Die verworrenen Allianzen im Norden Syriens

22. Februar 2018, 11:59 Uhr · Quelle: dpa

Damaskus (dpa) - Als die syrischen Regierungskämpfer in die Kurden-Region Afrin einrücken, jubeln sie wie bei einem Autokorso nach einem gewonnenen Fußballspiel.

Auf den Ladeflächen von Pick-ups strecken die Männer ihre Arme mit dem Siegeszeichen in die Höhe, während die Wagen den Kontrollpunkt passieren. Immer wieder stimmen sie denselben Chor an: «Eins, eins, Syrien ist eins.» Und ein Kämpfer mit leger geöffnetem Uniformhemd droht vor der Kamera: «Wir bleiben in Afrin, bis wir den türkisch-osmanischen Besatzer vertreiben.»

Afrin im Nordwesten des Bürgerkriegslandes Syrien: Seit etwa einem Monat steht die von Kurden kontrollierte Region im Fokus des blutigen Konflikts. Im Januar rückten türkische Truppen auf das Gebiet vor, um dort die Kurdenmiliz YPG zu bekämpfen. Zusammen mit verbündeten syrischen Rebellen gelang es ihnen, Gebiete an der Grenze zur Türkei einzunehmen. In ihrer Not schloss die YPG nun einen Pakt mit Syriens Regierung. Diese schickte am Dienstag Milizen zur Unterstützung der Kurden. Die türkische Armee antwortete umgehend mit Beschuss.

Jetzt wächst sie Sorge, dass es erstmals zu einer größeren Eskalation zwischen der Türkei und syrischen Regierungstruppen kommen könnte. Die Mächtigen in Ankara und Damaskus sind sich zwar seit Jahren spinnefeind, nicht zuletzt weil die Türkei im Bürgerkrieg Rebellen unterstützt - bislang gab es aber nur vereinzelt direkte Zusammenstöße. Eine Lösung des Konflikts ist nicht zu erkennen, weil es viele Konfliktparteien mit extrem gegensätzlichen Interessen gibt.

DIE KURDEN: Sie sind in dem Konflikt je nach Lage mit ganz unterschiedlichen Parteien verbündet, die sich teilweise bekämpfen. Im Zuge des mittlerweile fast siebenjährigen Bürgerkriegs gelang es den YPG genannten kurdischen «Volksschutzeinheiten», im Norden Syriens riesige Gebiete einzunehmen. Die Kurden errichteten dort drei Kantone, in denen sie eine «Selbstverwaltung» ausriefen - zum Missfallen der Türkei, aber auch der Regierung in Damaskus.

Das Verhältnis zwischen den Kurden und der Führung Syriens ist voller Konflikte. Schon unter dem früheren Präsidenten Hafis al-Assad beklagten sich die Kurden über Diskriminierung. Viele von ihnen besaßen lange keine Staatsbürgerschaft. Mit der «Selbstverwaltung» wollen sie ihren Traum von mehr Autonomie verwirklichen. In Afrin kooperieren die Kurden dennoch mit der Regierung in Damaskus - anderswo bekämpfen sich die beiden aber. Zum Beispiel im Osten des Bürgerkriegslandes.

Denn gleichzeitig entwickelte sich die YPG in Syrien zum wichtigsten Partner der US-geführten internationalen Koalition im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). US-Soldaten unterstützen die Miliz am Boden. Das führt nun zu einer bizarren Konstellation: In Afrin paktieren die Kurden mit der syrischen Regierung, die wiederum mit dem kurdischen Verbündeten USA verfeindet ist.

DIE TÜRKEI: In Afrin verfolgt Ankara mit der «Operation Olivenzweig» offiziell das Ziel, «Nordsyrien von allen terroristischen Elementen zu säubern». Tatsächlich richtet sich die Offensive gegen die YPG, den syrischen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Die Türkei teilt eine 911 Kilometer lange Grenze mit Syrien. Auf mehr als zwei Dritteln davon steht auf der syrischen Seite die YPG - aus Sicht Ankaras eine Terrororganisation, die die Türkei bedroht.

Dass die USA die YPG im Kampf gegen den IS unterstützen, hat zu einer schweren Krise zwischen Ankara und Washington geführt. Ein türkischer Präsidentensprecher betont, die Türkei unterstütze den Kampf gegen den IS - die USA hätten mit der YPG aber auf die falschen Alliierten gesetzt. Ankara hat zugleich Syrien davor gewarnt, in Afrin der YPG im Kampf gegen die türkischen Armee beizustehen.

