17 von 19 Ländern verlieren, zwei haben die Wende geschafft
Deutschland steht mit diesem Problem nicht allein. Berechnet man dieselbe Kennzahl für 19 europäische Länder, ergibt sich ein klares Bild: 17 davon verlieren mehr im Inland Geborene, als sie zurückgewinnen. In absoluten Zahlen führt Italien mit einem Nettoverlust von 64.917 Personen, ein Wert, der sich seit 2019 um 80 % verschlechtert hat. Gemessen pro 1.000 Einwohner trifft es kleinere Länder wie Luxemburg, Belgien und Schweden am härtesten. Schweden ist laut der Studie die größte Überraschung: Der Nettoverlust hat sich von 4.073 (2019) auf 12.898 (2024) verdreifacht, wobei 46 % der Auswanderer Kinder unter 15 Jahren sind, ein Hinweis auf massive Familienverlagerungen.

Bemerkenswert sind die Gegenbeispiele. Bulgarien und Litauen, die nach ihrem EU-Beitritt dramatische Bevölkerungsverluste erlitten, haben den Trend vollständig umgekehrt: Heute kehren mehr im Inland Geborene zurück, als auswandern. Auch Rumänien hat seine Bilanz seit 2019 um 79 % verbessert. Die Daten deuten darauf hin, dass anhaltendes Wirtschaftswachstum und bessere Lebensbedingungen selbst schwere Abwanderungswellen umkehren können.
Wohin sie gehen und warum
Die wichtigsten Zielländer für in Deutschland geborene Auswanderer sind die Schweiz (rund 20.700 pro Jahr), Österreich (rund 12.300) und die Vereinigten Staaten (rund 9.300). Ein Treiber ist deutlich messbar: die Belastung der Arbeit. Deutschland hat nach den OECD-Daten die zweithöchste Gesamtsteuerbelastung auf Arbeit unter den Industrieländern, 47,9 % der Arbeitskosten, einschließlich der Arbeitgeberbeiträge. In der Schweiz liegt die persönliche Steuerlast eines Standardarbeitnehmers nach demselben OECD-Maßstab bei 18,0 %, in Deutschland bei 37,4 %.

Doch die Steuer allein erklärt nicht alles, betont die Untersuchung ausdrücklich. Schweden, das in der OECD-Steuerlast nur auf Platz 10 liegt, weist die stärkste Verschlechterung im gesamten Datensatz auf. Eine ebenfalls zitierte DeZIM-Umfrage aus dem Jahr 2026 fand heraus, dass 21 % der in Deutschland lebenden Menschen eine Auswanderung erwägen, wobei mindestens 51 % von ihnen eine bessere Lebensqualität als Hauptgrund nennen. Lohnniveau, Karrierechancen, Wohnkosten, Sprache und Nähe wirken zusammen und werden individuell unterschiedlich gewichtet.
Was der Verlust kostet und was ihn ausgleicht
Rund 53 % der im Inland geborenen Auswanderer sind im Erwerbsalter. Auf den Nettoverlust 2024 angewendet ergibt das etwa 48.000 vermutlich wirtschaftlich aktive Menschen pro Jahr. Laut der Studie entspricht das, vorsichtig gerechnet, jährlichen Steuerausfällen von rund 1,1 bis 2,1 Mrd. EUR, über ein Jahrzehnt also 11 bis 21 Mrd. EUR. Eine in der Untersuchung zitierte ifo-Studie schätzte, dass allein eine einzige 30-jährige auswandernde Ärztin bis zu 1 Mio. EUR an entgangenen Lebenseinkommens-Steuern bedeuten kann.
Eine gute Nachricht enthält die Studie dennoch: Rund 84 % der in Deutschland geborenen Auswanderer bleiben in Europa, nur etwa 16 % verlassen den Kontinent. Europa verliert seine Köpfe also nicht, sondern verteilt sie um. Für die öffentlichen Finanzen des Landes, das diese Menschen ausgebildet hat, bleibt der Verlust real.