SYRIENS REGIERUNG: Als im März 2011 im Zuge der arabischen Aufstände auch in Syrien Demonstrationen ausbrachen, ging die Führung in Damaskus dagegen mit Gewalt vor. Daraus entwickelte sich der Bürgerkrieg. Mittlerweile haben Regierungsanhänger wieder die größten Teile des Landes eingenommen. Zu verdanken hat Präsident Baschar al-Assad das vor allem seinen Verbündeten Russland und Iran.

Assad verfolgt das Ziel, das gesamte Land wieder unter Kontrolle zu bringen und die Einheit Syriens unter allen Umständen zu bewahren. Der Einsatz in Afrin gibt der Führung in Damaskus die Chance, ihren Einfluss auszudehnen. Allerdings entsandte sie keine Truppen der regulären Armee, sondern paramilitärische «Volkskräfte». Möglicherweise stehen diese in Verbindung zum schiitischen Iran, der Assad in dem Konflikt unterstützt. So finanziert Teheran Milizen, die an der Seite der Armee kämpfen, etwa die libanesische Hisbollah.

REBELLEN: Sie sind sowohl mit der Regierung in Damaskus als auch mit den Kurden verfeindet. In Afrin kämpfen Rebellenmilizen an der Seite der Türkei, von deren Unterstützung sie abhängen. Allerdings sind die im Bürgerkrieg ins Hintertreffen geraten und kontrollieren nur noch wenige Gebiete wie die Provinz Idlib im Nordwesten oder das von Regierungstruppen massiv bombardierte Gebiet Ost-Ghuta nahe Damaskus.

RUSSLAND: Die Position Russlands ist nicht eindeutig. Moskau ist einerseits ein wichtiger Verbündeter der syrischen Regierung, tritt aber andererseits zusammen mit dem Iran und der Türkei als Schirmherr von Verhandlungen auf. Zudem kooperierten die Russen mit den Kurden. Was Moskau dazu bewegt hat, dem Angriff der Türkei auf Afrin zuzustimmen, ist derzeit Gegenstand von Spekulationen.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow warnte vor einer Spaltung des Landes und forderte die Türkei dazu auf, mit Damaskus in Dialog zu treten. Man betrachte die Kurden nicht als Terroristen. Man habe aber auch nicht vor, die YPG zu unterstützen. Die Entsendung der Regierungstruppen nach Afrin kam allerdings unter Vermittlung Russlands zustande.

Generell will Russland den Konflikt in Syrien beruhigen, um den kostspieligen eigenen Truppeneinsatz zurückfahren zu können. Beobachter merken dabei an, dass Kremlchef Wladimir Putin vor der Präsidentenwahl in Russland am 18. März kein Risiko eingehen könne. «Für den Kreml ist es wichtig, die Wählerschaft nicht zu sehr auf internationale Fragen wie Syrien aufmerksam zu machen», sagte der Militärexperte Wladimir Popow der Zeitung «Nesawissimaja Gaseta». Eine gute Zusammenarbeit mit der Türkei könne hingegen hilfreich sein, um die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Ländern zu beleben.

Konflikte / Syrien / Türkei
22.02.2018 · 11:59 Uhr
[1 Kommentar]
Spaziergang gegen Einsamkeit
Berlin (dpa) - Die Bezüge für die rund 21 Millionen Rentnerinnen und Rentner in Deutschland steigen zum 1. Juli um 4,24 Prozent. Das teilte das Bundesarbeitsministerium in Berlin mit. Nach der aktuellen Berechnung aufgrund der Daten des Statistischen Bundesamtes und der Rentenversicherung steigen die Renten damit deutlich stärker, als noch im Herbst […] (01)
vor 11 Minuten
Florian Silbereisen
(BANG) - Die deutschsprachige Musikszene erlebt derzeit nicht nur glanzvolle Auftritte und TV-Shows, sondern auch besorgte Blicke hinter die Kulissen. Die 84-jährige Volksmusik-Legende Margot Hellwig hat öffentlich ihre Sorge um Entertainer Florian Silbereisen zum Ausdruck gebracht. In einem aktuellen Interview mit dem Magazin 'Prima Woche' zeigt sich […] (00)
vor 2 Stunden
Die klassische Glühbirne hat über ein Jahrhundert lang Wohnräume, Büros und Straßen erhellt. Doch ihre Zeit ist mittlerweile unwiderruflich vorbei und sie hat ausgedient. Moderne Beleuchtungstechnologien haben den Markt in den vergangenen Jahren grundlegend revolutioniert und bieten dabei Alternativen, die nicht nur deutlich leistungsfähiger sind, […] (00)
vor 10 Minuten
Crimson Desert nutzt die PS5 Pro voll aus – und das Ergebnis klingt beeindruckend
Pearl Abyss hat mit Crimson Desert eines der meistdiskutierten Open-World-Spiele der kommenden Monate in petto – und wer bisher auf ausführliches Konsolenmaterial gewartet hat, bekommt nun zumindest einen technischen Vorgeschmack. Die jüngsten Vorabberichte enthüllen, wie tiefgreifend das Spiel die Fähigkeiten der PS5 Pro ausschöpft, und was dabei ans […] (00)
vor 11 Minuten
Christian Bale
(BANG) - Christian Bale hat sich für seine Rolle in 'The Bride!' gezielt Elemente früherer Frankenstein-Darstellungen herausgepickt. Der 52-jährige Schauspieler verkörpert in Maggie Gyllenhaals Gothic-Romanze das ikonische Monster von Mary Shelley. Er erzählte, dass er sich unter anderem vom Film 'Bride of Frankenstein' von James Whale inspirieren ließ, […] (00)
vor 2 Stunden
Paralympics 2026
Cortina d'Ampezzo/Tesero (dpa) - Bei der Suche nach dem Quartier von Team D im Paralympischen Dorf von Cortina d'Ampezzo hält man vergeblich Ausschau nach einer deutschen Fahne. Erst im hinteren Drittel des Areals markieren schwarz-rot-goldene Wimpelketten die Unterkünfte von Alpin-Ass Anna-Lena Forster und ihren Mitstreitern. «Das Dorf in Cortina ist […] (00)
vor 39 Minuten
Revolut
London (dpa) - Die britische Neobank Revolut expandiert auf den hart umkämpften US-amerikanischen Bankenmarkt. Europas führende Digitalbank reichte in den Vereinigten Staaten offiziell Antrag auf eine nationale Bankenlizenz ein. Revolut will künftig in den USA Bankdienstleistungen ohne zwischengeschaltete Partnerinstitute direkt auf den US-Markt anbieten.  Die […] (00)
vor 26 Minuten
Start für den neuen Firmenlauf RUN5 TEAMSTAFFEL in Lübeck - Anmeldungen ab sofort möglich
Lübeck, 05.03.2026 (lifePR) - Premiere für die RUN5 TEAMSTAFFEL in Lübeck: Am 18. Juni 2026 findet auf dem Gelände des Volksfestplatzes erstmals das Team-Lauf-Event für Unternehmen, Institutionen und Laufbegeisterte statt – unter der Schirmherrschaft von Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau. Interessierte Teams können sich dafür ab sofort bis zum 27. Mai […] (00)
vor 1 Stunde
 
Tankstelle am 04.03.2026
Berlin - Der frühere Chef der Monopolkommission, Achim Wambach, hat Bundesregierung […] (00)
Öltanks in Katar (Archiv)
Washington - Der US-Handelsexperte Adam Posen sieht im Irankrieg vorerst keine Gefahr […] (01)
Landtag von Sachsen-Anhalt
Magdeburg (dpa) - Wenige Monate vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und unter dem […] (02)
Lufthansa Maschine aus dem Oman am Frankfurter Flughafen
Frankfurt/Main/Berlin (dpa) - Erleichterung für Hunderte gestrandete deutsche […] (02)
Steve Carell
(BANG) - Steve Carell glaubt, dass das "Herz von Eltern immer für ihre Kinder […] (00)
«Y-Kollektivs» blickt auf den Wehrdienst
Außerdem hat der SWR eine Dokumentation zum Thema J. D. Vance im Angebot. Könnte der […] (00)
Wladislaw Heraskewytsch
Kiew (dpa) - Sichtbare Zeichen auf der großen Bühne statt stiller Boykott: Der […] (00)
kostenloses stock foto zu 4k wallpaper, anlagekonzept, bitcoin
Der Bitcoin-Kurs hat sich Anfang März auf etwa 73.000 $ erholt, nachdem er […] (00)
 
 
Suchbegriff